Dmitri Schostakowitsch: Der lebende Leichnam mit dem Clownsgesicht

    18. Februar 2017, 17:00
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    Der britische Romancier Julian Barnes entfaltet in seinem grandiosen neuen Roman "Der Lärm der Zeit" das tragische Leben des Sowjetkomponisten Dmitri Schostakowitsch. Ein Gedankenkaleidoskop über die Schuldfrage in totalitären Zeiten

    Wien – Der sowjetische Komponist Dmitri Schostakowitsch (1906-1975) sah sich früh gezwungen, mit dem Schlimmsten zu rechnen. Er tat gut daran, das verhängnisvolle Interesse Stalins für seine Oper Lady Macbeth von Mzensk ernst zu nehmen. Mit dem Verbot dieses Meisterwerks klaffte plötzlich ein lebensbedrohlicher Abgrund vor ihm auf.

    Die von höchsten Parteistellen geäußerte Kritik an "formalistischen Tendenzen" in seiner grellen Musik kam einer Todesdrohung gleich. Von 1936 an entfesselte "Väterchen Stalin" eine beispiellose Säuberungswelle. Vertreter der Intelligenz, die eben noch als treue Parteigänger der Bolschewiki galten, verschwanden häufig für immer in den Folterkellern des NKWD.

    Man bezichtigte Schostakowitsch, der wichtigsten Losung von Sowjet-Gründervater Lenin zuwidergehandelt zu haben. Die Musik gehöre wie alle anderen Künste "dem Volke". Wer sich unterstand, scharfe Dissonanzen zu komponieren, der galt als entwurzelter "Speichellecker" der Bourgeoisie und ihres überfeinerten Kunstgeschmackes.

    Ernüchternde Biografie

    Der britische Romancier Julian Barnes ist nicht der erste Autor, der sich Dmitri Schostakowitschs Künstlertragödie annimmt – man erinnere sich an William T. Vollmanns Epochenporträt Europe Central. Aber er erzählt in Der Lärm der Zeit die ernüchternde Biografie eines Mannes, der gegen jede Wahrscheinlichkeit den eigenen Untergang überlebt. Der zu Anfang mit einem Köfferchen voller Leibwäsche auf dem Stiegenabsatz vor der Wohnung steht und kettenrauchend auf die Liftkabine mit den Häschern wartet. Rund um Schostakowitsch lichten sich die Reihen der sogenannten Klassenfeinde. Doch ausgerechnet zu ihm, Dmitri Dmitrijewitsch, kommen die Mörder nicht.

    Barnes, in der Auskleidung und im Fortspinnen historischer Stoffe wohlerfahren (Flauberts Papagei), hat ein schneidend scharfes Gespensterkonzert in drei Sätzen komponiert. Die Unversehrtheit seiner Existenz erkauft sich Schostakowitsch mit seinem moralischen Tod. Die Partei schließt ihren vermeintlich auf Abwege geratenen, verlorenen Sohn mit eisernem Griff in die Arme. Schostakowitsch schreibt patriotische Kantaten. Er klebt sogar seiner fünften Symphonie ein verblüffend optimistisches Ende an: "wie man einem Leichnam ein grinsendes Clownsgesicht anmalt."

    Sprechpuppe des Systems

    Die Sowjetmacht verändert ihrerseits das Antlitz. Auf Stalin folgt Chruschtschow: "Nikita Kukuruz", der von Musik so viel versteht wie "ein Schwein von Apfelsinen". Man versieht den "wichtigsten Komponisten des Landes" jetzt mit Annehmlichkeiten. Man gibt ihm zu verstehen, dass es im Interesse aller wäre, würde er die Leitung des staatlichen Komponistenverbandes übernehmen.

    Schostakowitsch resigniert nicht. Es ist alles noch viel schlimmer. Auf einer Friedenstagung in New York verliest man in seinem Namen eine Botschaft, in der ohne vorherige Mitteilung sein Idol Strawinsky grob verunglimpft wird. Man sieht den Mann mit den dicken Brillengläsern vor sich, wie er, von der Umwelt weitgehend unbemerkt, sich schwitzend die immer gleichen Fragen stellt.

    In eigener Sache ist Schostakowitsch Ermittler einer schwer zu beschreibenden Schuld: ein Dorfrichter Adam. Er muss die Facetten seiner Persönlichkeit zusammenklingen lassen. Die Wirkung ist von niederschmetternder Dissonanz. Kann ein persönlicher Feigling "tapfere" Musik schreiben? In Schostakowitschs Gehirn tuten die immer gleichen Signale. Sie sind so unangenehm wie die Sirenengeräusche in seiner zweiten Symphonie. Der moralische Kältetod verwandelt den begabtesten Tonsetzer seiner Generation in ein Gespenst, das jedes Mitleid verdient.

    Katastrophe, die zum Lachen reizt

    Was den einen wie der Triumph der Kunst über alle Versuche ihrer Gängelung erscheinen mag, ist für Schostakowitsch – und für Barnes – eine Katastrophe, die zum Lachen reizt. Ihre Bitterkeit besteht darin, dass Schostakowitsch niemandem von seinem Dilemma erzählen kann. Seine Ironie gerinnt zu essigsaurem Sarkasmus.

    Das Fazit dieses erschütternden, völlig ungeschwätzigen Buches ist ein schlichter Prosaakkord. In ihm kommt das Kaleidoskop zur Ruhe. "Statt ihn umzubringen, hatten sie ihn leben lassen, und indem sie ihn leben ließen, hatten sie ihn umgebracht." Und nach dem Tod? Schostakowitsch pflegte mit ernster Miene seine Hoffnung auszudrücken, es möge "nicht noch besser werden". (Ronald Pohl, 18.2.2017)

    Julian Barnes, "Der Lärm der Zeit". Roman. Aus dem Englischen von Gertraude Krueger. € 20,60 / 250 Seiten. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2017.

    • Was gilt die Macht der stolzesten Musik neben der eigenen (angeblichen) moralischen Schwäche? Komponist Dmitri Schostakowitsch, hier 1970.
      foto: imago / united archives international

      Was gilt die Macht der stolzesten Musik neben der eigenen (angeblichen) moralischen Schwäche? Komponist Dmitri Schostakowitsch, hier 1970.

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