"Wer will sich heutzutage noch quälen?"

    Interview15. Februar 2017, 16:55
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    Mark Kirchner, Chefcoach der deutschen Biathleten, hat genug vom Doping-"Kindergarten". Österreich sieht er bei der WM in Hochfilzen im Heimnachteil. Biathlon, sagt der Thüringer, kann ungerecht sein

    STANDARD: Die Biathlonfamilie leidet. Frankreich streitet mit Russland beim Thema Doping. Deutschland schweigt und holte bei der WM bisher viermal Gold und einmal Silber. Ist das die richtige Antwort auf diesen schwelenden Konflikt?

    Kirchner: Mir gefällt dieser Streit persönlich nicht. Die Pressekonferenz nach der Mixed-Staffel war ein Kindergarten. Die deutschen Weltmeister wurden ignoriert, stattdessen gab es nur Wortgefechte zwischen Martin Fourcade und Anton Schipulin. Dabei war der Sprintbewerb genialer Sport mit einem tollen Spannungsbogen. Das ist es, wofür Biathlon steht. Das sollte man in den Vordergrund rücken.

    STANDARD: In Deutschland ist Biathlon mit Abstand der Wintersport Nummer eins. Bremst die Dopingproblematik die Euphorie?

    Kirchner: Das glaube ich nicht. Aber ich beschäftige mich wenig mit dem Doping-Thema, versuche das auch von meinen Athleten wegzuhalten. In den letzten Monaten ist kaum etwas Zählbares bei den Untersuchungen herausgekommen. Da wird viel im Konjunktiv geredet. Die IBU, der Biathlonweltverband, wirkt manchmal hilflos und unglücklich in ihren Entscheidungen. Es ist ein riesiger Kaugummi, der sich schon sehr lange zieht.

    STANDARD: Stichwort Fairness: Die WM-Bewerbe in der ersten Woche wurden von manchen Beobachtern als Startnummernrennen kritisiert. Österreichs Ex-Biathlet Christoph Sumann wünscht sich, dass die IBU das Starterfeld eingrenzen soll. Ihre Meinung?

    Kirchner: Wir hatten Ende der 1990er-Jahre schon mal 130 oder 140 Biathleten am Start. Mittlerweile sind es wieder deutlich weniger. Durch die Sonne und die späte Startzeit haben manche Athleten spekuliert. Es gab aber Spitzenleistungen sowohl mit frühen als auch mit späten Startnummern. Man hat da mehr Wind gemacht, als die ganze Sache wert war.

    STANDARD: Ist Biathlon ein ungerechter Sport? Oft entscheiden Millimeter am Schießstand.

    Kirchner: Der eine oder andere wird diese Frage immer mit Ja beantworten. Die Dichte ist so hoch. Im WM-Sprint waren Topplatzierte aus dem Weltcup so weit hinten, dass sie sich nicht für die Verfolgung qualifizieren konnten. Das ist unheimlich hart. Was einmal danebengeht, kann aber auch ganz schnell wieder klappen. Das muss man als guter Biathlet akzeptieren, Niederlagen abhaken, die Euphorie nicht ausufern lassen. Die WM geht wieder bei null los.

    STANDARD: Österreich leidet auch. Unter Medaillenlosigkeit. Was hat Deutschland voraus?

    Kirchner: Wir hatten auch Durststrecken. Bei den Olympischen Spielen 2010 gab es keine Medaille bei den Herren, das war das erste Mal seit Jahrzehnten. Bei der WM 2013 stand außer einer Staffelmedaille auch gar nichts zu Buche. Wir haben aber weitergearbeitet. Für Österreich ist es eine spezielle Situation. Bei einer Heim-WM ist der Druck immer immens hoch. Das manifestiert sich auch in den Schießergebnissen mit zwei oder drei Fehlern bei Eberhard, Landertinger und Eder. Das können die alle besser. Das ist nicht unbedingt der Heimvorteil, sondern eher der Heimnachteil.

    STANDARD: Beim deutschen Biathlonverband gelten strenge Kriterien für eine WM-Teilnahme. Zumindest ein achter Platz in einem Weltcuprennen ist gefordert. Österreich kann sich das nicht erlauben, es fehlt die Dichte.

    Kirchner: Das ist nur bedingt richtig. Wir haben sechs WM-Startplätze, besetzen nur vier. Die vier Athleten sind aber so stark, dass andere gar keine Startchance haben. Das ist ein Problem für uns.

    STANDARD: Ein talentierter Biathlet muss in Österreich 15 Jahre im Weltcup laufen.

    Kirchner: Im Grunde genommen ist es bei uns auch so. Und ein starker Biathlet will ja auch lange aktiv bleiben. Es ist aber schwierig, gestandene Größen mit Medaillen und Weltcupsiegen adäquat zu ersetzen. Das dauert einfach.

    STANDARD: Deutschland beschert dem Biathlon großes Interesse, die Sportart boomt im Fernsehen, in Hochfilzen sind die Massen vor Ort. Wird Deutschland auch in Zukunft sportlich mitdominieren?

    Kirchner: Wenn ich ganz hinunter in den jüngeren Nachwuchs schaue, bin ich sehr zufrieden. Im Anschlussbereich an die Profis, im IBU-Cup, kommt zu wenig nach. Wenn einer unserer vier Gesetzten ausfällt, tun wir uns schon schwer, Ersatz für die Staffel zu finden.

    STANDARD: Was macht Deutschland im Nachwuchs richtig?

    Kirchner: Unser Stützpunktsystem ist stark, die Vereine arbeiten gut. Bis in den Jugend- und Schülerbereich muss man Eltern und Trainer unterstützen. Dort brauchst du gut qualifizierte Leute, damit sich Talente von klein auf in die richtige Richtung entwickeln. Wir sind gut vernetzt. Mit unseren Wachstrucks fahren wir Kampagnen an Schulen. Das müssen wir auch, weil es immer schwieriger ist, Jugendliche zum Sport zu bewegen. Ich rede noch gar nicht davon, Begeisterung zu entfachen. Wer will sich heutzutage noch quälen? Biathlon als Ausdauersport ist nun mal eine Quälerei. Da muss man Überzeugungsarbeit leisten, um eine Breite zu bekommen, aus der man schöpfen kann.

    STANDARD: Haben Sie Österreich für die WM noch auf der Rechnung?

    Kirchner: Österreich muss man immer auf der Rechnung haben. Das sage ich nicht, weil die WM in Hochfilzen ist. Bei der WM 2016 in Oslo schlugen Landertinger und Eder im Einzel noch zu. Auch Eberhard ist mit seiner läuferischen Qualität im Einzel und in der Staffel Medaillenkandidat. (Florian Vetter, 15.2.2017)

    Mark Kirchner (47) ist seit 2014 Trainer der deutschen Biathlon-Herren. Der dreifache Olympiasieger und siebenfache Weltmeister holte seine erste WM-Medaille 1990 für die DDR.

    • "Österreich muss man immer auf der Rechnung haben", sagt Deutschlands Biathlon-Herren-Coach Mark Kirchner.
      foto: apa/barbara gindl

      "Österreich muss man immer auf der Rechnung haben", sagt Deutschlands Biathlon-Herren-Coach Mark Kirchner.

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