"Holodrio": Im Exil der poetischen Worte

    15. Februar 2017, 17:14
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    Die André-Heller-Hommage im Wiener Rabenhof macht kurz vor dessen 70. Geburtstag Unmögliches möglich

    Wien – Am 22. März wird der Universalbegabte André Heller 70. Nicht dem Heißluftkünstler, dem Funkelspektakuleur oder Pferdeflüsterer, dem Akrobatendompteur und Bäumeausreißer macht der Wiener Rabenhof seit Dienstag seine Aufwartung. Die Liste der Tätigkeiten des Meisters-für-eh-alles-Schöne ist wahrlich lang und fantastisch. Die seiner Kritiker auch. Die Revue Holodrio – Lass mich Dein Dreckstück sein! gilt dem Texter und Sänger Heller.

    Es ist die Kunst dieses Abends – nur eine seiner vielen, aber die allen anderen vorstehende -, den exotisch-elitär-ordinär-verkünstelten Schaffungen des Wiener Bürgertumspoeten so etwas wie Wahrhaftigkeit zu entlocken oder beizugeben. Das ästhetische Übermaß des Heller'schen Kosmos wird zu diesen Diensten zwar ernst, aber nicht pathetisch genommen.

    Traumstaub abgeklopft

    Den Nummern aus Hellers Schaffen – allesamt Klassiker ihres ganz eigenen Fachs, das in den Austropop der 1970er und 1980er zurückreicht – hat man etwas vom Traumstaub abgeklopft. Aber nicht nur: A Zigeiner mecht i sein ertönt als unprätentiös bluesiger Country, unter Jean Harlow liegen mit Witz sogar sehr angemessene Schlagerrhythmen.

    Auch fehlt den kräftigen Gesangsstimmen von Naked-Lunch-Frontmann Oliver Welter (er ist auch ein großartiger Mime!), Ex-Volkstheater-Schauspieler Christoph Krutzler und Drag-Diseuse Lucy McEvil die Pose der Heller'schen Intonation. Man bedauert, hört man ihnen zu, manchmal, dass er seine Hörbücher unbe0harrlich selbst einliest. Viel unmittelbarerer klingen sie. Alf Peherstorfer, Gründer der Band Kommando Elefant, begleitet am Klavier. Kurz: So bekömmlich war der Wiener Orpheus noch nie.

    Drag- und Lichteffekte

    Das ist auch dem Etablissementchef Thomas Gratzer zu verdanken. Er hat dem Abend eine ebenso lose wie tadellose Dramaturgie verpasst. Dominique Wiesbauer bereichert ihn um eine effektvoll-simple Ausstattung: In einem "Exil der Buchstaben" tritt das Viergespann in Fräcken und Abendkleid inmitten dezenter Licht- und Blinkeffekte auf. Wohldosiert und -temperiert, der kandidelten Anmut von manch Dargebotenen verspielt begegnend.

    Zwischen Varieté und Vitrine siedelt das. So selten und sonderbar wie auch kostbar sind die vorgeführten Erinnerungen und G'schichterln. Von der Sommerlederhose aus Kindheitstagen etwa erzählen die Lied- und Sprechtexte. Von einer Erziehung mittels Strafgeschenken wie zwei Nummern zu kleinen Maßhemden. Von der Wahl zur Krampfadernkönigin in den ruraleren Gegenden vor den Toren Wiens. Ebenso von in Abneigung gleichgültig geworden aneinander gebundenen Eheleuten. Von den Berufsklagen eines schmählich unterschätzten Souffleurs. Von der Unterweisung eines Zwölfjährigen in der Kunst, Orgasmen zu haben, ohne zu ejakulieren. Und immer wieder von den jüdischen Opfern des Nationalsozialismus (Mein Freund Schnuckenack).

    Wohltuend gebändigt

    Das Unmöglichste findet beim als Francis Charles Georges Jean André Heller-Huart Geborenen ja von jeher zueinander – aber hier wird es wirklich möglich. Dieser Abend kann dank seiner registersicheren Darsteller alles: mitklatschen, schenkelklopfen und den Atem anhalten lassen. Der ästhetische Wille, der im Original (oft zu) üppige Früchte trägt, ist wohltuend gebändigt. Und dann bin i ka Liliputaner mehr begleitet Welter nur auf der Akustikgitarre. Zu Die wahren Abenteuer sind im Kopf, Für immer jung u. a. hat jeder seine, man muss es sagen, Gänsehautmomente.

    Und da strahlt Heller als ein famoser Dramatiker und Prosaist der kurzen Formen. Mit dem Kopf ein bisserl in den Wolken, dem Schalk im Nacken, den Füßen fest am Boden eines etwas extraordinären Wien, dem Herz am rechten Fleck. "Ich will, dass es alles gibt, was es gibt", hat der Poet für eine bessere Welt einst gesungen. Großer Applaus immer wieder auch während der zweistündigen Aufführung für alle Beteiligten und André Heller in absentia. (Michael Wurmitzer, 15.2.2017)

    Bis 14. 3.

    Rabenhof Theater

    • Oliver Welter, Lucy McEvil und Christoph Krutzler (v. li.) sind ein fabelhaftes Darstellertrio, das singt, spielt und liest. Ali Peherstorfer am Klavier (nicht im Bild) komplettiert nicht weniger virtuos.
      foto: ingo pertramer

      Oliver Welter, Lucy McEvil und Christoph Krutzler (v. li.) sind ein fabelhaftes Darstellertrio, das singt, spielt und liest. Ali Peherstorfer am Klavier (nicht im Bild) komplettiert nicht weniger virtuos.

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