Das hochauflösende Georadar "ist blöd"? Wie Wissenschaftskommunikation gelingt

Blog16. Februar 2017, 08:00
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Open Science und Open Access sind nicht nur Schlagworte – Archäologie ist für alle da. In Zeiten von "Alternative Facts" ist die Vermittlung besonders wichtig

"Und was machen Sie dann damit?" Das ist eine der gängigsten Fragen, die ich zu hören bekomme, wenn ich als Wissenschafterin eines unserer Messsysteme auf einem Science-Event, zum Beispiel bei der Langen Nacht der Forschung, vorstelle. Früher habe ich darauf in etwa so geantwortet: "Wir setzen unser hochauflösendes Georadar zur großflächigen, noninvasiven Prospektion archäologischer Landschaften ein." Die Reaktion war in den meisten Fällen ein gequält-hilfloses Lächeln, gefolgt von einem freundlichen Nicken. Von Kindern gab's auch schon mal ein: "Das ist blöd." Oft stand ich schnell wieder allein vor meinem noninvasiven Prospektionsgerät.

Wissenschafter zu sein bedeutet längst nicht mehr, im Elfenbeinturm seinen Forschungen nachzugehen, ganz im Gegenteil. Wissenschafter haben heutzutage die Verpflichtung, ihre in langjähriger Arbeit erworbenen Erkenntnisse der Gesellschaft zugänglich zu machen und ihr auf verständliche Weise zu kommunizieren.

Keine Fachausdrücke

Diese Verpflichtung entsteht einerseits aus der Tatsache, dass Forschung zu großen Teilen durch die öffentliche Hand, also letztlich durch die Bevölkerung, finanziert wird und diese darum ein Anrecht auf Information hat. Aus diesem Grund werden Öffentlichkeitsarbeit und Wissensvermittlung, Open Access, also der freie Zugang zu Forschungsergebnissen für Wissenschafter und Bürger gleichermaßen, und Citizen Science, die Bürgerbeteiligung an wissenschaftlichen Forschungsprojekten, im Forschungsalltag immer wichtiger. Projekte werden mittlerweile kaum mehr gefördert, ohne entsprechende Strategien zur Wissensvermittlung und Information vorzulegen. Wissenschaftskommunikation bietet andererseits aber auch die Möglichkeit, die eigene Forschung einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen und diese ganz allgemein für Forschung zu begeistern.

Wie das eingangs gebrachte Beispiel zeigt, bedeutet erfolgreiche Wissenschaftskommunikation allerdings nicht, einfach seine Forschungsergebnisse zu präsentieren. Inhalte müssen speziell aufbereitet und an das jeweilige Zielpublikum angepasst werden. Das betrifft vor allen Dingen das zentrale Element der Sprache. Der Gebrauch von Fachausdrücken, wie er im Forschungsalltag verlangt wird, stellt meist eine Verständnisbarriere dar und führt dazu, dass eingangs wissbegierige Besucher erst den Faden und im Anschluss daran auch ihr Interesse verlieren. So einfach wie möglich, lautet daher eine Grundregel in der Wissenschaftskommunikation. Um diese Regeln zu beherrschen, besuchen mittlerweile viele Forscher Seminare und Workshops, in denen auf die speziellen Anforderungen in diesem Bereich eingegangen wird.

Am Ball – und in Stonehenge

An meinem Institut LBI Archpro spielt die Wissenschaftskommunikation eine große Rolle, und wir sind regelmäßig mit unseren Forschungen auf verschiedensten Science-Events wie eben der Langen Nacht der Forschung oder zuletzt dem Wiener Ball der Wissenschaften vertreten. Besonders gefreut hat uns darum auch, dass der Club der Österreichischen Wissenschaftsjournalisten im Jahr 2016 Direktor Wolfgang Neubauer als Wissenschafter des Jahres ausgezeichnet hat – und zwar explizit für seine und die Arbeit seines Teams in der Wissenschaftskommunikation.

Am LBI Archpro verwenden wir verschiedene Plattformen und Kanäle, um über unsere Forschungen zu berichten. Große Veranstaltungen ermöglichen es uns, einer Vielzahl an interessierten Besuchern unser Institut vorzustellen und ihnen zugleich einen Einblick in unsere Arbeit und die daraus entstandenen Forschungsergebnisse zu geben. Zumeist sind wir dort mit einem Stand, mehreren Mitarbeitern und verschiedensten Wissensstationen vertreten. Dabei können Besucher sich mit einem 3D-Laserscanner dreidimensional abtasten lassen und mittels 3D-Brillen virtuell über Stonehenge fliegen oder bekommen eine detaillierte Einführung in die Welt der archäologisch-geophysikalischen Prospektion.

Aktiv auf vielen Kanälen

Neben diesen Wissenschaftsveranstaltungen arbeitet das LBI Archpro auch mit Museen zusammen. In Ausstellungen wie "Wikinger!" auf der Schallaburg 2015 und der am Freitag wiedereröffnenden Schau "Stonehenge – Verborgene Landschaft" im Mamuz-Museum in Mistelbach können wir unsere Forschungsergebnisse einer breiten Öffentlichkeit präsentieren. Auch das Medium Fernsehen nutzen wir, um Wissenschaft zu kommunizieren. In monatelanger Zusammenarbeit entstehen dabei TV-Dokumentationen zu berühmten Fundplätzen wie Stonehenge und Carnuntum, die es ermöglichen, umfassende Einblicke in unsere Arbeit zu geben. Interaktive Medien wie das Web und Social-Media-Plattformen wie Facebook, Twitter und Instagram bieten Möglichkeiten, unseren Arbeitsalltag zu zeigen, Neuigkeiten rasch zu verbreiten und vor allem direkten Kontakt mit interessierten Laien zu halten, sie zu informieren und für die Archäologie zu begeistern.

Auch das Einbeziehen der ortsansässigen Bevölkerung im Rahmen eines Forschungsprojekts gehört zu unseren Aufgaben. Führen wir beispielsweise geophysikalische Prospektionen durch, halten wir Kontakt mit der Bevölkerung und den Grundeigentümern der betroffenen Untersuchungsgebiete, veranstalten einen Tag der offenen Tür und geben dadurch Einblicke in Fortschritt und Ergebnisse unserer Arbeit. Die Wissenschaftskommunikation mit und für Kinder ist ein Bereich, der uns besonders wichtig ist. Wir verbringen viel Zeit damit, unsere Forschungsergebnisse kindgerecht aufzubereiten, sie zu veranschaulichen und vor allem erleb- und begreifbar zu machen. Auch an der Kinderuni sind wir involviert.

Gerade in Zeiten von "Alternative Facts"

In all diese Unternehmungen fließen viele Stunden an Konzepterstellung und Vorbereitung ein. Diese Arbeit erfolgt unentgeltlich, als Wissenschafter verdienen wir in der Regel nicht an Wissenschaftskommunikation oder Wissensvermittlung, sondern müssen im Gegensatz für den Arbeitsaufwand im Rahmen unserer Forschungsgelder selbst aufkommen. Viele von uns machen diese Arbeit aber gern. Es gibt uns die Möglichkeit, unsere Arbeit vorzustellen und zu erklären, warum Archäologie im Speziellen und Wissenschaft ganz allgemein wichtig und notwendig ist – gerade in einer Zeit, in der "Alternative Facts" und "Fake-News" es uns allen zeitweise schwermachen, Tatsachen von Meinungen zu unterscheiden.

Wenn mich heute übrigens jemand fragt, was wir denn mit unseren Messgeräten anfangen, lasse ich die Fachbegriffe meist weg und erkläre stattdessen, dass wir mit unserem Georadar in den Boden schauen können, ohne dafür ausgraben zu müssen. Das zieht dann interessierte Fragen nach sich, und oft ergibt sich ein spannendes Gespräch. Und manchmal finden die Kinder – und auch einige Erwachsene – dann, dass das ja ein bisschen wie Zauberei ist. (Petra Schneidhofer, 16.2.2017)

foto: christina einwögerer/lbi archpro
Unser motorisiertes Magnetik-Messgerät zieht interessierte Besucher aus der Umgebung an. Kollege Hannes Schiel erklärt, wie magnetische Prospektion funktioniert.
foto: christina einwögerer/lbi archpro
Großer Andrang beim Tag der offenen Tür in Hornsburg. Die Ausgrabung einer neolithischen Kreisgrabenanlage wurde in Zusammenarbeit mit der Universität Wien durchgeführt, das LBI Archpro steuerte die 3D-Dokumentation bei.
foto: georg zotti/lbi archpro
Viele Arbeitsstunden flossen in Konzeption und Umsetzung der Panoramaprojektion im Mamuz-Museum in Mistelbach. Besucher erleben dabei eine virtuelle Zeitreise nach Stonehenge.
foto: georg zotti/lbi archpro
Mario Wallner erklärt das Prospektionsprojekt Carnuntum anhand eines dreidimensionalen Modells aus Glasplatten.
foto: christina einwögerer/lbi archpro
Mehrere Stunden nimmt der Aufbau unseres Wissenschaftsstandes bei den Technologiegesprächen des Forums Alpbach in Anspruch.
foto: christina einwögerer/lbi archpro
Kollege Matthias Kucera im Gespräch mit einem Besucher des Forums Alpbach.
foto: christina einwögerer/lbi archpro
7reasons-Kollege Günther Weinlinger unterstützte bei der Umsetzung der Ausstellung "Stonehenge – Verborgene Landschaft".
petra schneidhofer
Video, aufgenommen während der Langen Nacht der Forschung 2016.

Petra Schneidhofer ist Geoarchäologin und arbeitet am Ludwig-Boltzmann-Institut für Archäologische Prospektion und Virtuelle Archäologie in Wien. Sie beschäftigt sich mit Geomagnetik, Bodenradar, der Verwendung von Luftbild- und Satellitenaufnahmen sowie 3D-Visualisierungen.

Links

  • Ballbesucherinnen unternehmen virtuelle Spaziergänge durch Carnuntum und Stonehenge am diesjährigen Wiener Ball der Wissenschaften.
    foto: christina einwögerer/lbi archpro

    Ballbesucherinnen unternehmen virtuelle Spaziergänge durch Carnuntum und Stonehenge am diesjährigen Wiener Ball der Wissenschaften.

  • Direktor Neubauer begrüßt Bundespräsident Alexander Van der Bellen, der am Wiener Ball der Wissenschaften unseren Virtual-Archaeology-Stand besuchte. Ich durfte ihn dann eine Runde über Stonehenge fliegen lassen.
    foto: matthias kucera/lbi archpro

    Direktor Neubauer begrüßt Bundespräsident Alexander Van der Bellen, der am Wiener Ball der Wissenschaften unseren Virtual-Archaeology-Stand besuchte. Ich durfte ihn dann eine Runde über Stonehenge fliegen lassen.

  • Kollege Immo Trinks hält zusammen mit Direktor Wolfgang Neubauer einen Vortrag im Rahmen der Kinderuni on tour.
    foto: markus haslinger/kinderbüro wien/apa-fotoservice

    Kollege Immo Trinks hält zusammen mit Direktor Wolfgang Neubauer einen Vortrag im Rahmen der Kinderuni on tour.

  • Für Kinder denken wir uns besonders spannende Stationen aus – zum Beispiel einen virtuellen Rundgang durch ein römisches Haus. Auch Plakate werden kindgerecht umgearbeitet.
    foto: christina einwögerer/lbi archpro

    Für Kinder denken wir uns besonders spannende Stationen aus – zum Beispiel einen virtuellen Rundgang durch ein römisches Haus. Auch Plakate werden kindgerecht umgearbeitet.

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