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22. Februar 2017, 12:00

Den Anfang machten die Frauen. Tausende Textilarbeiterinnen und Soldatenfrauen gingen in Sankt Petersburg, das damals Petrograd hieß, auf die Straßen, um für Frauenrechte, vor allem aber gegen die katastrophale Versorgungslage der Bevölkerung zu demonstrieren. Der Internationale Frauentag 1917 – nach dem in Russland noch gültigen julianischen Kalender der 23. Februar, im Westen der 8. März – fiel nicht nur in das vierte Jahr des Ersten Weltkriegs, der Menschen und Ressourcen in einem noch nie dagewesenen Ausmaß verschlang. Russland litt auch noch unter dem kältesten Winter seit Jahren.

In den Städten gab es kaum noch Brot und Heizmaterial. Schon seit Monaten war es immer wieder zu Streiks, kleineren Aufständen und Plünderungen gekommen. Bis zum Nachmittag des 23. Februar hatten sich immer mehr Menschen der Demonstration angeschlossen. Die Stimmung auf den Straßen veränderte sich. Neben den Rufen nach Brot wurden nun auch andere Forderungen lauter: "Nieder mit dem Krieg! Nieder mit dem Zaren!"

Der politische Charakter der Proteste trat immer stärker in den Vordergrund. Am nächsten Tag streikten bereits mehr als 200.000 Arbeiter und marschierten ins Zentrum Sankt Petersburgs, wo Reden gegen den Krieg und die Zarenherrschaft gehalten und Symbole der monarchistischen Autokratie unter den Augen der machtlosen Polizei zerstört wurden.

Schüsse statt Brot

Die Proteste ebbten nicht ab: Am 25. Februar trat die Arbeiterschaft in den Generalstreik, in den Betrieben wurden zur Koordination basisdemokratische Arbeiterräte – sogenannte Sowjets – gewählt. Nun strömten auch zunehmend Studenten und Bürger auf die Straßen der Hauptstadt.

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23. Februar 1917 (julianischer Kalender), Internationaler Frauentag: Demonstrantinnen fordern in Sankt Petersburg größere Essensrationen für die Familien von Soldaten.

Zu diesem Zeitpunkt hätten die Behörden die Situation womöglich noch unter Kontrolle bringen können. Selbst unter den radikalsten Aufständischen glaubten viele noch nicht daran, dass die Revolution gekommen war. Alexander Schljapnikow, ein Anführer der bolschewistischen Sozialdemokratischen Arbeiterpartei in Sankt Petersburg, wies die Hoffnungen seiner Mitstreiter mit den Worten zurück: "Gib den Arbeitern einen Laib Brot, und die ganze Bewegung bricht zusammen."

Doch statt Brot gab Zar Nikolaus II. aus dem Hauptquartier an der Kriegsfront in Mogilew den Befehl, "die Unruhen in der Stadt schon morgen zu liquidieren". Über Nacht bezogen Polizisten und Soldaten im Stadtzentrum Stellung. Als sich dort am nächsten Tag abermals hunderttausende Demonstranten versammelten, wurde das Feuer eröffnet. Zwar zögerten viele Soldaten, und einzelne liefen zu den Demonstranten über. Doch angetrieben von den Offizieren, wurde auf mehreren Plätzen in die Menge geschossen. Etliche Menschen starben.

Die Stimmung kippt

Dieser Gewalteinsatz, schreibt der britische Historiker und Russlandexperte Orlando Figes in seinem Buch Hundert Jahre Revolution, markierte den kritischen Wendepunkt. Die Demonstranten radikalisierten sich: "Sie realisierten, dass sie sich nun in einem Kampf mit dem Regime auf Leben und Tod befanden", sagt Figes, Professor für russische Geschichte am Birkbeck College der University of London. Unter den Soldaten hingegen kippte die ohnehin schlechte Stimmung vollends.

Als die Angehörigen des Wolhynischen Garderegiments, die bei dem Gemetzel rund 60 Menschen erschossen hatten, am nächsten Tag erneut einen Einsatzbefehl erhielten, meuterten sie und liefen zu den Demonstranten über. Schnell folgten weitere Regimenter ihrem Beispiel.

Nun wurden Militärdepots geplündert und Waffen an die Arbeiter ausgegeben, Polizeikasernen wurden gestürmt, Gefangene befreit und Verwaltungsgebäude angezündet. Die aufständischen Soldaten besetzten strategisch wichtige Orte wie Bahnhöfe und Telefonämter. Aus den mittlerweile vier Tage dauernden Protesten war eine ausgewachsene Revolution geworden, die nun auch auf Moskau überschwappte.

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Das Ende des Zarentums.

Doppelherrschaft

Die zaristischen Behörden hatten keine Kontrolle mehr über die Hauptstadt. Mehr Soldaten nach Sankt Petersburg zu schicken war riskant: Weitere Meutereien würden die Revolution nur stärken, die im Krieg stehende Armee hingegen schwächen. Dennoch beauftragte Zar Nikolaus II., immer noch an der Front in Mogilew, seinen General Nikolai Iwanow, "mit Truppen in Petrograd wieder Ordnung zu schaffen". Dazu sollte es aber nicht mehr kommen.

In Sankt Petersburg füllten indes zwei zunächst konkurrierende politische Zentren das entstehende Machtvakuum: ein Ausschuss der Duma – des schwachen russischen Parlaments -, bildete eine "provisorische Regierung", die von den liberalen Parteien dominiert wurde und eine demokratische Ordnung anstrebte.

Menschewiki am Zug

Die sozialistischen Parteien konstituierten hingegen als Vertretung der Arbeiter und Soldaten den "Petrograder Sowjet". Dort dominierten die gemäßigten Parteien, allen voran die Menschewiki – eine der beiden rivalisierenden Fraktionen der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Russlands, die sich 1903 aufgespalten hatte: Die Menschewiki waren gegen einen radikalen Umsturz in Russland und gegen die Organisation einer revolutionären Kaderpartei, wie sie die Bolschewiki unter Wladimir Iljitsch Uljanow, genannt Lenin, einforderten.

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3. April 1917: Der Anführer der Bolschewiki, Lenin, eigentlich Wladimir Iljitsch Uljanow, trifft aus seinem langjährigen Exil am Finnlandbahnhof von Sankt Petersburg ein.

Um zu verhindern, dass die Revolution im Chaos versinkt, einigte man sich nun auf eine Doppelherrschaft: Der Sowjet rief zur Unterstützung der provisorischen Regierung auf, behielt sich aber die Kontrolle über die Regierungsarbeit vor und verfügte damit über die legislative Gewalt im Staat.

Nun überzeugte die Regierung die Armeeführung davon, dass eine Fortsetzung des Krieges nur mehr durch die Abdankung des Zaren gewährleistet werden konnte. Ohne Unterstützung der Armee hatte der Zar keine Wahl – die 300 Jahre währende Dynastie der Romanows war am Ende. Am 8. März wurden Nikolaus II. und seine Familie unter Hausarrest gestellt. Den nächsten Machtwechsel sollten sie nicht lange überleben.

Dass Russland reif für eine Revolution gewesen war und es zu einem Sturz der Zarenherrschaft kommen würde, war, wie es der 2012 verstorbene britische Historiker Eric Hobbsbawm in seinem vielbeachteten Buch Das Zeitalter der Extreme formulierte, "seit 1870 von jedem aufmerksamen Beobachter in der Welt behauptet und erwartet worden". Die wachsenden politischen und sozialen Missstände und die ignorante, autokratische Herrschaft des Zaren hatten das agrarisch geprägte Land (noch 1917 lebten zwei Drittel der Bevölkerung von der Landwirtschaft) zunehmend in ein Pulverfass verwandelt.

Verhängnisvolle Rückkehr

Doch wann genau es zur Explosion kommen würde, konnte niemand ahnen. Noch wenige Wochen vor den Ereignissen des Februar 1917 zweifelte Lenin in seinem Schweizer Exil daran, die Revolution noch selbst zu erleben. Nun aber plante der Vorsitzende der Bolschewiki eilig seine erste Reise nach Russland seit mehr als zehn Jahren.

Als Lenin in der Nacht auf den 4. April am Finnlandbahnhof von Sankt Petersburg ankam, begrüßte ihn eine jubelnde Menge. Schon am nächsten Tag versetzte er seinen Anhängern einen Schock: Er forderte nichts Geringeres als den Sturz der provisorischen Regierung und die Übergabe aller politischen Macht an die Sowjets, die sofortige Verstaatlichung von Boden und Produktionsmitteln und einen bedingungslosen Friedensschluss mit Deutschland.

Sein als "Aprilthesen" berühmt gewordenes Programm widersprach einer weithin akzeptierten Grundthese des orthodoxen Marxismus: dass die proletarische Revolution erst auf eine Phase bürgerlich-kapitalistischer Herrschaft folgen könne. Die im Petrograder Sowjet vertretenen sozialistischen Parteien und sogar die Mehrheit der Bolschewiki sahen gerade deshalb die demokratischen Bestrebungen der neuen Regierung positiv. Die proletarische Revolution setzte nach Marx einen vollendeten Kapitalismus voraus, und davon konnte im unterentwickelten, agrarisch geprägten Russland noch lange keine Rede sein. Lenin hingegen wollte diese Phase einfach überspringen.

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Historische Aufnahmen aus dem Jahr 1917 in einem Rückblick aus 1967.

Dass es ihm gelingen konnte, immer größere Teile der Partei auf seine radikalen Ziele einzuschwören, lag zum einen sicherlich an seinem dominanten, charismatischen Auftreten. Vor allem bescherte ihm aber der Zulauf von immer mehr Arbeitern und Soldaten Rückhalt, die sich weniger für marxistische Diskurse interessierten als für Lenins Parolen: Frieden, Land, Brot. "Das waren zugleich auch die Kennwörter für die Fehler und Versäumnisse der provisorischen Regierung", sagt Manfred Hildermeier, Professor für Osteuropäische Geschichte an der Universität Göttingen.

Enttäuschte Hoffnungen

Die Regierung versuchte, ihr demokratisches Programm schnell umzusetzen, wurde aber den Erwartungen der Bevölkerung nicht gerecht. Hildermeier: "Das Problem war vor allem: Die provisorische Regierung sah ihre Aufgabe primär darin, Wahlen vorzubereiten, und dabei hat sie nicht bemerkt, dass ihr die Zeit davonlief."

Alle wichtigen Entscheidungen sollten erst nach den Wahlen getroffen werden. Die Regierung konnte und wollte daher keinen Konsens in der drängenden Frage erzielen, wie der Großgrundbesitz auf die Bauern aufgeteilt werden sollte (die die Sache im Sommer dann selbst in die Hand nahmen und gewaltsam Land besetzten). Auch gelang es nicht ansatzweise, die massive wirtschaftliche Krise einzudämmen, die das Land nach drei Jahren Krieg und dem Chaos der Revolution an den Rand des Abgrunds gebracht hatte.

Vor allem aber war die Regierung nicht gewillt, den Weltkrieg zu beenden -, was tatsächlich nur durch einen verlustreichen Separatfrieden mit Deutschland möglich gewesen wäre. Im Gegenteil: Auf Drängen Frankreichs startete Russland Ende Juni noch einmal eine Offensive an der Ostfront. Die Hoffnung, damit günstigere Bedingungen für spätere Friedensverhandlungen zu schaffen, brach wie ein Kartenhaus zusammen.

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4. Juli 1917: Truppen der provisorischen Regierung schießen nach der gescheiterten Militäroffensive an der Ostfront auf Demonstranten in Sankt Petersburg.

Aufstand im Juli

Massive Verluste beschleunigten die Auflösungserscheinungen der hauptsächlich aus Bauern rekrutierten Truppen. Unter den in Sankt Petersburg stationierten Soldaten wuchs die Angst, dass nun auch sie an die Front müssten. Anfang Juli kam es zu großen Demonstrationen. Teile der Bolschewiki versuchten, die Stimmung für einen Umsturz zu nutzen, scheiterten jedoch. Die Regierung setzte loyale Truppen ein, es folgte ein Gemetzel mit hunderten Toten. Erstmals seit dem Sturz des Zaren waren wieder Demonstranten erschossen worden. Die Soldaten der Hauptstadt waren fortan aber die zuverlässigste und wichtigste Bastion der Bolschewiki.

Lenin tauchte in Finnland unter. In Sankt Petersburg endeten indes die Versuche des neuen Vorsitzenden der provisorischen Regierung, Alexander Kerenski, die politische Situation zu stabilisieren, im Desaster. Er hatte den reaktionären Hardliner Lawr Kornilow zum Oberbefehlshaber aller Truppen ernannt, um die militärische Disziplin wiederherzustellen. Kornilow aber hatte weitreichendere Pläne: Er wollte offensiv gegen die Bolschewiken und Arbeiterorganisationen vorgehen und verlangte diktatorische Vollmachten. Als Kerenski dies verweigerte und ihn als Befehlshaber absetzte, befehligte er seine Truppen nach Sankt Petersburg.

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Der russische Maler und Grafiker Boris Kustodijew (1878-1927) widmete sich in seiner Arbeit den Ereignissen von 1917. Seine Bilder dienten vielfach als Vorlagen für Plakate, Kalender und Buchcovers.

Roter Oktober

Kornilows Aufstand scheiterte kläglich. Er wurde verhaftet, doch Kerenski und die provisorische Regierung verloren weiter an Rückhalt. Die Angst vor einer Konterrevolution mobilisierte noch mehr radikale Soldaten, zudem verdächtigten nun Zehntausende ihre Offiziere, Kornilow unterstützt zu haben, und desertierten. Lenin entschied, dass die Zeit reif für den Sturz der Regierung sei. Noch immer waren seine Pläne für die gewaltsame Machtübernahme in der Partei umstritten.

Viele wollten stattdessen den bevorstehenden Kongress der Arbeiter- und Soldatensowjets dafür nutzen, die anderen sozialistischen Parteien vom Bruch mit der provisorischen Regierung zu überzeugen und, auf demokratischem Weg, gemeinsam eine Alternative zu bilden.

Lenin war klar: Die Bolschewiki müssten in dem Fall die Macht und die politische Initiative teilen – und das kam für ihn nicht infrage. Er kehrte nach Sankt Petersburg zurück und setzte sich durch. In der Nacht auf den 25. Oktober – Stunden bevor der Sowjetkongress zusammentrat – ließ er von loyalen Truppen strategisch wichtige Punkte der Stadt besetzen.

Nachts darauf folgte die Einnahme des Winterpalasts, des Sitzes der Regierung. Der später zum heldenhaften "Sturm" hochstilisierte Umsturz erfolgte so reibungslos, dass die meisten Bewohner der Stadt erst aus der Zeitung davon erfuhren. Die Macht zu übernehmen, so sollte sich aber herausstellen, war wesentlich einfacher gewesen, als sie zu halten. Der Weg in die Diktatur war geebnet.

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25. Oktober 1917: "Sturm auf den Winterpalast". Diese ikonografische Aufnahme entstand allerdings beim Dreh von Sergei Eisensteins Stummfilm "Oktober" im Jahr 1928.

"Putin steht in der Tradition der Zaren"

Das Erbe der Revolution prägt die russische Politik und Gesellschaft bis heute, sagt der britische Historiker Orlando Figes. Die krisenhaften Demokratien könnten aus den dramatischen Ereignissen von 1917 lernen.

STANDARD: Ihr Buch "Hundert Jahre Revolution" zeichnet die Folgen des Revolutionsjahres 1917 bis zum Zusammenbruch der Sowjetunion nach. Gibt es auch Kontinuitäten in der heutigen politischen Kultur Russlands?

Figes: Zweifellos. Umfragen zeigen, dass ein Großteil der russischen Bevölkerung nach wie vor der Meinung ist, die sowjetischen Geheimdienste hätten die Gesellschaft beschützt – obwohl sie Millionen Menschen umgebracht haben. Das lässt annehmen, dass die Leute staatliche Gewalt für nationale Ziele als legitim erachten. Und die Auffassung, es gelte Feinde Russlands im Inneren wie im Äußeren zu bekämpfen, zieht sich ja auch seit Jahren durch Wladimir Putins Politik.

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Orlando Figes sieht Parallelen zwischen 1917 und heute.

STANDARD: Die politische Haltung der Bevölkerung ist also nach wie vor stark von der Sowjetunion geprägt?

Figes: Ich glaube, viele Aspekte müssen als Erbe der Revolution und von 75 Jahren kommunistischer Herrschaft verstanden werden. Die weitgehende politische Ergebenheit und Passivität der Bevölkerung, die Tendenz, Autoritäten nicht zu hinterfragen und abweichende Meinungen oder Werte nicht zu tolerieren, zählen sicher dazu. Das ist nicht wirklich überraschend, wenn man bedenkt, dass sich auch nach 1991 keine freie Zivilgesellschaft und keine verlässlich unabhängigen demokratischen Institutionen etablieren konnten.

STANDARD: Putin, der selbst im sowjetischen Geheimdienst KGB Karriere machte, gibt sich als starker Mann – sieht er sich in der Tradition der Revolutionsführer?

Figes: Ich glaube, er würde sich eher in der Tradition des 19. Jahrhunderts verorten. Putins Autorität wurzelt in einem starken Staat, der Sicherheit und nationale Interessen über Individualrechte stellt. Diese Politik gibt es in Russland ja nicht erst seit 1917. Die Ideologie der Zarenherrschaft im 19. Jahrhundert basierte auf den drei Grundpfeilern Autokratie, Orthodoxie und Nationalismus – und diese werden auch von Putin wieder stark betont. Damit stellt er sich sozusagen in eine Linie mit Zar Nikolaus I.

STANDARD: Nach welcher Rolle in der heutigen Welt strebt Russland dieser Logik zufolge?

Figes: Das Land will vor allem wieder eine größere Rolle in seinen Nachbarstaaten und im Nahen Osten spielen. Das rührt teilweise von Russlands imperialer Identität her, aber auch von der Revolution, die ja eine Weltrevolution hätte werden sollen und nach außen drängte. Diese beiden Ideen – imperiale Expansion und politischer Export – sind fest in der russischen Staatstradition verankert. Ich glaube nicht, dass Putin versucht, die Sowjetunion wiederauferstehen zu lassen, eher orientiert er sich an der russischen Geopolitik des 19. Jahrhunderts: Ziel ist, die Nachbarstaaten zu schwächen und vom Einfluss Europas abzuschneiden. Im Umgang mit Europa, vor allem mit Osteuropa, wird auf Subversion gesetzt.

STANDARD: Hundert Jahre nach der Russischen Revolution erleben wir heute eine massive Krise der liberalen Demokratien. Welche Lehren lassen sich aus den Ereignissen von 1917 ziehen?

Figes: Ich glaube tatsächlich, dass wir in einem neuen revolutionären Zeitalter leben. Der Erfolg der Demagogen, Wut, Frustration und Hass gegen die etablierten Institutionen zu mobilisieren erinnert alarmierend an die Zwischenkriegszeit. Die wahrscheinlich wichtigste Lehre aus 1917 ist: Die Verteidigung der demokratischen und rechtsstaatlichen Institutionen allein reicht nicht. Wir müssen eine soziale Demokratie verteidigen, wir dürfen keine Menschen zurücklassen. Die Entwicklungen der Globalisierung und Migration schüren Ängste, die Leute leicht radikalisierbar machen. In Fake-News und Social-Media-Blasen hören sie dann genau das, was sie hören wollen. Auch das erinnert an 1917 – schon damals zählten nicht Nachrichten, sondern vor allem Gerüchte.

Orlando Figes (57) ist Professor für russische Geschichte am Birkbeck College der University of London und Verfasser mehrerer Standardwerke über die Geschichte der Sowjetunion. Zuletzt erschien 2015 sein Buch "Hundert Jahre Revolution. Russland und das 20. Jahrhundert" (Hanser-Verlag).

(David Rennert, 22.2.2017)