Prächtige Bildbände: So geht Wohnen

16. Februar 2017, 20:00
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Die Bände "Modernism Rediscovered" aus dem Taschen Verlag zeigen die Arbeiten des Architekturfotografen Julius Shulman

Eigentlich war Julius Shulman kein Fotograf, sondern eine Art Maler. Er, der so gern Pionier der Architekturfotografie der Nachkriegsmoderne in den USA genannt wird, schaffte es, den von ihm abgebildeten Gebäuden und Räumen einen Anstrich zu verleihen, der auf den allerersten Blick klarmacht, dass Häuser Orte für Menschen sind, Plätze zum Wohnen. Kanten, Beton, Monumentales, noch den rechtesten Winkel tauchte Julius Shulman in eine Szenerie, in die man hinein möchte, und sei es nur auf einen kurzen Sprung. Noch heute könnte sich so mancher von Hochglanzmagazinen engagierter Ablichter einiges abschauen.

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Nein, das ist kein Haus aus einem James-Bond-Streifen, so wohnte man 1952 im Haus des Architekten William Alexander. Julius Shulman inszenierte es trotz großer toter Katze gemütlich.

Shulmans Plätze zum Staunen gibt's nun in Form von drei prächtigen Bänden, die unter dem Titel "Modernism Rediscovered" im wohl bekanntesten Verlag für fette Bilderbücher, nämlich Taschen, erschienen ist. Der Verleger Benedikt Taschen höchstpersönlich hat die über 1000 Fotos von mehr als 400 Gebäuden aus dem 260.000 Bilder umfassenden Shulman-Archiv ausgesucht. Was vorliegt, ist eine bunte Reise, eine faszinierende Dokumentation amerikanischer, vor allem kalifornischer Architektur, aber auch der dazugehörigen Gesellschaft. Der Trip beginnt mit den ersten Fotos, die Shulman 1939 in L. A. aufnahm, die Schwerpunkte liegen auf den 1950er- und 1960er-Jahren. Für diesen "Reisebericht" bedruckte der Verlag beinahe 1000 Seiten.

Die Bilder des Amerikaners Julius Shulman (1910-2009) vermitteln vieles, manchmal eine Symbiose aus Lässigkeit, die sich gut mit Straightem verträgt. Sie zeigen, was es heißt, zu Hause zu sein, Stil zu haben, ohne steif zu sein. Sie nehmen dem Genre Architekturfotografie den oftmals versprühten Uncharme des Sterilen, Ausgestorbenen. Kurz, sie geben dem Wohnen ein Gesicht, etwas, das in Zeiten, in denen immer öfter zum Halali zur Jagd auf Trends geblasen wird, eine willkommene Hilfeleistung bietet. Dass die Bilder zum Teil viele Jahrzehnte auf dem Buckel haben, tut dem keinen Abbruch. Es geht schließlich nicht darum, sich in Stilfragen etwas abzukupfern, sondern sich von einem Gefühl anstecken zu lassen, in diesem Wimmelbuch der Traumarchitektur.

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Frey Residence in Palm Springs, Kalifornien, fotografiert im Jahr 1956

Wie Häuser funktionieren sollen

Zwischen den sechs Buchdeckeln spielt sich Leben ab, Menschen, die sich am Pool räkeln, das goldene Nachtlicht von L. A., oder einfach nur eine Obstschale. All das macht Lust. Zwar schufen Architekten die abgebildeten Häuser – zu sehen sind auch Büro- und Fabriksgebäude, Kirchen und Schulen -, aber die Fotos von Shulman zeigen auf den ersten Blick, wie sie funktionieren sollen. Die Entwerfer, mit denen Shulman arbeitete – darunter die Namen von Weltstars wie Richard Neutra, Charles und Ray Eames, Frank Gehry oder John Lautner -, dankten ihm dies. Mehr als zu Recht, denn Shulman war davon überzeugt, dass er die Ideen und Entwürfe von Architekten besser verkaufte als diese selbst, wie er im hohen Alter von 98 Jahren resümierte.

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Greenberg Residence by Buff & Hensman, Palos Verdes, Kalifornien, 1966

"Ich verändere die Architektur nicht, sondern lege eine Qualität hinein, die sie magisch erscheinen lässt, sodass die Leute sagen: Das ist ein wunderbares Bild. Ich möchte in diesem Haus leben", sagte Shulman einmal über seine Arbeit. Betrachtet man diese Qualität, sieht man in der Tat wunderbare Bilder. Bilder, die nicht nur beim Bauen, sondern vor allem beim Wohnen helfen können. (Michael Hausenblas, RONDO, 17.2.2017)

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Spring Hotel, Bequia, by Crites & McConnell, St. Vincent and the Grenadines, 1967
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    Julius Shulman
    Modernism Rediscovered

    Taschen-Verlag
    drei Bände, 1008 Seiten, 99,99 Euro

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