Jugendkulturforscher: "Die Jugend hat Furcht vor dem Abstieg"

Interview18. Februar 2017, 08:53
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Warum sich Junge fürchten und was dagegen vor allem für Lehrlinge zu tun ist, erklärt Bernhard Heinzlmaier

STANDARD: Aufwertung der Lehre gegen den Facharbeitermangel, mehr Durchlässigkeit des tertiären Bildungssystems für lebensbegleitendes Lernen – die Pläne sind groß. Geht es für die Jungen mit der Lehre bergauf, lässt der Druck zum "Aufstieg" nach?

Heinzlmaier: Aber überhaupt nicht. Karl Marx hat den Begriff der Verdinglichung geprägt. Der Lehrling der Gegenwart ist also gezwungen, ein kalkulierendes Wesen zu sein, mehr als früher immer bedacht darauf, so zu sein, dass er dem Produktionsprozess möglichst unauffällig dienlich sein kann. Der Lehrling ist nicht mehr als Mensch relevant, sondern lediglich als anonyme Persona, die eine standardisierte Aufgabe zu erfüllen hat. Erst am Abend, nach der Arbeit, darf er wieder aus seiner Rolle fallen. Der Druck, anders sein zu müssen, als man tatsächlich ist, ist besonders in einer Abstiegsgesellschaft, in der vor allem die Jungen abstiegsgefährdet sind, riesengroß. Wir wissen ja, dass die Pensionisten ihre soziale Position in der Regel halten können, während die Jungen häufig hinter die Statusposition ihrer Eltern zurückfallen. Oliver Nachtwey entwickelt in seinem Buch Die Abstiegsgesellschaft die "Rolltreppenmetapher".

STANDARD: Was bedeutet diese konkret?

Heinzlmaier: Sie bedeutet, dass man nur durch das permanente Anlaufen gegen die Fahrtrichtung der Rolltreppe seinen Platz halten kann. Wer nur kurz stehenbleibt, fährt ungebremst in die Tiefe. Auf Lehrlinge umgelegt: Wer nicht jeden Tag in Berufsschule und am Arbeitsplatz gegen die Drift nach unten ankämpft, geht unter, was so viel heißt, als dass er aus der regulären Lehre herauskippt und in der überbetrieblichen Lehre landet. Und wer dort ankommt, ist innerhalb der Lehrlingshierarchie, marxistisch gesprochen, im "Lumpenproletariat" angekommen. Und damit sind wir beim Thema der Furcht. Die Jugend der Gegenwart hat Furcht vor dem Abstieg, vor allem der Lehrling, und diese ist berechtigt, weil er eine der schwächeren Positionen in der Bildungshierarchie besetzt. Sie gründet darauf, übersehen, vergessen und irgendwann einmal aussortiert zu werden.

STANDARD: Bei niedrigster Qualifikation – da soll ja die Ausbildungspflicht helfen ...

Heinzlmaier: Ich bin kein Freund von Pflichten und Verpflichtungen, vor allem deshalb, weil sie primär immer den sozial und kulturell Schwachen, den relativ Machtlosen auferlegt werden. Während man für die Eliten die Welt dereguliert, (über)reguliert man das Leben der Prekären und Abgekoppelten. Übertribunalisierung stimuliert Passivität oder Widerstand. Es ist davon auszugehen, dass die unteren Schichten diese neue Pflicht über sich ergehen lassen, um dann nach dem 18. Lebensjahr in die Arbeitslosigkeit und Sozialhilfe zurückzukehren. Dies hängt wohl damit zusammen, dass Automatisierung und Digitalisierung der Produktion nicht adäquat kompensiert werden können. Die neuen Arbeitsplätze, die für die Unterschichten und unteren Mittelschichten entstehen, werden überwiegend Dienstbotenjobs sein, wie das Ausfahren von Speisen für eines der unzähligen Lieferservices. Hier zeigt sich ein Phänomen, das wir aus dem Silicon Valley kennen. Die unteren 30 Prozent der Gesellschaft werden nach und nach in Dienstboten für die Oberschicht verwandelt. Das ist das hässliche Gesicht der zunehmend unerträglich weit gespreizten Einkommens- und Vermögensstruktur. Bildung ist heute keine hinreichende Ressource mehr, um in eine stabile Position am Arbeitsmarkt zu kommen und Anerkennung zu erreichen. Schon höhere Bildungsabschlüsse sind dafür keine Garantie mehr, niedrige, wie Lehrabschüsse, schon gar nicht. Wichtiger denn je ist das soziale und kulturelle Kapital des Herkunftsmilieus – man braucht Beziehungen und adäquate Umgangsformen. Durch die Ausbildungspflicht werden diese nicht vermittelt. Der Mangel an sozialem und kulturellem Kapital ist aber der Hauptgrund für das Scheitern der bildungsfernen Schichten am Arbeitsmarkt.

STANDARD: Was ist zu tun, wo ist anzusetzen?

Heinzlmaier: Wichtig wäre, die Reform der Berufsschulausbildung. Zuerst muss die Lehrausbildung um mindestens ein Jahr verlängert werden. Dies ist deshalb notwendig, weil es vielen Jugendlichen im dualen System vor allem an sogenannten Soft Skills fehlt, d. h. es sind vor allem Sozialisations- und Habitusdefizite, die sie am Fortkommen hindern. Um die Defizite der familialen Sozialisation auszugleichen, muss eine Bildung erfolgen, die über die rein fachbezogene Ausbildung hinausgeht und die vor allem in der Vermittlung kultureller Werte und sozialer Handlungskompetenzen besteht. Dafür müssen in der Berufsschule Kurse eingerichtet werden, in denen die Jugendlichen die Umgangsformen der Mittelklassen lernen sowie deren Kompetenzen im sprachlichen und schriftlichen Ausdruck, generell Lebensstilkompetenz. Wenn wir nur die fachlichen Qualifikationen im Auge haben, werden die Jugendlichen der unteren Sozialschichten niemals konkurrenzfähig im Wettbewerb mit den Kindern aus den Mittelschichten werden.

STANDARD: Sehen Sie nur wirkungsohnmächtige Maßnahmen vonseiten der Politik?

Heinzlmaier: Es ist faszinierend, dass der Politik in erster Linie ordnungspolitische Maßnahmen einfallen, wenn es um die Lösung von Bildungs- und Arbeitsmarktproblemen geht. Man will die jungen Leute mit Druck in die richtige Richtung lenken und vergisst dabei, dass man Menschen nur bewegen kann, wenn man ihnen Zuversicht und Selbstvertrauen gibt. Einen Menschen, der nichts mehr zu verlieren oder kaum etwas zu gewinnen hat, wird man auch nicht mit Druck ins Berufssystem integrieren können. Er wird alles über sich ergehen lassen und am Ende wieder in die Passivität zurückfallen. Es geht grundsätzlich um Anerkennung für das untere Drittel der Gesellschaft. Auch die Lehrlinge sind Menschen, die nicht nur "hergerichtet" werden wollen. Sie können auch den legitimen Anspruch erheben, die Welt, die sie umgibt, in ihrem Sinn herzurichten. Und auch das sollen sie in ihrer Ausbildung lernen und daneben auch dazu ermutigt werden. Das sind Fragen der Menschenwürde.

STANDARD: "Oben" gegen "unten" und umgekehrt?

Heinzlmaier: Der bildungsferne Mensch ist zu einem Objekt einer aggressiven Aufklärung geworden, dem permanent signalisiert wird, dass so gut wie nichts an ihm richtig ist. Wer dermaßen mit Menschen umgeht, darf sich nicht wundern, wenn diese einen Elitenhass ausprägen und genau das Gegenteil von dem machen, was man von ihnen verlangt.

STANDARD: Welche bildungspolitische Unterstützung ist also vonnöten?

Heinzlmaier: Wir brauchen dringend einen Ausbau der Bildungsinstitutionen für das untere, prekäre bis abgekoppelte Drittel der Gesellschaft. Wir brauchen den Ausbau des staatlichen Sektors im Bereich des Gesundheitswesens, der sozialen Dienste, der ökologischen Sanierung der Natur. Dieser Sektor ist in Österreich zu klein. Er könnte einerseits Arbeitskräfte aufnehmen, die in der produktiven Wirtschaft nicht mehr gebraucht werden, andererseits könnte durch gemeinschaftliche Arbeit das gesellschaftliche Klima verbessert werden, wodurch Passivität und Abstiegsängste zurückgedrängt würden. Wir brauchen Ausbildung in breiten Grund- und Flächenberufen mit anschließender Spezialisierung, um so später die Beweglichkeit der Lehrlinge am Arbeitsmarkt zu erhöhen. Es ist Unsinn, heute noch jemanden zum Friseur auszubilden. Zeitgemäßer wäre es, einen Stylingexperten auszubilden, der über eine umfassende Qualifikation im Feld der Bodymodifikation – vom Piercing bis zur Frisur – verfügt. Und hört endlich auf, die Lehre immer nur anhand von Spitzenleistungen zu bewerten. Es ist schön, wenn Österreich Europa- und Weltmeister in Handwerksberufen hervorbringt. Leider sagt das über die Qualität und Zukunftsfähigkeit der Lehre in ihrer gesamten Breite überhaupt nichts aus. (kbau, 18.02.2017)

Zur Person

foto: apa

Bernhard Heinzlmaier ist seit über zwei Jahrzehnten in der Jugendforschung tätig. Er ist Mitbegründer des Instituts für Jugendkulturforschung und leitet das Marktforschungsunternehmen tfactory.

  • Bildung sei heute keine hinreichende Ressource mehr, um in eine stabile Position am Arbeitsmarkt zu kommen und Anerkennung zu erreichen, sagt Jugendkulturforscher Bernhard Heinzlmaier. Er plädiert dennoch für eine Reform der Berufsschulausbildung.  "Dies ist deshalb notwendig, weil es vielen Jugendlichen im dualen System vor allem an sogenannten Soft Skills fehlt, d. h. es sind vor allem Sozialisations- und Habitusdefizite, die sie am Fortkommen hindern."
    foto: istock

    Bildung sei heute keine hinreichende Ressource mehr, um in eine stabile Position am Arbeitsmarkt zu kommen und Anerkennung zu erreichen, sagt Jugendkulturforscher Bernhard Heinzlmaier. Er plädiert dennoch für eine Reform der Berufsschulausbildung. "Dies ist deshalb notwendig, weil es vielen Jugendlichen im dualen System vor allem an sogenannten Soft Skills fehlt, d. h. es sind vor allem Sozialisations- und Habitusdefizite, die sie am Fortkommen hindern."

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