"Lulu": In weiter Ferne – und doch so nah

    17. Februar 2017, 18:06
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    An der Hamburgischen Staatsoper nähern sich Regisseur Christoph Marthaler und Dirigent Kent Nagano Alban Bergs "Lulu" auf ungewöhnliche Weise. Inszeniert wird in Unterhosen im bürgerlichen Salon

    Hamburg – Selten ist eine Lulu so fern allen Erwartungen geraten. Selten aber auch so nah am überlieferten Originalfragment geblieben wie die Version, die Kent Nagano und Christoph Marthaler jetzt in Hamburg vorgestellt haben. Fern, weil der Schweizer die Klischees der Skandalgeschichte unterläuft. Nah, vor allem weil es heuer kaum eine Sängerdarstellerin gibt, die dieser Projektionsfläche für alle Frauenbilder, dieser Bedrohung männlicher Machtfantasien oder was auch sonst mit solch akrobatischer Virtuosität nahekommt wie Barbara Hannigan. Stimmliche Präzision in buchstäblich jeder denkbaren Körperlage, jugendlicher Habitus in einer faszinierenden Melange aus Fremdbestimmtheit und kühl kalkulierender Selbstbehauptung – das bekommt man derzeit nirgendwo so zu sehen und zu hören wie von der kanadischen Ausnahmesopranistin. Allein schon ihre Lulu lohnt den Abend. Und er ist lang – mit zwei Pausen.

    Den Rahmen für diesen Aufstieg und Fall der buchstäblichen Femme fatale liefert aber nicht allein das für Marthaler und seine Haus- und Hofausstatterin Anna Vierbock typische traumwandlerische Schweben ein paar Handbreit über der narrativen Logik einer Geschichte. Gemarthalert wird auch. Doch der Theaterkauz macht aus der Rahmenhandlung, also aus der Manege für die präsentierten Attraktionen aus dem Menschenzoo, eine Aufnahmesituation mit Mikrofon und einer Bühne im Hintergrund. Dazwischen lässt er einen Regisseur herumfuhrwerken, während die Gesangsnummern auch schon mal sitzend unterm Aufnahmemikrofon absolviert werden und ansonsten gar nichts passiert.

    Außer dass sich diese Lulu sichtbar in eine Rolle einfühlt, während sie die Männer in ihrer Lächerlichkeit wahrnimmt und nur in Unterhosen zum Jackett herumwuseln sieht. Für den gutbürgerlichen Salon von Dr. Schön wird die Tiefe des Bühnenraumes mit Holzfurnierwänden und Fenstern Richtung Stiegenhaus verkleinert. Sonst dominiert die Nüchternheit eines unaufgeräumten Backstagebereichs.

    Dazu passt, dass nach dem Ende des von Berg vollendeten zweiten Aktes die Begleitung der Gesangsstimmen auf eine Geige und zwei Klaviere reduziert ist. Als Alban Berg starb, lag seine Oper nur als Fragment vor. Der dritte Akt blieb Entwurf. Seit Friedrich Cerha diesen 1979 komplettierte, hat sich seine Fassung durchgesetzt.

    Miniaturpantomimen

    In Hamburg haben Nagano und Marthaler zusammen mit Johannes Harneit, Malte Ubenauf und Jochen Neurath aus dem überlieferten Particell eine Fassung gemacht, die dichter an Bergs Original ist, als es jede Vollendung von fremder Hand sein kann. Wohl um insgesamt die Klangbalance zu wahren und sich nicht mit der Sprödigkeit der Skizze zu verabschieden, hat man sich für Bergs Violinkonzert mit dem Untertitel "Dem Andenken eines Engels" als Epilog dieses Abends entschieden. Dazu zucken und gestikulieren fünf Frauen so vor sich hin und überlassen es dem Zuschauer, in ihren Miniaturpantomimen den Sinn zu erkennen.

    Mag sein, dass diese Hamburger Version keine Chance hat, die Cerha-Fassung zu verdrängen. Eine interessante Befragung ist sie allemal. Und eine formidable Kunstanstrengung. Neben der Ausnahme-Lulu tragen dazu vor allem auch Anne Sofie von Otter als Gräfin Geschwitz, Jochen Schmeckenbecher als Dr. Schön und Jack the Ripper und Matthias Klink als Alwa im hervorragenden Protagonistenensemble bei. (Joachim Lange, 17.2.2017)

    • Christoph Marthaler inszeniert in Hamburg unter dem Dirigat Kent Naganos Alban Bergs "Lulu"  einmal mehr als Traum in Furnierholz und Mehrzweckhalle aus DDR-Zeiten.
      foto: monika rittershaus

      Christoph Marthaler inszeniert in Hamburg unter dem Dirigat Kent Naganos Alban Bergs "Lulu" einmal mehr als Traum in Furnierholz und Mehrzweckhalle aus DDR-Zeiten.

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