Jonas Lüschers "Kraft": Die Mühen des Optimismus

19. Februar 2017, 16:51
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Identitäten, die aus Versatzstücken bestehen: Mitreißend, hintergründig und fein ironisch erzählt der Autor eine Diagnose unserer Zeit

Andauernd lesen wir vom miesen Zustand der Welt, Optimismus scheint unangebracht. Nicht nur angesichts aller Krisen dringt bisweilen die Debatte an die Öffentlichkeit, ob und wie Sprachkunst darauf reagieren solle. Eine derartige, kurze Auseinandersetzung haben Lukas Bärfuss, Peter Stamm und Jonas Lüscher vor ein paar Monaten geführt, interessant und weit über die Schweiz hinausreichend.

Nun legt Lüscher nach dem großen Erfolg der Debütnovelle Frühling der Barbaren (2013) seinen ersten Roman vor – beide Werke nicht nur ästhetisch gelungen, sondern auch eine Probe aufs Exempel. Mit seiner geplanten Philosophie-Doktorarbeit war er auf die These gekommen, Literatur sei der mathematisch-naturwissenschaftlichen Sichtweise auf die Welt überlegen. Und die klassischen Modelle der Ökonomie, sagt er, gehen von zu starken Vereinfachungen aus. Hingegen vermöge die Erzählung in "dichter Beschreibung" Einzelfälle zu einer Zeitdiagnose zu verweben.

Das bedingt freilich keine ungebrochen realistische Darstellung; gerade Ironie und satirische Untertöne, die Spannung zwischen Komik und Tragik macht den Reiz dieser Prosa aus. Hat er in Frühling der Barbaren die Finanzkrise und den arabischen Frühling in den Blick genommen, so schafft er jetzt mit Kraft einen Gesellschaftsroman, der vom Silicon Valley bis in die Achtzigerjahre zurückführt, Strategien in Politik und Academia angeht.

Was ist mit Gott?

Die Titelfigur Richard Kraft ist Professor für Rhetorik in Tübingen. Er steckt in finanziellen Schwierigkeiten, sodass er sich die Trennung von seiner Frau, einer Unternehmensberaterin, nicht leisten kann. Die Lösung scheint ihm eine Einladung nach Kalifornien zu bringen. Der hippe Internet-Krösus Tobias Erkner hat in Stanford einen Wettbewerb um eine Million Dollar ausgeschrieben. Gewinnen solle der Vortragende, der in 18 Minuten zur besten Zufriedenheit des Preisstifters die Frage der Theodizee beantwortet. Warum der allmächtige Gott das Übel in der Welt zulässt, lautet im Silicon-Valley-Titel "Theodicy and Technodicy: Optimism for a Young Millenium", also Gott- und Technik-Glaube.

So müht sich Kraft im Hoover-Tower der Uni Stanford, dem Sitz eines neoliberalen Thinktanks, mit dem Optimismus ab. Das Gebäude beherbergt die Hoover Institution on War, Revolution and Peace, ganz oben sieht man bis zu den "seltsamen Kultstätten" und "Geburtsorten dieser oder jener digitalen Lebensform", den Komplexen von Google, Apple oder Facebook.

Allein dieser Ort zeigt die vielschichtige Hintergründigkeit der Erzählanordnung. Den Roman durchziehen Thema und Symbolik von Frieden und Krieg, die Motive von Tonart und Glocke. Im Turm befinden sich 48 Glocken, auf der größten steht "For Peace Alone Do I Ring"; der erste Satz hingegen beschreibt ein Porträt des Kriegstreibers Donald Rumsfeld, jenes Verteidigungsministers, der dem "alten Europa" fehlende Kraft nachsagte. Das Bild hängt in Krafts Blickachse, während der Rhetoriker aus Deutschlands alter Universität eben einen europäischen Ton anzuschlagen überlegt. Er kommt allerdings nicht voran, weil er sich nicht nur mit seinem Text und seiner privaten wie politischen Vergangenheit plagt, sondern ihn auch dauernd das dumpfe Brausen und wütende Heulen des Staubsaugers in der Hand einer Mexikanerin stört. Es ist ein "vacuum cleaner", womöglich der Marke Hoover.

Lego-Philosoph

Der Roman wirft ein Schlaglicht auf das vom Zusammenbruch des Ostblocks entstandene Vakuum, auf den Neoliberalismus und dessen Zusammenhang mit dem Silicon Valley. Dorthin wollte Lüscher, wie er im Interview sagt, keinen deutschen Altlinken schicken, sondern einen Anhänger eben dieser Weltanschauung, der dann dennoch vor Ort ins Strudeln gerät.

Richard Kraft hatte sich als Student dem Thatcherismus und den Reaganomics verschrieben, einzig zur Distinktion. Unterstützung fand er in István, einem Ungarn mit falscher Fluchtgeschichte, der als Ivan nun in Stanford lehrt. Erkner, Ivan und Kraft sind alle drei auf ihre Art Dampfplauderer. So erweist sich der renommierte Rhetorikprofessor als Lego-Philosoph, seine geistige Identität besteht aus Versatzstücken.

Sprachlich ist diese Prosa bestechend, mitunter fein pointiert, etwa als Kraft und István in Berlin hinter den Absperrungen Ronald Reagan zujubeln: "Selbstverständlich war es ein erhebendes Gefühl, auf der richtigen Seite der Geschichte zu stehen, aber musste es dort unbedingt so voll sein?" Der Antagonismus ist ein Oberthema, das Lächerliche ersteht aus Kontrasten: Theodizee und Staubsauger, die Anstrengung zu Denkhöhen und ein Rudertrip in den Sumpf.

Das Scheitern im Intellektuellen wie im Privaten der Frauen- und Familiengeschichten schildert Jonas Lüscher aus auktorialer Perspektive. Indem sich der Erzähler knapp direkt einschaltet, erschwert er die Identifikation mit der Hauptfigur. Auf diese Weise stellt Lüscher diesen Kraft vor einen kulturellen, politischen und ökonomischen Hintergrund, sodass dieser in den Vordergrund dringen kann, ohne den Charakteren die Tiefe zu nehmen. (Klaus Zeyringer, Album, 19.2.2017)

Jonas Lüscher, "Kraft". € 20,10 / 237 Seiten. C.-H.-Beck-Verlag, München 2017

  • Nach einem kraftvollen Debüt, jetzt sein Roman: Jonas Lüscher.
    foto: lüscher

    Nach einem kraftvollen Debüt, jetzt sein Roman: Jonas Lüscher.

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