Fatih Aydogdu: Düster gewordene Türkei im Mehrfachtakt

    15. Februar 2017, 17:23
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    Die Ausstellung "Polymetrische Interferenzen" des Wiener Künstlers Fatih Aydogdu

    Der Attentäter und sein Opfer sind zum Pressefoto des Jahres gekürt worden: Mevlüt Mert Altintas, der junge Polizist in Zivil, die Dienstwaffe in der rechten Hand, den Zeigefinger der linken Hand in der Manier der Islamisten zur Decke gestreckt wie ein Ausrufezeichen, und Andrej Karlow, der russische Botschafter, erschossen am Boden. Ansichten aus der russischen Provinz hängen an den Wänden.

    Fatih Aydogdu würde auch diese dramatische Szene, die sich im November vergangenen Jahres im Zentrum für zeitgenössische Künste in Ankara abgespielt hatte, Polymetrische Interferenzen nennen. Der Titel von Aydogdus Ausstellung in der Galerie Nev, ein paar Straßen weiter in der Innenstadt von Ankara, lautet so. Das Neben- und Gegeneinander verschiedener Takte in einem polymetrischen Musikstück ist ein Leitthema des in Wien lebenden Künstlers.

    Seltsam verformte Instrumente

    Die Türkei läuft auf diese Weise dahin, gleichzeitig in 5/8 und 4/4, in einem Gewebe von Gewalt und Glauben, demokratischem Reflex und autoritärem Regime oder auch von Schönheit und Unterdrückung. Das menschliche Gehirn kann das Nebeneinander verschiedener Takte verarbeiten – für kurze Zeit zumindest. Dann muss neu arrangiert werden.

    In Polimetrik Müdahaleler sieht man neben Zeichnungen, die gleichzeitig Mensch, Musik und Botanik sezieren, auch seltsam verformte Instrumente. Manche vervielfacht, andere verschwistert mit fremden Objekten. "Eine kleine Ironie, eine politische Aussage ist immer dabei", sagt Fatih Aydogdu, was eine Untertreibung ist. Paralel Oud, nannte er zunächst den 2013 geschaffenen Instrumentenkörper aus zwei Kurzhalslauten. Damals bereits, kurz vor den Protesten um den Gezi-Park in Istanbul und vor den Korruptionsermittlungen gegen die Regierung Erdogan, war das natürlich eine Anspielung auf das Neben- und Miteinander von AKP und Gülen-Bewegung in der Türkei: der konservativ-religiösen Partei von Tayyip Erdogan und dem Netzwerk des Predigers Fethullah Gülen.

    Gülen und Erdogan

    Mittlerweile heißt die doppelte, nur sich selbst beschallende Oud Innere Angelegenheiten. Man kann es als Chiffre verstehen für den Putsch vom Juli 2016, den Erdogan seinem einstigen Verbündeten Gülen in die Schuhe schiebt. Ebenso wie diese Zither – eine türkische Kanun – aus deren Saiten sich die Bosporus-Brücke in Istanbul erhebt. Die Putschisten trafen dort auf den Widerstand des Erdogan-Volks. Der Titel Straßengesetz ist ein Spiel mit dem türkischen Wort "kanun", das "Gesetz" bedeutet oder eben auch das Zupfinstrument.

    Fatih Aydogdu, der an der Akademie der bildenden Künste Wien graduierte und in der Redaktion des Standard als Grafiker arbeitet, misst mit seiner Ausstellung den Puls der Türkei. Die Stimmung im Land ist gedrückt angesichts von Terror, Ausnahmezustand und Verfassungsreferendum. "Ich fürchte, wir müssen bis zum Ende gehen", sagt eine Künstlerfreundin Aydogdus bei der Vernissage in der Galerie Nev. (Markus Bernath aus Ankara, 15.2.2017)

    Bis 19. 2.

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    Galerie Nev

    • Innig verbunden: eine doppelte Oud als politische Chiffre.
      foto: ege kanar

      Innig verbunden: eine doppelte Oud als politische Chiffre.

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