Markus Breitenecker: Der hartnäckige Mister Privatfernsehen

Porträt19. Februar 2017, 09:00
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Breitenecker formte aus dem Österreich-Werbefenster auf ProSieben die dominierende Privatfernsehgruppe – und holt sich nun doch ATV

Der Boss des Münchner TV-Konzerns ProSieben flog zur Besichtigung des Fernsehsenders in der Wiener Aspernbrückengasse ein. Sein Tour-Guide durch die Studios: Markus Breitenecker. Der Gründer der österreichischen ProSieben-Dependance will beim Besichtigungsobjekt einsteigen.

Das war um den Jahreswechsel 1998/99. Breitenecker, damals gerade 30, hatte Monate zuvor begonnen, österreichische Werbung im sonst unveränderten ProSieben-Programm für Österreich zu verkaufen. Doch er will auch österreichische Inhalte, da kämen die besichtigten Studios recht. Breitenecker muss erkennen: "Die Euphorie in München ist nicht so groß." ProSieben lässt die Finger von dem Sender. Herbert Kloiber, Programmhändler aus Wien mit Sitz in München, steigt ein.

Kloiber macht 2000 aus dem Regionalsender Wien 1 ATV, vorerst über Satellit und einige Kabelnetze zu sehen. Und Breitenecker baut an seiner TV-Gruppe, vorerst ohne – und gegen – ATV. Und wie.

Rotzfrecher Herausforderer

Als ATV 2003 als erster legaler nationaler Privatsender startet, haben Breiteneckers Werbefenster von ProSieben, Sat1, Kabel 1 sowie Konkurrent RTL den Markt neben dem ORF längst besetzt. Sie sind weit billiger zu buchen als ORF oder heimische Privatsender: Ihr Programm hat schon der große deutsche Markt finanziert. Und Breiteneckers Gruppe verkauft nicht nur besonders aggressiv.

Der junge Mann aus wohlhabender Döblinger Arztfamilie positioniert sich vom Start weg als rotzfrecher Herausforderer, damals des großen Monopolisten ORF, viel später der Onlineriesen Google und Youtube.

Erst nach der Heirat – mit Jenny Rose aus der Jones-Modehändlerfamilie – und der Geburt von Zwillingstöchtern (und wenn gerade ein Kartellverfahren läuft) wird er in den 2010er-Jahren beruflich wie privat moderater auftreten; der Hang zu Hoodies indes verstärkt sich eher. ORF-Chef Alexander Wrabetz etwa meidet über Jahre Podiumsdiskussionen mit Breitenecker.

Breitenecker motiviert Kabelnetze und Satellitenreceiverhersteller, Sender mit österreichischen Inhalten auf den vorderen Programmplätzen einzuspeichern. Dass bei der "Österreich-Programmierung" zugleich deutsche RTL-Kanäle vor solchen mit österreichischer Werbung landen, will er nicht gewesen sein. RTL verzichtet lieber auf Programmfenster.

Pulsfrequenzen

In den ProSieben-Programmen sorgt Breitenecker trotz Skepsis aus München mit der ihm eigenen Beharrlichkeit für Ösi-Inhalte: Ab 2004 zeigt ProSieben "Austria Top News" und bringen bald alle Sender der Gruppe "Café Puls" am Morgen. Beides liefert ein Wiener Regionalkanal zu, um den sich Breitenecker ab der Lizenzbewerbung fürsorglich kümmert: Puls TV.

Anwalt Markus Boesch, seit dem Jus-Studium mit Breitenecker eng befreundet, ist Puls-Gründungsgesellschafter. Mit Boesch als Eigentümer hat Breitenecker schon das kurzlebige Privatradioprojekt Puls gegründet. Ein Treuhandverhältnis für Breitenecker weisen beide erbost zurück. Logisch: Gründet ein ProSieben-Manager nebenher einen TV-Sender, vermarktet und promotet ihn über die von ihm geführte ProSieben-Tochter, dann könnte das den Mutterkonzern verstimmen.

Und gar, wenn die Tochter den Sender kaufen soll: 2008 macht ProSiebenSat1 daraus das nationale Puls 4, neben Society und "Austria's Next Topmodel" auch mit anspruchsvollen Debatten: neue Konkurrenz für ATV.

1997 erweckte Breitenecker im Karriere-Porträt des STANDARD selbst Verdacht: "Mein großes Ziel ist, Unternehmer, möglichst im Medienbereich, zu werden." Damals wechselt der 28-Jährige vom (kurzlebigen) deutschen Wetterkanal von Vereinigte-Bühnen-Chef Rudi Klausnitzer ins Management des ProSieben-Ablegers Kabel 1. Dort ist er zuständig für Lobbying und Medienpolitik.

Politik macht Breitenecker bis heute sehr forsch mit dem Privatsenderverband VÖP. So forsch, dass ATV 2014 austritt. ATV-Manager Martin Gastinger nennt den VÖP eine "Witzveranstaltung deutscher Sender", er vermutet auch Preisnachlässe von Mitbewerbern für Werbekunden, die bei keinem anderen Privaten buchen.

"Untypischer Österreicher"

Nun holt sich Breitenecker ATV – und nicht nur in den Verband. ProSiebenSat1Puls4 ist längst TV-Marktbeherrscher, da und dort stärker als der ORF, mit Ergebnissen jenseits der 25 Millionen Euro.

Gerhard Zeiler war 1998 gerade noch ORF-Chef, als Breitenecker ProSiebenAustria begann, er führt danach die RTL Group und inzwischen Turner Broadcasting international. Wie sieht Österreichs erfolgreichster Fernsehmanager Zeiler den 48-Jährigen? Ein "ziemlich untypischer Österreicher: nie zufrieden mit dem Erreichten, seine Ziele 24 Stunden am Tag verfolgend, angstfrei seine Überzeugungen vertretend und für seine Ideen einstehend, auch wenn er in der Minderheit ist".

Zeiler war "relativ lange skeptisch", ob sich Breitenecker mit seiner Gruppe in Österreich durchsetzen kann. "Aber langsam bin ich überzeugt davon, dass keine noch so großen Schwierigkeiten ihm und dem Unternehmen, dem er vorsteht, den Erfolg streitig machen können." Nachsatz, lächelnd: "Ich glaube, er könnte ein fantastischer ORF-Generaldirektor sein." Vielleicht, wenn Breitenecker dort wie bei ProSieben als Unternehmer agieren könnte. Verdienen würde er als ORF-General jedenfalls ein Stück weniger.

Markus Breitenecker verschlägt es selten die Sprache, schon gar nicht bei guten Tipps für den ORF und seine Führung. Nur auf die Frage, ob er nicht gleich selbst ORF-Chef werden will, rang er vor Jahren hörbar um Worte: "Ich hoffe, dass man mir glaubt, dass ich die Gründung von Puls 4 und den Aufbau von ProSiebenSat1 als mein Lebensprojekt sehe."

Das Lebensprojekt hat er schon vor seinem 50er erledigt. Er findet nach ATV neue Ziele.(Harald Fidler, 19.2.2017)

  • "Fantastischer ORF-General": Zeiler über Markus Breitenecker.
    foto: apa / georg hochmuth

    "Fantastischer ORF-General": Zeiler über Markus Breitenecker.

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