Analoger Junk

Userkommentar17. Februar 2017, 08:29
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Konrad Paul Liessmann sprach in der Debatte um die Digitaliserung der Bildung in der "NZZ" jüngst von staatlich verordneten "digitalen Drogen". Eine Replik

Das Schule-4.0-Konzept des Bildungsministeriums hat eine alte Diskussion neu entfacht: Schaden digitale Medien der Bildung? Für eine Antwort muss man natürlich wissen, was das ist – Bildung. Versuchen wir eine Antwort mit Twitter: "Bildung ist die höchste und proportionierlichste Bildung der Kräfte zu einem Ganzen in der freiesten Wechselwirkung von Ich und Welt." Wilhelm von Humboldt, auf 140 Zeichen gekürzt. So viel zur Theorie. In der Praxis ist für den Sprachwissenschafter Humboldt die Auseinandersetzung mit Sprachen das wichtigste Bildungsmittel. Dabei geht es Humboldt nicht nur um eine Sprache, sondern um viele Sprachen, und nicht nur um das Vokabelnlernen, sondern um eine Auseinandersetzung mit Sprachen. Die differenzierte Auseinandersetzung mit der Pluralität der Sprachen ist für Humboldt ein Bildungsanlass par excellence.

Neben den natürlichen Sprachen ist dabei auch an Fachsprachen – etwa die der Philosophie oder künstliche Sprachen – zu denken. Und schöne künstliche Sprachen gibt es durchaus: Schon die klassischen Computersprachen wie das nie realisierte Plankalkül, Fortran und Lisp bieten veritable Anlässe, sich mit der Ästhetik von Sprachen, aber auch mit Syntax und Semantik auseinanderzusetzen und so im Erwerb der Grundkompetenz des Programmierens die Besonderheiten der eigenen Sprache in der Auseinandersetzung mit der Vielfalt der Sprachen kritisch reflektieren und gestalten zu lernen. Was, wenn nicht das, ist heute Denken?

Förderung kritischer Urteilskraft

Wie wenig bildend ist dagegen, polemisch gesprochen, die Lektüre manch gedruckten Materials, vor allem der umfangreichen Schmutz- und Schundliteratur. Man denke nur an Heftromanserien, die nicht nur moralisch höchst bedenkliche Inhalte (Gewalt, Pornografie) transportieren und so zur gefühlsmäßigen Verrohung führen, sondern auch noch Lesesucht verursachen. Damit nicht genug, stehen hinter den billig produzierten Druckwerken nur am Profit interessierte Verlage, die wenig Verständnis für die Bildung des Menschen haben. Über solch analogen Junk muss endlich aufgeklärt werden, und davor müssen Kinder und Jugendliche, ganz im Sinne der Bewahrpädagogik, geschützt werden.

Jenseits solch bestenfalls unterhaltsamer Polemik geht es bei der Vermittlung von Medienkompetenz um die kritische und reflektierte Rezeption und um die kreative Gestaltung von analogen und digitalen Medien. Im Mittelpunkt stehen die Sprachen der Medien mit ihren vielfältigen Genres, die im Buchdruck, im Film, im Computerspiel oder im Hypertext entwickelt wurden. Die kritische und kreative Auseinandersetzung mit diesen in der Welt zu findenden Sprachen ist nicht zuletzt als Förderung kritischer Urteilskraft ein Bildungsanlass – und darum geht es bei der Vermittlung von Medienkompetenz, um die Bildung der Menschen.

Bildung für alle

Wenn Schule zur Bildung beitragen soll, ist die Vermittlung von Medienkompetenz für analoge und digitale Medien, die Medienkritik ebenso einschließt wie Mediengestaltung, unverzichtbar. Leider hatte Bildung für alle, das heißt auch für Arbeiterinnen und Arbeiter oder gar für Landstreicherinnen und Landstreicher, immer schon einen bedrohlichen Beigeschmack. Was liegt also näher, als solchen Menschen mit dem Argument, dass Computertechnologie im Allgemeinen und das Internet im Besonderen schädlich oder gar gefährlich seien, den Zugang zu Bildungschancen zu verwehren, die dem eigenen Nachwuchs selbstverständlich zur Verfügung gestellt werden?

Eine Strategie, die den Vorteil hat, sich selbst bewahrheiten zu können, denn Medien erklären sich nicht von alleine, sondern machen die Vermittlung von Medienkompetenz als Auseinandersetzung mit Sprachen erforderlich. Das schließt Muttersprachen, Gebärdensprachen, Fremdsprachen, Filmsprachen und Computersprachen ein. Wenn die Vermittlung von Medienkompetenz aber verweigert wird, bleibt vielen kaum mehr als das Ressentiment, das sich etwa in den Hasspostings der, wenn man so will, niederen Stände vielfältig zum Ausdruck bringt, womit die Gefährlichkeit digitaler Medien bewiesen ist – ein fataler Zirkel. Kreative Äußerungen medienkompetenter Menschen, die als kritische Staatsbürgerinnen und Staatsbürger mit der Pluralität der im Internet verfügbaren Wahrheiten umgehen und sich souverän an öffentlichen Debatten beteiligen können, erscheinen da doch als die bessere und vernünftigere Alternative.

Medienbildung als eigenes Unterrichtsfach

Dass für die Medienbildung in der Schule Bücher, Filme, Computer und Internetzugänge zur Verfügung stehen müssen, um die Anschauung zu ermöglichen, ohne die nicht unterrichtet werden kann, ist selbstverständlich. Offensichtlich ist auch, dass der Gegenstand zu komplex ist, um nebenbei unterrichtet werden zu können. Daher ist ein eigenes Unterrichtsfach, das durch qualifizierte Lehrerinnen und Lehrer unterrichtet wird, im Interesse der Bildung der Menschen und für die Verbesserung der Chancengleichheit in Gesellschaft und Wirtschaft mehr als gerechtfertigt. Schnöde Kosten sollten dem ebenso wenig im Wege stehen wie undifferenzierte Bedenken. (Christian Swertz, 17.2.2017)

  • Wenn Schule zur Bildung beitragen soll, ist die Vermittlung von Medienkompetenz für analoge und digitale Medien, die Medienkritik ebenso einschließt wie Mediengestaltung, unverzichtbar.

    Wenn Schule zur Bildung beitragen soll, ist die Vermittlung von Medienkompetenz für analoge und digitale Medien, die Medienkritik ebenso einschließt wie Mediengestaltung, unverzichtbar.

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