Integrationsgesetz: Experten sehen zu viel Zwang und Strafe

21. Februar 2017, 15:26
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30 Wissenschafter vermissen Angebote an Migranten – Wohnen und Bildung "völlig ausgespart"

Zu wenig Integrationsangebot orten 30 Wissenschafter, die von SOS Mitmensch um Stellungnahmen gebeten wurden, im Integrationsgesetz, das von der Bundesregierung vorgelegt wurde und sich in derzeit in Begutachtung befindet. "Einseitig" sei das Gesetz, meint etwa der Christoph Reinprecht, Soziologe und Migrationsforscher an der Universität Wien.

"Ein Integrationsgesetz sollte Menschen die Möglichkeit bieten, hier Fuß zu fassen, aber das ist nicht der Fall", so Reinprecht: Die wichtigsten Faktoren der Integration, nämlich Wohnen, Bildung und finanzielle Absicherung, würden "im Gesetz völlig ausgespart".

Zurückfallen "hinter internationale Standards"

Nur wenn es um Sanktionen gehe, kämen diese Themen indirekt vor – etwa als Drohung, die Mindestsicherung zu kürzen, wenn bestimmte Kurse nicht absolviert werden. Die Pflicht, Werte- oder Sprachkurse zu absolvieren, präge das Gesetz. Dass Integration aber auch eine Verpflichtung der Aufnahmegesellschaft sei, weil diese bereit sein müsse, die Ankömmlinge an der Gesellschaft teilnehmen zu lassen: Diese Komponente finde sich im Gesetz nicht. Reinprecht sieht darin ein Zurückfallen Österreichs "weit hinter die internationalen Standards".

Dieses Versäumnis missfällt auch dem Sprachwissenschafter Hans-Jürgen Krumm. Das Ziel, Zugewanderten ein rasches Erlernen der deutschen Sprache zu ermöglichen, sei unterstützenswert, die Wahl der Mittel hingegen kritikwürdig, so Krumm: Für Asylsuchende gebe es praktisch kein Deutschkursangebot, und nach der Asylzuerkennung biete man lediglich "Allerweltskurse, in denen man nur für Prüfungen lernt". Die beste sprachliche Integration finde jedoch dann statt, wenn Betroffene in der Ausbildung oder im Job in der jeweiligen Sprache kommunizieren können – und wenn sie begleitend berufsbezogene Deutschlernangebote erhalten. Doch davon könne derzeit keine Rede sein, da Asylsuchende nicht arbeiten dürfen und der Einstieg in den Arbeitsmarkt für Asylberechtigte auch im Integrationsgesetz kein Thema sei.

Nichts dazugelernt

Krumm kritisiert, dass aus der jahrelangen Erfahrung in puncto sprachlicher Integration von Zugewanderten keine Schlüsse gezogen würden. "Es wird nicht evaluiert, sondern es wird nur fortgeschrieben, was man seit 2005 gemacht hat", so Krumm.

Aus Sicht der Bildungsexpertin Heidi Schrodt ist die Integration an Schulen ebenfalls noch nicht in der Gegenwart angekommen: Immer noch würden angehende Lehrer und Lehrerinnen im Studium nicht auf die Realität, also den Umgang mit Mehrsprachigkeit, vorbereitet. Es fehle an ausreichendem Stützpersonal. Minderjährige Migranten und Flüchtlinge sollten bis zum 25. Lebensjahr gratis Bildungsangebote in Anspruch nehmen können, fordert Schrodt.

Gemeinnützige Arbeit positiv

Dass der Dienstleistungsscheck geöffnet wird und dass Asylberechtigte gemeinnützige Leistungen verrichten, sei positiv zu sehen, meinen die Experten – allerdings sollte dies "angemessen" entschädigt werden, so die Experten.

Mehr Therapieangebote für traumatisierte Flüchtlinge fordert Psychologieprofessorin Brigitte Lueger-Schuster – und weist darauf hin, dass auch professionelle Therapeuten "lediglich Krisenintervention betreiben" könnten, solange der rechtliche Status der Betroffenen nicht gesichert sei: Traumapatienten würden stabile Lebensverhältnisse brauchen, bevor sie sich einer Behandlung unterziehen können.

Für alle Zugewanderten gelte, dass Anfeindungen und Rassismus die Integration erschwerten, sagt Alexander Pollak von SOS Mitmensch – dass sich im Integrationsgesetz keine einzige Maßnahme zur Rassismusbekämpfung finde, sei deshalb "bedauerlich". (Maria Sterkl, 21.2.2017)

  • Die Lehrerausbildung nehme zu wenig Rücksicht auf die Realität in den Schulklassen, kritisiert die Bildungsexpertin.
    foto: christian fischer

    Die Lehrerausbildung nehme zu wenig Rücksicht auf die Realität in den Schulklassen, kritisiert die Bildungsexpertin.

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