Wohnraum für diejenigen, die ihn am dringendsten brauchen

Userkommentar15. Februar 2017, 12:05
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Immer mehr Menschen in Wien sind von Obdachlosigkeit betroffen. Es braucht ein transparentes Wohnungsvergabesystem und eine Vergabequote für sozial Benachteiligte

Der aktuelle Sozialbericht des Sozialministeriums zeichnet ein scheinbar positive(re)s Bild von Armut und Wohnungslosigkeit in Österreich – für Wien gilt dies wohl eher nicht: Erstens weil ein durch den Fonds Soziales Wien (FSW) organisiertes engmaschiges Hilfsnetz entsprechende valide Daten liefert und es in vielen Bundesländern (bewusste?) Lücken in der Erhebung gibt. Zweitens wächst die Stadt Wien in den kommenden Jahren jährlich um rund 25.000 Menschen – die Stadt muss dringend leistbaren Wohnraum schaffen.

Auch die Zahlen des FSW zu "Kunden und Kundinnen ohne Wohnung oder Obdach" zeigen seit Jahren einen stetigen Anstieg. Waren es 2006 circa 4.600 Personen, stieg diese Zahl bis 2010 auf 8.180 Betroffene. Im Jahr 2015 waren in der Bundeshauptstadt bereits 10.020 Menschen ohne Dach über dem Kopf.

Obdachlosigkeit macht Armut sichtbar

Einkommensarmut und Wohnungslosigkeit hängen eng zusammen und führen in einen Teufelskreis, der nicht zuletzt durch die kontinuierlich ansteigenden Mietpreise weiter befeuert wird: Armutsgefährdete Haushalte haben höhere Wohnkosten als andere Einkommensgruppen. Circa 400.000 Armutsgefährdete geben laut Statistik Austria durchschnittlich fast 40 Prozent ihres Einkommens für Wohnen aus. Wohin es führt, wenn persönliche Krisen wie chronische und psychische Erkrankung, Gewalterfahrungen oder Trennungen dazukommen, kann man sich denken: Delogierung und Wohnungslosigkeit. Wohin dann?

Die Stadt Wien kommt nicht nach, leistbaren Wohnraum zur Verfügung zu stellen. Es fehlen jährlich mindestens 500 Wohnungen allein für Wohnungslose. Hinzu kommen Vergabemodalitäten, die schwer mit der Lebensrealität der Betroffenen zu vereinbaren sind: Voraussetzungen in der sozialen Wohnungsvergabe, wie seit fünf Jahren in Wien aufhältig und die letzten beiden Jahre durchgängig in Wien gemeldet sein zu müssen, sind für viele in Wohnungslosigkeit und prekären Mietverhältnissen lebende Menschen – Stichwort "nächtigen bei Freunden" – oftmals ein unüberwindbares Hindernis.

Vorbild Vorarlberg

Deshalb fordert das Neunerhaus gemeinsam mit der Wiener Wohnungslosenhilfe ein neues, transparentes Vergabesystem, das sowohl Dringlichkeit als auch die bisherige Wartezeit angemessen berücksichtigt. So zeigen Erfahrungen in Vorarlberg, dass der verbesserte Zugang zum geförderten Wohnbau für Personen aus Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe wirkt: Institutionelle Wohnplätze konnten reduziert werden. Ein "Wohnfähigkeitsnachweis" etwa ist in Vorarlberg nicht vorgesehen.

Neben der Dringlichkeit können auch andere Kriterien schlagend werden: Die notwendige soziale Durchmischung könnte im gemeinnützigen und geförderten Wohnbau durch eine 25-Prozent-Vergabequote für sozial benachteiligte Menschen erreicht werden. Klar ist, wohnen kann jeder und jede – und es muss für jeden und jede möglich sein. (Markus Reiter, 15.2.2017)

Markus Reiter ist studierter Sozialökonom sowie Mitbegründer und seit 2004 Neunerhaus-Geschäftsführer. Die Sozialorganisation betreibt in Wien Wohnhäuser für obdachlose Menschen. "Neuner Immo" ist eine Initiative, die in Zusammenarbeit mit privaten und gemeinnützigen Immobilienunternehmen gezielt günstigen Wohnraum zur Verfügung stellt.

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  • In Wien gibt es immer mehr Menschen ohne Wohnung oder Obdach.
    foto: apa/roland schlager

    In Wien gibt es immer mehr Menschen ohne Wohnung oder Obdach.

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