Wie Österreich von der neuen Seidenstraße profitieren soll

21. Februar 2017, 08:00
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China investiert Milliarden, um antike Handelsrouten nach Europa neu zu beleben: auf der Schiene, der Straße und auf dem Meer

Wien – China will stärker am europäischen Markt mitmischen und damit seine handels- und geopolitische Bedeutung steigern. Um dieses Ziel zu erreichen, soll die historische Seidenstraße wiederbelebt werden – ein Netz alter Handelswege zwischen China und Europa. Davon würde auch Österreichs Wirtschaft profitieren, zeigt eine Analyse des Wiener Instituts für Internationale Wirtschaftsvergleiche (WIIW) im Auftrag des Wirtschaftsministeriums.

Die chinesische Investitionsoffensive "One Belt, One Road" sieht den Ausbau von Straßen-, Zug- und Seeverbindungen für den Warentransport nach Europa vor. Die Routen sollen dort verlaufen, wo bereits seit der Antike bis ins 19. Jahrhundert Waren zwischen den Kontinenten transportiert wurden; der geografische Fokus der chinesischen Investitionen in Europa liegt dabei auf dem Westbalkan. Für diese Region wurden bisher Projekte mit einer Investitionssumme von zehn Milliarden Euro bestätigt, vor allem im Infrastrukturbereich.

Positive Effekte für Österreich

Obwohl die geplanten Handelswege nicht bis nach Österreich führen, könnten allein die bisher bestätigten chinesischen Projekte eine Steigerung des österreichischen Bruttoinlandsprodukts (BIP) um rund 0,03 Prozent oder 128 Millionen Euro bringen, schreiben Julia Grübler und Robert Stehrer vom WIIW. Diese Effekte würden sich aus einer erhöhten Nachfrage in jenen ost- und südosteuropäischen Ländern ergeben, in denen China investiert und zu denen Österreich gute Handelsbeziehungen pflege.

Dass eine einmalige Steigerung des BIP um 0,03 Prozent ein zunächst eher überschaubarer Effekt wäre, räumen auch die WIIW-Autoren ein. "Der Effekt ergibt sich nur durch gesteigerte österreichische Exporte als unmittelbare Auswirkung der bereits bestätigten chinesischen Investitionen auf dem Balkan. Wichtiger als einmalige Nachfrageeffekte über Direktinvestitionen sind aber mögliche mittelfristige Einkommenssteigerungen in den Balkanländern, zu denen Österreich gute Handelsbeziehungen hat. Das würde nämlich zu einer größeren Nachfrage nach österreichischen Produkten führen", sagt Grübler. Um von den chinesischen Infrastrukturinvestitionen nachhaltig zu profitieren, hält sie es für sinnvoll, die bereits bestehenden Handelsverflechtungen mit den Balkanstaaten weiter zu vertiefen und die Präsenz österreichischer Firmen in diesen Ländern zu erhöhen.

Reduktion der Transportkosten

Langfristig könnte außerdem Österreichs Exportindustrie von der Reduktion der Transportkosten nach Zentral- und Südostasien profitieren, die sich durch den Ausbau der Seidenstraße ergibt.

Für diesen Ausbau kommen mehrere Routen infrage, und damit auch unterschiedliche teilnehmende Staaten. Der Landweg führt jedenfalls über die zentralasiatischen Länder Kasachstan, Kirgistan, Turkmenistan und Usbekistan. Über welche Länder es weiter bis nach Europa gehen soll, ist noch nicht geklärt. Eine mögliche nördliche Route schließt Russland und Weißrussland ein und führt über die Ukraine und Moldau bis nach Rumänien. Eine südlich verlaufende Route würde durch Zentralasien, den Iran, möglicherweise auch Irak und Syrien über die Türkei bis nach Bulgarien führen. Bereits heute besteht eine direkte Eisenbahnverbindung zwischen Madrid in Spanien und der Stadt Yiwu im Osten Chinas, ebenso von Hamburg bzw. Duisburg in das Reich der Mitte.

Knotenpunkt Griechenland

Der wichtigste europäische Knotenpunkt an der neuen Seidenstraße für den Seeweg nach Indien und China ist Griechenland. Im Juli 2016 hat die chinesische China Ocean Shipping Company (Cosco) 67 Prozent der Anteile des größten griechischen Hafens in Piräus übernommen. Hier sollen die Fäden zusammenlaufen zwischen dem Seetransport nach Europa und weiteren Transportwegen in die EU durch den Westbalkan.

Österreichs Verkehrsminister Jörg Leichtfried (SPÖ) betonte bereits im Vorjahr das Interesse am Ausbau der Seidenstraße und plädierte für eine Verlängerung der geplanten Route bis nach Wien. "Die Seidenstraße darf nicht vor den Toren Österreichs enden. Wien soll die zentrale Drehscheibe werden, von der aus Reisende in die umliegenden Länder kommen und Waren in ganz Europa verteilt werden", sagte Leichtfried im Juli 2016 bei einer internationalen Konferenz über die Seidenstraßeninitiative in Venedig. (Philipp Bauer, 21.2.2017)

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  • Ruinen und halbverfallene Häuser an der historischen Seidenstraße am Rande der Wüste Lut.  Der wichtigste europäische Knotenpunkt für den Seeweg nach Indien und China im Rahmen der neuen Seidenstraße ist Griechenland.
    foto: hans winter dpa

    Ruinen und halbverfallene Häuser an der historischen Seidenstraße am Rande der Wüste Lut. Der wichtigste europäische Knotenpunkt für den Seeweg nach Indien und China im Rahmen der neuen Seidenstraße ist Griechenland.

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