Grazer Uni-Rektorin meldet sich nach Berufungs-Querelen zu Wort

20. Februar 2017, 15:28
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Christa Neuper sieht Österreichische Zeitgeschichteforschung nicht in Gefahr

Graz – Das Berufungsverfahren für den Lehrstuhl für Zeitgeschichte sorgt an der Universität Graz für Unruhe. Die bestqualifizierten Bewerber würden nicht zum Zug kommen und hochkarätige österreichische Bewerber seien nicht zum Hearing eingeladen worden, kritisierte einer der Gutachter im Verfahren öffentlich. Am Montag hat Rektorin Christa Neuper gegenüber der APA Stellung genommen: Sie sieht die österreichische Zeitgeschichteforschung nicht in Gefahr.

Ein Dreiervorschlag zur Besetzung des Zeitgeschichte-Lehrstuhls in der Nachfolge von Helmut Konrad liegt bereits vor, wie Rektorin Christa Neuper im Gespräch mit der APA bestätigte. Von den mehr als 60 Bewerberinnen und Bewerbern sind zuvor sieben Personen zu einem Hearing eingeladen worden. Allerdings hätte es laut einem der Gutachter im Berufungsverfahren "weitaus kompetentere Historiker" unter den Bewerbern gegeben: Pieter Judson (Europa-Universität in Florenz) hat bereits Ende Jänner öffentlich im Nachrichtenmagazin "profil" Kritik geübt.

Außerdem seien lediglich deutsche und Schweizer Kandidaten in die engere Auswahl gekommen. Der österreichische Literaturkritiker und Germanist Klaus Zeyringer beklagte, dass keiner der "höchstqualifizierten Bewerber aus Österreich" in die engere Wahl genommen worden sei. Von möglicher "Geschichts-Germanisierung" und "stillem Anschluss" ist die Rede.

Ausschreibung ohne Einschränkung

"Wir nehmen die Kritik sehr ernst", betonte Neuper, die sich hörbar ärgerte, dass "Interna eines laufenden Verfahrens nach außen gezerrt" wurden. Sie sehe bisher "keinen Hinweis, dass von den neun begutachteten Kandidaten nicht die besten drei auf den Dreiervorschlag gekommen sind". Es würde jedoch noch Expertenmeinungen eingeholt, "inwieweit bei der Vorauswahl den Kriterien des Ausschreibungstextes entsprochen wurde". Der Gesetzestext lasse allerdings ein Ausscheiden jener Bewerber zu, die den Kriterien der Ausschreibung "offensichtlich" nicht entsprechen: "Da gibt es natürlich großen Handlungsspielraum", räumte Neuper ein.

Ausgeschrieben war die Professur für "Zeitgeschichte" ohne Betonung oder Einschränkung auf "Österreichische Zeitgeschichte" wie Neuper ausführte. "Dem ist eine lange Diskussion mit Fachexperten, Vertretern der Fakultät und dem Rektorat vorangegangen". Resultat dieses Prozesses sei ein "ausgeprägtes Profil in der Zeitgeschichte mit einem oder mehreren Schwerpunkten in Bereich Nationalsozialismus, Gedächtnisforschung, Migration oder Geschlechtergeschichte".

Angstmache vor "Germanisierung"

Die Ausschreibung sei bewusst sehr allgemein und transnational gehalten worden, denn auch in der Zeitgeschichte "darf der Blick auf eine internationalisierte Welt nicht aus den Augen verloren werden". Hier erschiene es geradezu als eine Gefahr, wenn die Ausrichtung nationalisiert worden wäre. Selbst ein Zentraleuropaschwerpunkt schiene in diesem Fall zu eng. Die zentraleuropäische Perspektive werde bei der künftigen Neubestellung des Lehrstuhls für "Österreichische Geschichte" zum Tragen kommen.

Angstmache vor einer "Germanisierung" der Lehrstühle gingen "weit an den Grenzen eines sachlichen Kritik" vorbei, betonte Neuper. Schon gar nicht stimme, dass an der geisteswissenschaftlichen Fakultät nur drei von insgesamt 35 Professorinnen und Professoren aus Österreich kämen, wie medial kolportiert wurde. "Mit Stand Dezember 2016 waren es 25 internationale Professoren, 19 davon sind deutsche Staatsbürger", schilderte Neuper.

Schwerpunkt auf österreichische Zeitgeschichte

"Wir sind angehalten, die Professuren international auszuschreiben. Die Besetzungen erfolgen aber nicht im auf der Basis der Herkunft, sondern der Qualifikationen", betonte Neuper. Ganz im Gegenteil sei gerade am Zentrum für Jüdische Studien eine Ausschreibung nur für den uniinterne Nachwuchswissenschafter mit Karriereperspektive ("Tenure-Track") und Fokus auf Zeitgeschichte in Vorbereitung.

Die Sorge, dass die österreichische Zeitgeschichte nicht mehr ausreichend an künftige Lehrende vermittelt werden könnte, lasse sie ebenso nicht gelten, so Neuper. Fragen der österreichischen Zeitgeschichte hätten am Institut aus gewachsener Tradition einen ganz deutlichen Schwerpunkt.

Zurzeit seien es zehn, auch mittelfristig würden es zumindest zehn Habilitierte sein, die Bezug zur österreichischen Zeitgeschichte haben und auch entsprechende Abschlussarbeiten und Forschungsprojekte betreuen können. "Wir erwarten uns von der neuen Professur auch eine Befruchtung der österreichfokussierten Arbeiten", so Neuper. Weiters werde für den Bereich der Pädagogenausbildung gerade eine Fachdidaktik-Professur im Bereich Geschichte vorbereitet. (APA, 20.2.2017)

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