Wenn Landgemeinden die Bank als Nahversorger verlieren

21. Februar 2017, 17:17
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Gemeindebundpräsident Mödlhammer ortet einen Trend zur Ausdünnung der ländlichen Infrastruktur auch bei Bankdienstleistungen

Wien – Gemeindebundpräsident Helmut Mödlhammer schlägt Alarm. Nach den Postamtsschließungen drohe nun mit Filialschließungen der Banken der ländliche Raum weiter auszudünnen. Gemeinden seien genötigt, für die Erhaltung von Bankdienstleistungen – etwa in Form eines Bankomaten – Geld aus der Gemeindekasse zuzuschießen, sagt Mödlhammer im ORF-Radio.

Hintergrund ist der Fall der steirischen Gemeinde Sankt Peter im Sulmtal. Dort sperrte vor Jahren die örtliche Raiffeisenfiliale zu. Erst vor drei Jahren sei es gelungen, sagte Bürgermeisterin Maria Skazel im ORF-Radio, wieder einen Bankomaten in die 1.300-Einwohner-Gemeinde zu bekommen. Um auf die mit der betreibenden US-Firma First Data vertraglich vereinbarten Mindestanzahl von 2.000 Geldabhebungen je Monat zu kommen, zahlt die Gemeinde für jede fehlende Behebung 40 Cent drauf. 2015 fielen so etwa 5.000 Euro an, so Skazel.

Abwärtsspirale befürchtet

Ein Einzelfall sei das nicht, sagt Daniel Kosak, Vizebürgermeister von Altlengbach und Pressesprecher beim Gemeindebund, dem STANDARD. Zehn bis 15 Gemeinden seien derzeit in einer ähnlichen Lage. Die Sorge: Das könnte erst der Anfang eines unerfreulichen Trends sein.

Franz Rudorfer, Obmann der Bankensparte in der Wirtschaftskammer, hält dagegen, dass Österreich mit 8.700 Geldautomaten (knapp 1.300 davon werden von den US-Firmen First Data und Euronet betrieben) immer noch ein Land mit einer der höchsten Dichte Europas sei.

Wie viele Bankfilialen im ländlichen Raum in jüngerer Vergangenheit zusperrten, kann Rudorfer nicht sagen, wohl aber kennt er das Dilemma, in dem sich die heimischen Institute befinden: "Die Aufsicht sitzt uns im Nacken, dass sie profitabler werden."

Private Infrastruktur kofinanzieren

Für Gemeindebundmann Kosak stellt sich die Frage, "in welcher Form die öffentliche Hand private Infrastruktur kofinanzieren muss". Die Problematik treibt auch Johannes Pressl, ÖVP-Bürgermeister von Ardagger, um. Auch in der Mostviertler 3.500-Einwohner-Gemeinde sperrte in einem Ortsteil im vergangenen Jahr eine Bankfiliale zu. Mit der Bank habe man sich geeinigt, dass zumindest der Bankomat bleibt, so Pressl. Die Miete von monatlich 290 Euro für das Lokal, in dem der Automat steht, übernimmt die Gemeinde. Allerdings wurde dort auch ein Dorfladen eingerichtet. "Einerseits ist eine Querfinanzierung nicht einzusehen, andererseits möchten wir die Bevölkerung nicht verlieren", sagt Pressl. Man stehe da gehörig unter Druck. "Man muss Wege finden, die für alle Beteiligten wirtschaftlich sind." Pressls Idee: Der Hofladen soll in den nächsten zwei Jahren auf eigenen Beinen stehen und auch die Miete erwirtschaften.

17.000 Behebungen habe es am Bankomaten pro Jahr zuletzt gegeben. 30.000 sollten es sein, damit ein Automat für Betreiber kein Verlustgeschäft ist. 2018, wenn die technische Erneuerung ansteht, so Pressls Vision, könnte nicht nur ein neuer Bankomat kommen, sondern ein multifunktionales Gerät, "mit dem man alle möglichen Bankgeschäfte erledigen kann". Gemeindebund-Sprecher Kosak weiß von anderen kreativen Ideen zu berichten. Im steirischen St. Oswald stehe der Bankomat an der örtlichen Tankstelle. Um auf die geforderte Frequenz von 30.000 Behebungen zu kommen, schicke man die Tankstellenbesucher zuerst zum Bankomat.

Verknüpfen mit Vergabe

Auch Gemeindebundpräsident Mödlhammer hat eine Idee. Man könnte die Banken mit sanftem Nachdruck auf ihre Nahversorgungsaufgabe hinweisen, etwa indem bei der Vergabe von Gelddienstleistungen wie Krediten jene Banken bevorzugt würden, die eine entsprechende Nahversorgung sicherstellen, so Mödlhammer im ORF-Radio. Bankensprecher Rudorfer will dem nicht gleich eine Absage erteilen. "Das kann man sich sicher einmal ansehen. Grundsätzlich sind Verbot und Zwang wahrscheinlich die falschen Instrumente." Ohnedies würden auch die Institute kreativ.

In der Region Leoben-Bruck hat etwa Raiffeisen fünf Zweigstellen zugesperrt. Stattdessen fährt hier ein Bus mit Bankomat, Kontoauszugsdrucker und Besprechungszimmer an Bord die Orte ab.

Noch wird ermittelt, wie stark die Bevölkerung die Dienste nützt. Könnte sein, dass zukünftig eben vermehrt neben dem Bäcker auch die Bank auf den Dorfplatz rollt. (rebu, 21.2.2017)

First Data betreibt in Österreich mehr als 1200 Bankomaten. Gemeinsam mit der US-Firma, Euronet, wird jeder siebente Bankomat in Österreich von einem Drittanbieter betrieben.

Siehe dazu auch: Kartellbehörde: Verbot von Bankomatgebühren ist nicht zielführend

Hier kann man nachsehen, ob in der Heimatgemeinde ein Bankomat zur Verfügung steht: https://www.psa.at

  • Geschlossen. In der Vergangenheit wurden zahlreiche Postämter zugesperrt. Jetzt folgen Bankfilialen. Für manche ländliche Gemeinden ist das eine echte Herausforderung.
    foto: standard/corn

    Geschlossen. In der Vergangenheit wurden zahlreiche Postämter zugesperrt. Jetzt folgen Bankfilialen. Für manche ländliche Gemeinden ist das eine echte Herausforderung.

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