Türkische Imame in Deutschland unter Spionageverdacht

15. Februar 2017, 17:05
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Die deutsche Polizei hat Wohnungen von Geistlichen des Islamverbands Ditib durchsucht. Sie sollen Informationen über Gülen-Anhänger an die Türkei weitergegeben haben. Der Bundesanwalt ermittelt wegen Spionageverdachts

"Unser Vereinsziel ist es, Musliminnen und Muslimen einen Ort zur Ausübung ihres Glaubens zu geben und einen Beitrag zur Integration zu leisten. Darüber hinaus engagieren wir uns intensiv im sozialen Bereich." Mit diesen Worten wirbt die Diyanet Isleri Türk Islam Birligi (Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion, Ditib) auf ihrer deutschen Website.

Da die Ditib die mit Abstand größte muslimische Organisation in Deutschland ist und nach eigenen Angaben mehr als 70 Prozent der hier lebenden Muslime in 896 Gemeinden vertritt, ist sie ein wichtiger Ansprechpartner für die deutsche Politik. Doch zuletzt hatte es immer wieder Kritik an ihrer Ausrichtung gegeben. Denn sie ist eng mit der Religionsbehörde in Ankara verbunden, diese wählt auch die Ditib-Imame aus und bezahlt sie.

"Meines Erachtens sollte man es nicht zulassen, dass ein Verband wie Ditib, der offenbar Sprachrohr von Präsident Erdogan ist, den islamischen Religionsunterricht in Schulen gestaltet", warnte Unionsfraktionschef Volker Kauder (CDU) im Vorjahr.

Nun stehen Imame der Ditib im Verdacht, in Deutschland lebende Anhänger der Gülen-Bewegung ausspioniert und die Ergebnisse an das türkische Generalkonsulat in Köln weitergegeben zu haben. Der türkische Präsident Tayyip Erdogan beschuldigt ja den in den USA lebenden Prediger Fethullah Gülen, hinter dem Putschversuch in der Türkei vom Juli 2016 zu stehen. Dessen Anhänger gelten in der Türkei als Staatsfeinde.

Razzien in zwei Ländern

Die Razzien am Mittwoch fanden nach einer Anzeige des Grünen-Bundestagsabgeordneten Volker Beck in Nordrhein-Westfalen und in Rheinland-Pfalz statt. Festgenommen wurde niemand, die Polizei stellte aber Unterlagen sicher. Ermittelt wird wegen des Verdachts der Spionage.

Laut Bundesanwaltschaft hat die türkische Religionsbehörde Diyanet ihre Bediensteten am 20. September 2016 in einem Brief aufgefordert, Aktivitäten von Gruppen wie der Gülen-Bewegung zu melden. Burkhard Freier, Chef des Verfassungsschutzes von Nordrhein-Westfalen, hatte in der Vorwoche im Landtag erklärt, nach Erkenntnissen seiner Behörde hätten 13 Imame insgesamt 33 Personen bespitzelt.

Ditib sieht eine Panne

Dass es den Brief der türkischen Religionsbehörde gibt, bestreitet Ditib nicht; doch Generalsekretär Bekir Alboga hatte schon vor der Razzia erklärt, "einige wenige Ditib-Imame" seien fälschlicherweise diesen Anweisungen gefolgt und sprach von einer "Panne", die sein Verband bedauere.

Nach dem Putsch in der Türkei hat das Innenministerium von Nordrhein-Westfalen beobachtet, dass Ditib-Imame gegen Gülen-Anhänger vorgehen und sie aus Moscheen werfen. Der deutsche Justizminister Heiko Maas (SPD) fordert Ditib auf, sich von Ankara zu lösen, und erklärt: "Der Einfluss des türkischen Staates auf die Ditib ist zu groß. Die Ditib sollte ihre Satzung ändern, die die enge Verbindung zur türkischen Religionsbehörde Diyanet festschreibt." (Birgit Baumann aus Berlin, 15.2.2017)

  • Die Ditib-Zentralmoschee in Köln-Ehrenfeld ist die größte in Deutschland. An ihr wird seit dem Jahr 2009 gebaut.
    foto: apa/ dpa / oliver berg

    Die Ditib-Zentralmoschee in Köln-Ehrenfeld ist die größte in Deutschland. An ihr wird seit dem Jahr 2009 gebaut.

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