Fix: München schickt Linux in die Wüste

15. Februar 2017, 13:02
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SPD und CSU stimmten für den Umstieg auf Windows bis 2020. Microsoft begrüßt den Schritt

München hat wohl genug von Linux. Nach zehn Jahren Vorbereitung und drei Jahren praktischer Erfahrung an den Arbeitsplätzen der Verwaltung will die Stadt die Reißleine ziehen und in die Windows-Welt zurückkehren.

SPD und CSU haben am Mittwoch im Stadtrat gegen das freie Betriebssystem gestimmt. Bis 2020 soll auf der Basis von Windows "stadtweit einheitlich marktübliche Standardprodukte" eingesetzt werden. Da beide Parteien eine klare Mehrheit haben, bedeutet dies das Aus für "LiMux", jener Linux-Distribution, sie auf 20 000 städtischen Schreibtischen läuft und weltweit ein Vorzeigemodell von freier Software in der Verwaltung war. Die Einführung von Linux in München wurde über Jahre von Microsoft mehr oder weniger offen bekämpft.

Einfache Bedienung

Techniker und Systemadministratoren haben viel Energie in "LiMux" gesteckt, wie Beteiligte jetzt mit Blick auf das Aus bedauernd feststellen. Für eine möglichst einfache Bedienung haben sie Linux mit Bausteinen der Projekte Ubuntu und KDE an die Bedürfnisse der Verwaltung angepasst.

Sie haben Brücken gebaut zwischen der Microsoft-Office-Welt und dem Open-Source-Paket Libre Office mit seinen Anwendungen für Textverarbeitung, Tabellenkalkulation und anderes. Und sie haben sich liebevoll um ihre "Eierlegende WollMux" gekümmert, eine für "LiMux" entwickelte Sammlung von Dokumentvorlagen, Briefköpfen, Formularen und Textbausteinen. Aber aller Mühe zum Trotz fällt das Urteil der Stadtregierung negativ aus.

Komplette Umstellung auf Linux war nie möglich

"Eine einheitliche und komplette Umstellung auf Linux war nie möglich, weil viele sehr spezifische Fachanwendungen in den Referaten Windows erfordern", erklärt Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD). Als Folgen nennt er auf Anfrage einen hohen Aufwand und die mangelnde Einheitlichkeit der Software-Ausstattung auf den Arbeitsplatzcomputern, "unter der sowohl die Bürgerinnen und Bürger als auch die Anwenderinnen und Anwender leiden". Strategisches Ziel sei es jetzt, "dass die städtischen Anwendungen sowohl für die Bürgerinnen und Bürger, als auch für die städtischen Beschäftigten optimal funktionieren".

Das war bereits ein Ziel bei der Entscheidung für "LiMux", 2003 mit der damaligen Mehrheit von SPD und Grünen beschlossen. Einen womöglich entscheidenden Fehler sieht der Vorstandsvorsitzende der Open Source Business Alliance (OSBA), Peter Ganten, aber darin, dass die Einführung von "LiMux" mit einer Neuordnung der gesamten IT-Infrastruktur in der Münchener Verwaltung verknüpft wurde. Vor der Zentralisierung habe jedes Amt seine eigene Stelle für Informationstechnik gehabt, schnell erreichbar für die Beschäftigten im gleichen Haus. Die bei einer solchen Umstellung üblichen Schwierigkeiten seien dann auf die Einführung von Linux geschoben worden, sagt Ganten.

Windows-XP statt Linux

Die eigentliche Bedeutung des Open-Source-Systems lag aber ohnehin nie bei den Computern auf dem Schreibtisch. Linux treibt vor allem Rechner an, die große Datenbanken und Web-Anwendungen steuern. Und dieser Trend habe sich mit der Aktualität von Cloud-Diensten, also über das Internet bereit gestellten Daten und Anwendungen, weiter verstärkt, erklärt Ganten.

"Die öffentliche Verwaltung in Deutschland ist da leider ziemlich hinterher", kritisiert Ganten. Manche Städte zahlten hohe Beträge an Microsoft, um veraltete Windows-XP-Installationen weiter zu erhalten. In anderen Ländern wie etwa Frankreich sei die Verwaltung weiter und schätze besonders die von Open-Source-Software unterstützte Vertrauenswürdigkeit im Umgang mit öffentlichen Daten.

Nach dem Aus in München gehört Schwäbisch Hall zu den bekanntesten Kommunen, die weiter auf Linux setzen.

"Wir sind als Plattformanbieter aber auch nicht mehr dieselben wie 2003."

Bei Microsoft wird der Münchener Weg begrüßt. "Wir sind gern Partner der Stadt, wenn es dazu kommt», sagt ein Sprecher der Deutschland-Zentrale in München. "Wir sind als Plattformanbieter aber auch nicht mehr dieselben wie 2003." So habe Linux einen festen Platz in den Cloud-Rechenzentren von Microsoft. "Inzwischen gehört das Trennende zur Vergangenheit, wir sind offen für alle Systeme und fokussiert auf den jeweiligen Nutzen für die Anwender." Im Jahr 2001 hatte der damalige Microsoft-Boss Steve Ballmer Linux noch als "Krebsgeschwür" diffamiert. Sein Nachfolger Satya Nadella findet dagegen lobende Worte für das freie Betriebssystem. Auch ist die beliebte Linux-Distribution Ubuntu mittlerweile Teil von Windows 10. Microsoft-Deutschland hat 2016 seine neue Zentrale in München eröffnet.

Für die Open-Source-Community ist das "LiMux"-Projekt trotz allem hilfreich gewesen. Die Münchener haben sich aktiv in die Weiterentwicklung von Libre Office eingebracht. Und Code stirbt nicht, wird immer weiterentwickelt. (red, APA, 15.2.2017)

  • Ein aktueller Ubuntu-Desktop.
    foto: screenshot: andreas proschofsky / standard

    Ein aktueller Ubuntu-Desktop.

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