"Kohlhaas": Das Recht des Rächers

21. Februar 2017, 16:49
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Matthias Hartmann inszeniert in Düsseldorf

Die neuen, engen, juristisch nicht haltbaren Einreisebestimmungen für Sachsen sind der Auslöser. Sie haben das Rechtsgefühl des Rosshändlers Michael Kohlhaas verletzt. Doch die juristischen Verfahren – um zwei Pferde und ihre Pflege – werden äußerst lange verschleppt, durch politische Vetternwirtschaft vertuscht, bis schließlich in Kleists Erzählung Rechts- und Rachegefühl als Selbstjustiz eine mörderische Eigendynamik entwickelt. Sogar Martin Luther und der österreichische Kaiser kommen über die vielen juristischen Instanzen ins Spiel. Gut möglich, dass Matthias Hartmann mit der Kleist-Inszenierung eigene Erfahrungen mit Politik und Gerichten nach seiner Entlassung als Burgtheaterdirektor komödiantisch abarbeiten wollte.

289 kleine, quadratische Tische bilden im Central, der Ausweichspielstätte des Düsseldorfer Schauspielhauses, die Bühne von Johannes Schütz. Man kann mit ihnen wie mit den Kapla-Holzbauklötzchen spielen, sie verschieben und dadurch Sitzmulden bilden, mit ihnen Podeste errichten, unter ihnen durchkriechen und sich verstecken, Radau machen und sie umstürzen oder aufeinanderstapeln.

Kein Vorhang trennt den Zuschauerraum, aber eine Papierleinwand auf den Tischchen lässt sich für Schattenspiele nutzen. Am Rand eine Windmaschine und ein Musiker (Karsten Riedel). Zwei schlichte, schwarze Stühle sind die Rappen, um die es im Prozess geht, und ein Schaukelpferd steht für die Kinder des Rosshändlers. Theater als Spielplatz.

Neun Schauspieler und neun Statisten führen völlig wortgetreu Kleists Erzählung auf. Hartmann verzichtet radikal auf jede Dramatisierung. Die oft waghalsig verschachtelte Architektur von Kleists Sätzen bleibt so erhalten, da die Figuren ausschließlich in der Erzählerperspektive ausgestellt werden. Oft als groteske Karikaturen, wie vor allem der gespreizte Junker Wenzel von Tronka.

Bedächtiger Mörder

Einen der "rechtschaffendsten zugleich und entsetzlichsten Menschen seiner Zeit" nennt Kleist Kohlhaas. Christian Erdmann führt eindrucksvoll viele Attitüden der Nachdenklichkeit, Besorgtheit, des ruhigen Nachforschens vor, vor allem scheint sein Kohlhaas ungemein lange geduldig mit der Willkür der Bürokratie zu sein. Sogar als Mörder und selbsternannter Racheengel wirkt Kohlhaas versonnen und bedächtig, zärtlich zu seinen Kindern – doch kaum entsetzlich. Der Abend bleibt so unentwegt unterhaltsam.

Dabei enthält Hartmann nicht einmal den etwas langen Schlussteil der Erzählung mit der mysteriösen Wahrsagerin den Zuschauern vor. Und auch der ängstliche Kurfürst von Sachsen (Thomas Wittmann) macht sich im Finale im Hintergrund bemerkbar und scheint Matthias Hartmann wohl Spaß und Schadenfreude zu entlocken. Immer wieder schleicht dieser Politiker in unterschiedlichen Verkleidungen um Kohlhaas herum und fürchtet ängstlich dessen geheimes Wissen. Nimmt der vom österreichischen Kaiser verurteilte Kohlhaas am Ende doch ein peinliches, gefährliches Staatsgeheimnis mit in den Tod? (Bernhard Doppler aus Düsseldorf, 21.2.2017)

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