Querdenker in der Wissenschaft fallen "zunächst mal auf die Nase"

21. Februar 2017, 14:57
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Forscherleben wird trotz stärkerer Formalisierung immer weniger planbar

Wien – In der modernen Welt der Wissenschaft werden Karriereentscheidungen anhand möglichst objektiver, messbarer Kriterien getroffen. Das ist für die Forscher gut, die mit vielen Publikationen aufwarten können. Was geschieht aber mit jenen, die "nur" an einer, vielleicht verqueren, aber genialen Idee arbeiten? "Sie fallen erstmal auf die Nase", hieß es am Montagabend bei einer Diskussion in Wien.

Das heutige Wissenschaftssystem fördere eben stark die Entwicklung von Jungwissenschaftern, die viel Output produzieren, sagte die ehemalige Forschungs-Vizerektorin der Universität Wien, Susanne Weigelin-Schwiedrzik, bei einem vom Wissenschaftsministerium veranstalteten "Science Talk" mit dem Titel "Wie funktioniert Wissenschaft heute?". Es gebe allerdings eine Art Sicherheitsnetz im System: Potenziell geniale Weniger-Publizierer brauchen jemand auf der akademischen Karriereleiter Höherstehenden, der das Potenzial erkennt und "die Hand für denjenigen ins Feuer legt. Das wird auch gemacht", erklärte die Sinologin.

Vorteile und Schattenseiten

Dass die Universitäten ihre Auswahlverfahren "hochgradig formalisiert" haben, konstatierte auch die ebenfalls an der Uni Wien tätige Wissenschaftsforscherin Ulrike Felt. Das bringe zwar einige Vorteile mit sich – die Gefahr quasi jemanden zu übersehen, sei aber natürlich virulent. Ein Problem sei auch, "dass man die Lernkurven von Leuten nur schwer einschätzen kann". Es könne eben sein, dass jemand zwar viel vorzuweisen hat, aber bereits am Zenit angekommen ist, sagte Felt. Er habe umgekehrt auch schon die Erfahrung gemacht, dass auf den ersten Blick eher "unscheinbare" Leute eine "unglaubliche Entwicklung hinlegen", sprach der Experimentalphysiker Gregor Weihs von der Uni Innsbruck aus eigener Erfahrung.

Die unbestreitbare Zunahme an Formalisierung in der Forschungswelt sei auch der Tatsache geschuldet, dass in den vergangenen Jahrzehnten die Anzahl an Personen, die Doktorate und Postdoktorate absolvieren, sowie die Zahl jener Leute, die sich habilitieren, angestiegen sei. Die Laufbahnstellen an Forschungsinstitutionen wuchsen allerdings nicht annähernd in diesem Maße an, erklärte der an der Technischen Universität (TU) Wien tätige Mathematiker Clemens Heitzinger. In den USA könne es mittlerweile schon vorkommen, dass sich 400 bis 1.000 sehr gut ausgebildete Bewerber um eine einzige Stelle bemühen. Erfolg in einem solchen System sei dementsprechend kaum planbar, sagte der Wissenschafter.

Soziale Durchmischung besser als in den USA

Schlägt man also den Weg in die Wissenschaft ein, müsse man auch die bewusste Entscheidung treffen, sich dieser laut Felt "dramatischen Auswahlsituation" zu stellen, in der auch Glück eine nicht unwesentliche Rolle spiele. Hier steht die Frage im Raum, ob sich das nur jemand mit entsprechendem sozioökonomischen Hintergrund leisten kann? Das stimme natürlich teilweise, in Gegensatz zu den USA sei die soziale Durchmischung im heimischen Wissenschaftssystem allerdings deutlich besser, so der Tenor auf der Veranstaltung, in deren Rahmen auch die Sieger der Wahl des "Wissenschaftsbuch des Jahres" von Wissenschaftsminister Reinhold Mitterlehner (ÖVP) ausgezeichnet wurden.

Unterscheiden müsse man aber zwischen Natur- und Technikwissenschaften auf der einen sowie den Geisteswissenschaften auf der anderen Seite, führte Weigelin-Schwiedrzik ins Treffen. Klappt es mit einer unmittelbaren Forscherkarriere im ersteren Bereichen nicht, gebe es zahlreiche Möglichkeiten, sich anderweitig zu verwirklichen. Ein geisteswissenschaftliches Doktorat könne von Arbeitgebern außerhalb des Wissenschaftssystems aber schon als Überqualifizierung gedeutet werden. Der Weg sei also definierter und könne daher von Menschen mit mehr materiellem Background tendenziell leichter beschritten werden, gab die Wissenschafterin zu bedenken. (APA, 21.2.2017)

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