Die Geschichten der Alten

    Glosse19. Februar 2017, 10:00
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    Es gibt viele Familiengeschichten, die von Blut triefen. Nicht nur auf dem Balkan. Und es gibt viel schlimmere Familiengeschichten als die meiner Vorfahren

    Von Zeit zu Zeit erzähle ich unserem Sohn beim Einschlafen Geschichten von seinen Vorfahren. Manchmal sagt er: "Laaaangweilig!" Er ist sieben. Und ich sage: "Du sollst nur wissen, wo du herstammst. Eines Tages könnte das für dich wichtig sein ..." Aber dann sehe ich ein: Er ist eben erst sieben. Also sage ich: "Papa liebt dich! Vergiss das bloß nicht, wenn du einen Job hast!"

    Die Rote Zora aus Amerika

    Deine Uroma Ružica Wagner ist in Amerika geboren. Aber als junge Frau geht sie zusammen mit deinem Uropa zu den slawonischen Partisanen und schießt auf deutsche Soldaten. Es sind komplizierte Zeiten, weil da grad ein Weltkrieg ist. Aber einfach gesagt ist es so: Die deutschen Soldaten schießen auf alle – und alle schießen zurück. Auch deine Uroma Ružica.

    Aber geboren ist sie in Amerika. In einer Stadt namens Iselin in Pennsylvania. Da lebt damals ihre Mutter, das ist deine Ururoma Katarina Wagner. Da hat ihr Papa ein Lebensmittelgeschäft. Eines Tages kommt ein Amerikaner, der zwei große Märkte besitzt, und will Katarina heiraten. Aber daraus wird nichts. Der Amerikaner ist nämlich schwarz, weil seine Vorfahren aus Afrika kommen. Und deine Vorfahren, die Wagner-Sippe, sind Rassisten. Also heiratet deine Ururoma einen schneeweißen Kroaten und bekommt drei Kinder. Eines davon ist deine Uroma. Sie ist keine Rassistin, sondern wandert mit ihrer Familie zurück nach Slawonien und wird Kommunistin.

    Spätestens an diesem Punkt merke ich, warum mein Sohn manchmal sagt: "Laaaangweilig!" Wie und wann sage ich meinem Kind, was Nazis, was Rassisten, was Kommunisten sind? Und warum Leute aus Afrika schwarz sind?

    Texte wie dieser

    Es gibt Texte, die plötzlich ein Eigenleben entwickeln. Ursprünglich will ich einen Text über meine Vorfahren schreiben. Und warum ich meinem Sohn von ihnen erzähle. Und warum das wichtig sein könnte. Die Frage scheint uralt zu sein: Wer ist besser dran? Ein namenloser Findling oder der, der seinen Stammbaum kennt?

    Als ich ein Kind bin, glaube ich, Serbe zu sein. Einfach weil wir in Beograd leben und Serbisch sprechen. Und vor allem, weil ethnische Zugehörigkeit in unserer Kommunistenfamilie nie ein Thema ist. Doch bald finde ich die Geschichten der Alten nicht mehr langweilig. Weil ich erfahre, dass ich nicht nur Serbe bin, sondern auch Kroate und Donauschwabe – wenn man so will.

    Und ich höre auch eine Geschichte, die ich meinem Sohn nicht erzähle. Sie handelt von einem meiner Vorfahren, der so sehr Donauschwabe ist, dass er sich freiwillig zur Wehrmacht meldet. Diese Leute nennt man damals "Volksdeutsche". Man findet ihn im Dezember 1944 auf der Straße nach Pleternica. Sein Körper in Wehrmachtsuniform liegt auf der Fahrbahn, sein Kopf ist im Graben.

    Der Schmied in Mauthausen

    Ich höre auch die Geschichte von meinem Großonkel Alojz Šubert, genannt Lojza, Schmied aus Kukunjevac. Auch er ist ein Donauschwabe aus Slawonien. Im Aprilkrieg 1941 ist Lojza ein Soldat der königlichen jugoslawischen Armee und gerät in Kriegsgefangenschaft. Die er bis 1945 in Mauthausen verbringt.

    Ein wenig von dem, was er dort sieht, erzählt er mir. Das meiste von dem, was er dort sieht, treibt ihm Tränen in die Augen und lässt ihn verstummen. Dann zeigt er mir die Stümpfe seiner amputierten Zehen. "Erfroren!", sagt Lojza. "Das hab ich aus Mauthausen mitgebracht." Ich kann meinem Sohn beim besten Willen nicht von Lojzas Zehenstümpfen erzählen. Oder auch nur einen Bruchteil des ohnehin wenigen, das mir Lojza über Mauthausen erzählt, bevor die Tränen ihn ersticken. Ich kann meinem Sohn auch nichts darüber sagen, was mein Großvater Đuro, der alte Partisan, mir an einem warmen Sommerabend über Bleiburg erzählt, bevor auch er in Tränen verstummt.

    Der Maurer aus Pirot

    Vom einzigen lupenrein serbischen Uropa meines Sohnes, Nikodije, könnte ich ihm erzählen. Wenn ich nur den Teil weglasse, als Nikodije bei einem Baustellenunfall buchstäblich seinen Kopf verliert. Jemand ruft seinen Namen im Liftschacht, und Nikodije steckt den Kopf hinein. Leider schaut er nicht nach oben, wo der Lastenlift gerade hinunterfährt.

    Der spannende Teil ist nicht der zerquetschte Kopf, sondern die Lotteriescheine, die er vor dem Unfall noch in der Tasche hat. Nachher sind sie verschwunden. Und bald auch einer der Cousins von Nikodije, Svetislav. Dieser Cousin hat plötzlich genug Geld für eine Passage nach Amerika, und niemand hört je wieder etwas von ihm. Ein Kriminalfall?

    Sicher ist diese Geschichte besser geeignet als die Geschichte von den Brüdern vom Uropa Nikodije. Die alle drei Četnici werden, sich Bärte wachsen lassen und nach Bosnien gehen, um dort Muslime zu massakrieren. Und Kroaten. Dass die Brüder von Nikodije davonkommen, liegt daran, dass sie keine Zeugen am Leben lassen, die sie später belasten könnten. Und dass sie sich rechtzeitig die Bärte abrasieren, nach Pirot zurückkehren und so tun, als ob nichts geschehen ist.

    Die purpurnen Flüsse

    Es gibt viele Familiengeschichten, die von Blut triefen. Nicht nur auf dem Balkan. Und es gibt viel schlimmere Familiengeschichten als die meiner Vorfahren. Warum sollte es wichtig sein zu wissen, dass im eigenen Blut auch das Blut von Mördern, Rassisten und Dieben fließt? Ehrlich: Ich weiß es nicht.

    Genauso wenig, wie ich weiß, was mein Cousin aus Vrpolje im letzten Balkankrieg treibt. Was ich weiß, ist wenig: dass er sich freiwillig zur kroatischen Militärpolizei meldet und in einem Gebiet eingesetzt wird, das nach diesem Einsatz "serbenfrei" ist. Und dass kurz nach seinem Einsatz die serbischen Opfer eines Massakers ausgegraben werden und in Fässer gestopft woanders wieder vergraben werden. Wo sie eine internationale Untersuchungskommission wieder ausgraben lässt. Doch mein Cousin steht nie vor Gericht. Vielleicht regelt er im Krieg wirklich nur den Verkehr von und zur Front?

    Ich kann meinem Sohn nicht einmal meine eigenen Geschichten aus diesem Krieg erzählen. Er weiß nur, dass der Papa acht Monate dort war, ohne einen einzigen Schuss abzufeuern. Weil sein Papa kein Soldat im Krieg ist, sondern ein Schreiberling auf der Suche nach Geschichten. Dass ich mehr und Heftigeres finde, als ich erwarte, weil ich naiv bin, kann ich ihm erst erzählen, wenn er älter ist. Viel älter. Dass ich manchmal nachts schreiend aufwache, weiß er nicht. Weil er schläft, wie nur Kinder das können.

    Einziger Zeuge dieser Albträume ist seine Mutter, die mich dann streichelt und sagt: "Es ist nur ein böser Traum ..." (Bogumil Balkansky, 19.2.2017)

    • Der Onkel, der Donauschwabe ist. Symbolbild.
      foto: bogumil balkansky

      Der Onkel, der Donauschwabe ist. Symbolbild.

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