Vom Nutzen der menschlichen Datenspur im Netz

17. Februar 2017, 07:30
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Das Grazer Kompetenzzentrum Know will mithilfe neuer Datenanalyse-Ideen die Brücke zur Wirtschaft schlagen

Graz – Data-Mining ist ein lukratives Geschäft – selbst wenn man nur in jenen Datenbergen gräbt, die der eigene Betrieb erzeugt. Dass Google und Amazon davon profitieren, ist bekannt. Aber wie kann ein durchschnittlicher Produktionsbetrieb seine Firmendaten zum eigenen Vorteil nutzen?

Stefanie Lindstaedt, Geschäftsführerin des Grazer Know-Centers, berichtet von einem Fall aus ihrer Praxis: "Ein Automobilhersteller wollte mit unserer Hilfe etwa herausfinden, warum sich die Qualität der Lackierung immer wieder ändert", berichtet die Informatikerin. "Wir haben sämtliche Daten ausgewertet, die damit in Verbindung stehen könnten – von der Temperatur in der Werkshalle bis zu sämtlichen Sensordaten aus der Produktion." Auf diese Weise konnten die Forscher ermitteln, unter welchen Bedingungen der Lack aufgebracht werden muss, damit die Lackierung stets die gleiche Qualität hat.

Das Grazer Know-Center ist ein Forschungszentrum für, wie es heißt, Data-driven Business und Big-Data-Analytics in Österreich. "Wir unterstützen Unternehmen seit über 15 Jahren dabei, ihre Daten gewinnbringend zu nutzen", erklärt Stefanie Lindstaedt. Voraussetzung dafür sei es, Unternehmer und Forscher an einen Tisch zu bringen. So können die neuesten technischen Entwicklungen mit spezifischen Aufgaben und Fragen der Firmen zusammengeführt werden.

Wichtiger Wirtschaftstrend

"Data-driven Business ist mittlerweile einer der wichtigsten Wirtschaftstrends", so die Know-Center-Chefin, die auch dem Knowledge Technologies Institute der TU Graz vorsteht.

Immer mehr Unternehmen erkennen, dass man mithilfe von Datenanalysen nicht nur interne Abläufe optimieren, sondern auch ganz neue Angebote entwickeln kann. So hat das Forscherteam etwa mit dem deutschen Start-up Triprebel ein System entwickelt, mit dem man jedes online reservierbare Hotelzimmer auf der Welt zum günstigsten Preis bekommen kann. Der Kunde bucht das Zimmer, wann immer er will, danach wird für ihn automatisch analysiert, ob der Zimmerpreis fällt. Wenn ja, wird kostenlos umgebucht und die Preisdifferenz zurücküberwiesen.

Bekanntermaßen hinterlässt jeder Mensch eine deutliche Datenspur, so er nicht auf Internet, Smartphone und sonstige elektronische Stützen des Alltags verzichtet. Diese digitale Fährte ist nicht nur für diverseste Unternehmen und Institutionen interessant, sondern kann auch für private Zwecke verwendet werden. So haben die Grazer Big-Data-Experten beispielsweise eine Zeiterfassungs-App namens KnowSelf entwickelt, die Aktivitäten auf dem eigenen PC protokolliert.

Optimierte Selbstorganisation

Die integrierten Analysetools ermöglichen einen Einblick in die eigene Arbeitsweise und damit eine bessere Selbstorganisation. Natürlich kann eine solche Anwendung auch zur Kontrolle etwa der Angestellten oder auch der eigenen Kinder genutzt werden – aber das ist eine eigene Geschichte. Jedenfalls ermöglicht die zunehmende Digitalisierung praktische Big-Data-Anwendungen. Etwa in einer Sturzerkennungs-App für ältere und kranke Menschen, die im Ernstfall automatisch einen Notruf absetzt. Oder in der Früherfassung von Störfällen auf Autobahnen, wofür die Grazer Datenschürfer in Kooperation mit der Asfinag ein System zur Analyse von Social Media Daten entwickelt haben. Denn oft machen Bilder von Unfällen auf Facebook und Co schneller die Runde, als die Überwachungssysteme reagieren können.

Stefanie Lindstaedt sieht im Know-Center eine Brücke zwischen Forschung und Wirtschaft. Gegründet wurde das Zentrum im Rahmen des Comet-Programms von Infrastruktur- und Wirtschaftsministerium sowie FFG.

Die Know-Center-Chefin über Comet: "In diesen Zentren gelangen die unterschiedlichsten Kompetenzen aus dem akademischen Umfeld direkt in die Unternehmen, die Forscher wiederum werden mit den konkreten Fragestellungen der Betriebe konfrontiert."

Was sich Lindstaedt für ihr boomendes Forschungsfeld des Data-driven Business noch wünscht, ist vor allem mehr wissenschaftlicher Nachwuchs. "Wir brauchen noch viel mehr Experten im Bereich Software-Engineering", so die gebürtige Bad Homburgerin.

Mehr Ausbildung

Ein Ziel des Grazer Know-Centers ist es deshalb, die Ausbildung von Data-Scientists voranzutreiben. "Wir haben an der TU Graz für die drei Informatikstudiengänge einen Vertiefungskatalog im Bereich Data-Analytics entwickelt, zudem wird gerade die erste Stiftungsprofessur für Big-Data-Management besetzt."

Am Know-Center selbst können die angehenden Big-Data-Experten und -Expertinnen dann praxisnahe Bachelor- oder Masterarbeiten im Rahmen von Firmenprojekten verfassen. "Bei uns haben die Studierenden die Möglichkeit, tief in die Daten hineinzugreifen", so Lindstaedt. "Das erfordert eine Geisteshaltung, die man bei uns lernen kann." (Doris Griesser, 17.2.2017)

  • Stefanie Lindstaedt, Chefin des Know-Centers.
    foto: know

    Stefanie Lindstaedt, Chefin des Know-Centers.

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