Sporthistoriker Müllner: "Hirscher muss gegen Youtuber antreten"

    20. Februar 2017, 17:07
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    Rudolf Müllner sieht bei Marcel Hirscher "eine besonders gute Basis", zur Heldenfigur zu werden. Neben Erfolgen brauche es "einen narrativen Mehrwert" wie bei Sailer, Schranz oder Maier

    STANDARD: Wie sehr hat Sie die Leistung beeindruckt, die Marcel Hirscher im Finish der Ski-WM erbracht hat?

    Müllner: Ich muss gestehen, den Slalom am Sonntag hab' ich nicht live gesehen, da bin ich eine Skitour gegangen. Aber natürlich ist Hirschers Leistung, vor diesem großen Publikum und bei einer so großen Erwartungshaltung wie auf Knopfdruck zu funktionieren, eine ganz außergewöhnliche. Die Dichte ist ja vor allem im Riesenslalom und Slalom wirklich groß, außerdem handelt es sich um eine extrem fehleranfällige Bewegungsform. Da sind auch dritte, vierte oder fünfte Plätze großartige Ergebnisse. Dass Hirscher gleich zweimal, noch dazu souverän, gewonnen hat, ist umso beeindruckender.

    STANDARD: Es gibt eine Kette österreichischer Skihelden, sie beginnt mit Toni Sailer und führt über Karl Schranz und Franz Klammer zu Hermann Maier. Hat sich Hirscher da bereits angegliedert?

    Müllner: Zunächst bilden natürlich Erfolge die Basis, so eine Heldenfigur zu werden. Und bei Hirschers Erfolgen ist die Basis besonders gut. Der sechste Weltcup-Gesamtsieg steht bevor, schon mit fünf Siegen ragt er heraus. Dazu kommen die vielen WM-Medaillen, nur ein Olympiasieg fehlt ihm noch. Aber darauf kommt es vielleicht gar nicht an.

    STANDARD: Worauf kommt es an?

    Müllner: Neben den Erfolgen braucht eine Figur einen narrativen Mehrwert, um in der österreichischen Sportgeschichte wirklich dauerhaft in Erinnerung zu bleiben. Mit dauerhaft meine ich nicht nur die nächsten zwanzig Jahre, in denen man an Hirscher natürlich nicht vorbeikommen wird. Im Moment beschäftigt er allein schon mit seinen Erfolgen sehr viele Menschen. Außerdem ist er eloquent, er ist spontan, er hat viele Sympathien. Er emotionalisiert durchaus zeitgemäß.

    STANDARD: Was war der narrative Mehrwert der Hirscher-Vorgänger?

    Müllner: Sailer ist nach dem Krieg für die Wiederauferstehung der österreichischen Nation gestanden. Er war der Held, der das kleine Land mit seinen drei Olympiatiteln 1956 auf die Weltbühne gebracht hat. Schranz hat, klassisch österreichisch, mit seinem Olympia-Ausschluss die Opferthese verkörpert. Mit Maier geht natürlich diese Wiederauferstehungsgeschichte einher – im Kleinen mit den zwei Olympiasiegen 1998 nach diesem unglaublichen Sturz, im Großen mit seinem Comeback nach dem schweren Unfall.

    STANDARD: Klammer?

    Müllner: Vielleicht ist Hirscher, was seine Nervenstärke angeht, mit Klammer gut zu vergleichen. Auch Klammer hat, als es darauf angekommen ist, geliefert und in der Olympiaabfahrt 1976 dem Druck standgehalten. Ich persönlich habe Klammer stark in Erinnerung. Ich war damals, in den 70ern, sehr gefangen in dieser chauvinistischen Ski-Euphorie.

    STANDARD: Wahrscheinlich lassen sich Helden aus unterschiedlichen Jahrzehnten generell schwer vergleichen.

    Müllner: Weil ja auch die Zeiten kaum zu vergleichen sind. Noch in den 70ern und 80ern gab es wahrscheinlich fünf wichtige Journalisten, die den Skitross begleitet haben. Die hat man als Skifahrer natürlich bald einmal gut gekannt, und das war's. Alles ziemlich überschaubar, alles ziemlich ruhig.

    STANDARD: Lässt sich also sagen, dass Hirscher nach dem Rennen ungleich mehr zu leisten hat als frühere Heroen?

    Müllner: Mit Sicherheit. Als Figur heutzutage hast du eine unglaubliche PR-Leistung zu erbringen. Es gibt so viele Medien, die etwas von dir fordern. Da und dort musst du dich positionieren. In der Politik ist es ähnlich. Jedes Stirnrunzeln, jedes Lächeln, jeder Schnaufer wird sofort interpretiert. Nichtigkeiten werden gleich verhandelt, auf alles gilt es, sofort zu reagieren.

    STANDARD: Hat es Hirscher schwerer, als Sailer es hatte?

    Müllner: Auch schwer zu sagen. Er hat jedenfalls viel mehr Konkurrenz, nicht nur in sportlicher Hinsicht. Der Kampf um Aufmerksamkeit ist härter geworden, und Aufmerksamkeit ist ein rares ökonomisches Gut. Hirscher muss, wenn er um Aufmerksamkeit ringt, gegen Youtuber antreten. Heute gibt es unzählige Figuren im öffentlichen Raum, die Geschichten erzählen. Sailer war eher eine singuläre Erscheinung in einer überschaubaren Mediensituation.

    STANDARD: Wie groß ist die Gefahr, sich als Figur oder Star völlig vereinnahmen zu lassen?

    Müllner: Hirscher ist einerseits eine öffentliche Figur mit unglaublicher Präsenz und höchster Professionalität – eine Erfolgsstory, quasi der American Dream auf österreichische Verhältnisse heruntergebrochen. Andererseits habe ich noch keine Hirscher-Homestory gesehen. Er achtet darauf, dass nicht alles breitgetreten wird, dass er sich ein Privatleben erhält. Es gibt sozusagen einen geschützten Bereich, das ist wohlüberlegt. Würde es noch mehr in die Tiefe gehen, quasi lugneresk, wäre das furchtbar.

    STANDARD: So groß seine Konkurrenz in nichtsportlicher Hinsicht sein mag, im österreichischen Skisport war Hirscher jahrelang allein auf weiter Flur.

    Müllner: Im Speedbereich muss man wohl noch darauf warten, dass ein neuer Stern aufgeht. Aber Manuel Feller, der Zweite im WM-Slalom, verspricht Originalität. Der ist nicht brav gekämmt, der könnte auch eine Figur werden. (Fritz Neumann, 20.2.2017)

    • Rudolf Müllner, hier im Universitäts-Sportzentrum Schmelz in Wien, hat etliche, aber nicht alle Rennen von St. Moritz im TV verfolgt. Hirscher hat ihn schwer beeindruckt. Es sei "eine ganz außergewöhnliche Leistung", bei einer WM "wie auf Knopfdruck zu funktionieren".
      foto: robert newald

      Rudolf Müllner, hier im Universitäts-Sportzentrum Schmelz in Wien, hat etliche, aber nicht alle Rennen von St. Moritz im TV verfolgt. Hirscher hat ihn schwer beeindruckt. Es sei "eine ganz außergewöhnliche Leistung", bei einer WM "wie auf Knopfdruck zu funktionieren".

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