Wie wir uns vom Rorschachtest täuschen lassen

15. Februar 2017, 20:14
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Als Persönlichkeitstest ist der Rorschachtest zwar aus der Mode gekommen, dafür bietet er Einsichten in das Sehsystem

Eugene/Wien – Frau mit Pferdeschwanz, eine Kuhhaut, ein Kriegsgemetzel: Basierend auf der Interpretation von Tintenklecks-Faltbildern entwickelte der Schweizer Hermann Rorschach 1921 ein psychodiagnostisches Testverfahren. Die zugrunde liegende Annahme des Rorschachtests, dass die Assoziationen, die ein Klecksbild bei einem Betrachter weckt, eindeutige Rückschlüsse auf seine Persönlichkeit zulassen, gilt heute zwar als überholt. Knapp 100 Jahre nach ihrer Veröffentlichung wecken die Tintenbilder aber aus einem anderen Grund wissenschaftliches Interesse.

So wollen Materialforscher um Richard Taylor von der Universität von Oregon nun herausgefunden haben, warum Menschen in den Rorschachbildern so viele verschiedene Figuren zu erkennen vermögen, wie sie aktuell im Fachblatt "Plos One" berichten.

Geometrie statt Psychologie

Ihre Antwort darauf hat aber weniger mit Psychologie zu tun als mit geometrischen Überlegungen. Folgt man ihrer Argumentation, haben die figurativen Assoziationen mit der fraktalen Dimensionalität der Kleckse zu tun. Das Fraktal ist ein mathematischer Begriff, der Mitte der 1970er-Jahre geprägt worden ist. Es handelt sich dabei um Objekte, die keine ganzzahlige Dimension haben. Dazu kommt es beispielsweise, wenn ein Objekt aus mehreren verkleinerten Kopien seiner selbst besteht. In der Natur ist das etwa bei Farnen oder Romanesco der Fall.

Durch eine Analyse der Grenzen zwischen tintengefärbten und weißen Flächen der Rorschachbilder erkannten Taylor und sein Team, dass deren Dimension zwischen eins und zwei liegt – also zwischen der Dimension einer Linie und der einer Fläche.

Im Test mit Probanden entdeckten die Forscher zudem einen Zusammenhang zwischen der Dimensionalität der Bilder und der Anzahl an Assoziationen, die sie hervorrufen: Je höherdimensional die Bilder, umso weniger Interpretationsmöglichkeiten lassen sie zu. Anschaulich wird das, wenn man die Dimensionalität der Rorschachbilder ändert. Je niedriger die Dimension ist, umso dominanter ist der fraktale Charakter (siehe Bild (a)). Wenn man die Dimension aber erhöht und damit die Ausfransungen verringert (siehe Bild (b)), werden weit weniger Assoziationen geweckt.

Aus Illusionen lernen

"Das fraktale Muster in den Tintenklecksen verwirrt das visuelle System", sagt Taylor. Durch Untersuchungen, wie es zu dieser optischen Illusion kommt, erhofft er sich Einsichten für das Sehsystem, die helfen könnten, ein bionisches Auge zu konstruieren.

Die Studie baut auf vorausgehenden Bemühungen der Gruppe auf, die Zusammenhänge zwischen Sehsinn und Natur zu verstehen. Wie Taylor mit seinem Team zeigen konnte, vermag das Auge fraktale Dimensionen, die es in der Natur vorfindet, effizient zu verarbeiten. "Das reduziert den Stress der Beobachter um 60 Prozent", sagt Taylor. Es ist eine Fähigkeit, über die wohl auch ein künstliches Auge verfügen sollte. (Tanja Traxler, 15.2.2017)

  • Die vierte Karte aus Hermann Rorschachs zehnteiliger Tintenklecksserie von 1921.
    foto: hermann rorschach

    Die vierte Karte aus Hermann Rorschachs zehnteiliger Tintenklecksserie von 1921.

  • Eine Veränderung der fraktalen Struktur (siehe Bild unten) vermindert die Assoziationen.
    foto: richard taylor

    Eine Veränderung der fraktalen Struktur (siehe Bild unten) vermindert die Assoziationen.

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