"Man tut mit der Quote den Frauen nichts Gutes"

Interview16. Februar 2017, 12:15
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Unternehmensrechtlerin Elisabeth Stichmann im Streitgespräch über die 30-Prozent-Frauenquote in Aufsichtsräten ab 2018

STANDARD: Sie sind keine Freundin der bevorstehenden Frauenquote in heimischen Aufsichtsräten. Warum nicht?

Stichmann: Die Funktion des Aufsichtsrats hat sich in den vergangenen Jahren stark verändert, nicht nur was Haftungen betrifft. Was früher Prestige war, ist jetzt auch die Rolle eines Sparringspartners für das Management.

STANDARD: Und das können Frauen nicht?

Stichmann: Diese Rolle ist die logische Funktion nach einer ausgeübten operativen Managementfunktion.

STANDARD: Das ist ein Killerargument – gerade Querdenker werden doch als Fragensteller benötigt, und es gibt zwar wenige Frauen in top-operativen Positionen, aber in Führungsposition doch eine Schar. Haben Frauen nicht das Zeug zur Augenhöhe mit männlichen Managern?

Stichmann: Frauen, die diese Qualifikation besitzen und auch die Bereitschaft haben, ein Aufsichtsmandat zu übernehmen, werden nicht leicht zu finden sein.

STANDARD: Dann müssen sich die Eigentümer und ihre Berater eben anstrengen. Personalberater haben Pools angelegt, Initiativen wie "Zukunft Frauen" haben ganze Listen mit Frauen aus dem Management, die sich auch Aufsichtsqualifikationen angeeignet haben.

Stichmann: Ja, aber zum Beispiel in der Industrie fehlt der Pool an Frauen im operativen Bereich, die in das Aufsichtsgremium aufrücken könnten. Man tut mit der Quote den Frauen nichts Gutes und erreicht nicht das Ziel.

STANDARD: Wieso tut man nichts Gutes? Frauen, die sich in exponierte Positionen begeben, sind gewöhnt, dass ihnen viel nachgesagt wird. Liebgehabt zu werden ist in diesen Gefilden sowieso kein Programm, das laufen kann. Dann halt auch Quotenfrau – es gibt noch untergriffigere Bezeichnungen. Welches Ziel wird nicht erreicht?

Stichmann: Der Karriereboost für Frauen. Dafür ist die Quote nicht das Allheilmittel, dafür braucht es gesellschaftspolitische Rahmenbedingungen.

STANDARD: Natürlich ist die Quote kein alleiniges Allheilmittel, aber eine Maßnahme in einem Bündel von Maßnahmen, die nur miteinander Wirksamkeit entfalten können. Keine kann es allein, nicht der Kindergartenplatz und nicht die Quote. Das macht die Quote aber nicht schlecht, sondern verweist sie auf einen Platz im Konzert. Und das ist angesichts der geschlechtsspezifisch ungleichen Besetzung nötig.

Stichmann: Die Frage ist doch: Was will ich mit dieser Quote ändern? Mehr Frauen aus den Reihen der Belegschaftsvertretung? Mehr aus den Reihen der Kapitalvertreter? Will ich international besetzen, dann hilft es Frauen in Österreich auch nicht wirklich. Und es geht zu schnell.

STANDARD: Das Wie ist noch auszuformulieren bis zum Sommer. Wieso schnell? Seit Jahrzehnten wird darüber diskutiert, wird gefordert, finden Abwehrkampf und Schlagabtausch statt. Unternehmen hätten sich längst selbst eine freiwillige Quote verpassen können.

Stichmann: Ja, aber es sollte nicht das Geschlecht entscheiden, sondern ausschließlich die Qualifikation. (Karin Bauer, 16.2.2017)

Elisabeth Stichmann ist Partnerin und Geschäftsführerin der globalen Wirtschaftskanzlei DLA Piper Weiss-Tessbach Rechtsanwälte GmbH.
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