"Schlagerland": Da, wo es wehtut

    22. Februar 2017, 07:00
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    Wenn mehrere Generationen mitsingen, ist das Schlager, lautet die Definition. Eine ARD-Doku widmet sich alten und neuen Helden im Land des kollektiven Selbstvergessens

    Wien – Blaue Magie spielt im Wind der Sonne / haucht mir sanft auf die Haut / irgendwo drehen die Gedanken Kreise / sind mal leis' und mal laut. Wer die Lyrik der Franziska Wiese für triefend fettigen Käse hält, hat nichts verstanden. Franziska Wiese ist die romantische Helene Fischer und wird gerade "gemacht".

    Echt gut, du

    Die Produzenten sind begeistert: "Echt gut, du." Franziska strahlt. Sie will mit ihren Texten berühren, sagt Wiese, die auch Geige spielt. Fotos zeigen sie meistens auf einer Blumenwiese.

    "Wenn ein Lied verschiedene Generationen dazu bringt, mitzusingen, dann hat man es geschafft, einen Schlager zu landen", sagt Florian Silbereisen in Arne Birkenstocks 90-minütiger Dokumentation Schlagerland um 23 Uhr, ARD. Silbereisen, wer ihn nicht kennt, wovon man nicht ausgehen kann, ist einer der ganz Großen im Land des eisernen Dauerlächelns.

    Obwohl, groß sind sie ja alle, irgendwie jedenfalls. Andreas Gabalier, Michelle, Jürgen Drews, Andrea Berg, Costa Cordalis, Roland Kaiser füllen heute Stadien, vor sich ein Publikum, das einen rhythmischen Discomarsch tanzt, dazu stampft, winkt, singt, schreit, jubelt, sich umarmt. "Den Alltag vergessen" nennt man das, unter dem Einfluss von ausreichend Alkohol geht das leicht.

    Die Orte der Erlösung tragen Namen wie "Olé-Party" und wirken wie Ausflüge in die Unterwelt des Umtata, randvoll mit zweifelhaften Göttern.

    "Viel Fleiß, viel Talent und viel Glück"

    Träume zu verkaufen war schon immer das Geschäft des Schlagers, dieser Höllengeburt des Wirtschaftswunders, die nach Jahren des Ausgebremstseins durch volkstümliche Unterhaltung als Partymusik fröhliche Urständ feiert. Das Volk arbeitet hart und will hart bespaßt werden, dafür sorgt eine gut geölte Kampffeierlaunen-AG. Deren Lieferanten wirken abseits der Bühne seltsam verlassen. Einer, der die Leere am eigenen Leib erlebt hat, ist Roland Kaiser. "Viel Fleiß, viel Talent und viel Glück", sieht er verantwortlich dafür, dass er heute auf der Bühne unter einer Autobahnbrücke Dich zu lieben ... anstimmt. Dem Schlager fehle heute "textlicher Zeitgeist", beklagt Kaiser. Branchengenossen wie Ralph Siegel und Gitte Haenning sehen das ähnlich.

    Von null auf hundert. Party, bis der Arzt kommt. Das Geschäft mit der guten Laune, es ist ein hartes. (Doris Priesching, 22.2.2017)

    • Der König, sein Volk und eine Stimme: Jürgen Drews singt "Ein Bett im Kornfeld". Jubel.
      foto: swr

      Der König, sein Volk und eine Stimme: Jürgen Drews singt "Ein Bett im Kornfeld". Jubel.

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