Vater der "Arte povera", Jannis Kounellis, gestorben

17. Februar 2017, 17:19
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Er machte Kunst mit dem Bekenntnis zum "armen" Material und brachte neue Dimensionen in die künstlersiche Denkweise ein

Wien – Aus scheinbar wenig etwas machen, darin bestand die Kunst Jannis Kounellis'. Der gebürtige Grieche gehört nicht nur zu den weltweit wichtigsten Vertretern der Arte povera, sondern gilt gemeinhin als der "Vater" jener Strömung "armer Kunst", die sich ab den späten 1960ern von Italien ausgehend mit den rauesten und einfachsten Materialien beschied, um daraus Subtileres zu schaffen: Jute, Holz, Metall, Erde, Feuer, Kohle, Wolle, aber auch Fleisch.

1956 zog der werdende Maler und Bildhauer als 20-Jähriger von Athen mit seiner Frau nach Rom, um an der Accademia di Belle Arti zu studieren. Nach dem 1949 zu Ende gegangenen Bürgerkrieg war in Griechenland kein Platz für aufrührerische Ideen, sein Vater allerdings war Antifaschist gewesen – und sein eigener Geschmack das Andersartige und philosophisch Angehauchte. 1963 baute Kounellis also in seiner Wahlheimat erstmals zufällig aufgefundene Gegenstände in seine Gemälde ein und begann, bereits benutzte Materialien für neue Kunstwerke zu verwenden.

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Kounellis war am Puls der Zeit: Es war auch die Ära, als von der anderen Seite des Atlantiks her Pop, Minimal, Op und die außerhalb der kommerziellen Galerieräume stattfindende Land-Art propagiert wurden. So verschieden sie in ihren Motivationen und Ausprägungen sind – alle stellten sie alte Begriffe von Sujet und Material, von schön oder hässlich, kunstwürdig oder nicht, wertvoll oder billig infrage. Mit Joseph Beuys war Kounellis befreundet, mit Marcel Duchamp konnte er hingegen wenig anfangen. Nur Konzept war ihm immer zu wenig.

Raumgreifende Arbeiten

Oft nahmen diese Arbeiten sehr viel Platz ein, wie jene Aktion, bei der er 1969 zwölf Pferde in einer Galerie in Rom anband und dem Verkaufsraum damit ein marktwiderständiges Schnippchen schlug. Dies war auch seiner bis zuletzt beibehaltenen Arbeitsweise geschuldet, in Installationen, die er oft ganz spezifisch für bestimmte Räume und Orte schuf, Bezug auf diese zu nehmen.

Seine letzte Ausstellung in Österreich widmete ihm das Museum Essl in Klosterneuburg 2011 (zusammen u. a. mit Jörg Immendorff und Antoni Tàpies unter dem Titel Schönheit und Vergänglichkeit), für dessen Eröffnungsschau the first view er 1999 bereits eine Installation gefertigt hatte. Nun hängte er Teile eines verwitterten, mit Lackresten überzogenen Holzbootes an einen mehrere Meter hohen Mast – ein Hinweis auf die draußen vorbeifließende Donau genauso wie eine Erinnerung an seine Kindheit und Jugend in der Hafenstadt Piräus.

Spuren statt Stil

"Mir geht es nicht darum, einen Stil zu finden", sagte Kounellis später über seine Arbeiten, die an sich selbst die Spuren ihres bisherigen Weges ins Atelier und weiter in den Ausstellungsraum trugen. Recycling quasi. Erfolge stellten sich damit bald ein: er nahm an den Documentas 5 und 7 teil, war zweimal auf der Biennale in Venedig vertreten, bei den Skulptur Projekten Münster hängte er einen riesigen Sack gefüllt mit Möbeln auf. 1994 erhielt er hierzulande den Oskar-Kokoschka-Preis.

Zu hängenden Skulpturen aufgeknüpfte Steine, in Regalen ruhende Reihen von Kartoffelsäcken oder Kaffeebohnen, an geteerte Wände genagelte Schuhe (einmal sogar die eigenen, die er gerade trug, woraufhin er sich neue kaufen musste) – heute finden sich Arbeiten des ehemaligen Düsseldorfer Kunstprofessors, die oft von dunklen und Schwarztönen dominiert werden, in Museen und Sammlungen auf der ganzen Welt. "Ich bin eine griechische Person, aber ein italienischer Künstler", beschrieb er sein Selbstverständnis einmal. Am Donnerstagabend ist Kounellis knapp einen Monat vor seinem 81. Geburtstag in Rom gestorben. (Michael Wurmitzer, 17.2.2017)

  • Der Bildhauer, Objektkünstler, Maler Jannis Kounellis.
    foto: apa/afp/thomas samson

    Der Bildhauer, Objektkünstler, Maler Jannis Kounellis.

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