Valentinsgrüße aus dem fernen Kenia

14. Februar 2017, 07:53
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Kenias Rosenindustrie läuft für den Tag der Liebenden auf Hochtouren. Allerdings nehmen die Bauern keine Rücksicht auf die Natur

Nairobi/Johannesburg – Die Sache mit Sankt Valentin verhält sich wie die mit dem Weihnachtsmann. Der kam auch nicht mit rotem Mantel und Haube zur Welt: Vielmehr soll ihm der Getränkeriese Coca-Cola in den 1930er-Jahren seine rot-weiße Montur verpasst haben, um ihn zum Werbeagenten seiner überzuckerten Brause zu etablieren. Wenn heute zum Valentinstag vor allem rote Rosen verschenkt werden, dann hat auch das nichts mit altehrwürdigem Brauchtum zu tun. Denn woher hätten Mitteleuropäer einst mitten im Februar die sommerliche Blume nehmen sollen? Tatsächlich kamen noch bis vor wenigen Jahrzehnten am Tag der Liebenden nur Frühlingsblumen wie Schneeglöckchen, Veilchen oder auch Weidenkätzchen in Betracht, die zusammen mit einer Grußbotschaft und einer Schachtel Pralinen das edelste aller Gefühle repräsentieren sollten.

Die Rose verdankt ihren Aufstieg zum Liebessymbol zwei eher unromantischen Dingen: dem Flugzeug und der Tatsache, dass die Blume beinahe unverwüstlich ist. Nur eine Rose kann von ihrem Stamm getrennt zwei oder drei Tage unbeschadet überstehen: Voraussetzung dafür, dass sie zur Ergötzung der Angebeteten aus Tausenden von Kilometern Entfernung in den unwirtlichen europäischen Februar verfrachtet wird. Aus diesem Umstand hat sich ein Wirtschaftszweig entwickelt, der Länder wie Kolumbien oder eben Kenia über Wasser hält. Aus dem ostafrikanischen Staat werden fast 150.000 Tonnen Schnittblumen pro Jahr in alle Welt exportiert. 70 Prozent aller in europäischen Supermärkten verkauften Rosen kommen aus Kenia.

500.000 Kenianer von Blumenindustrie abhängig

Die ostafrikanischen Blumenbauern setzen jährlich mehr als 560 Millionen Euro um: neben Tee und Tourismus der größte Devisenbringer des Schwellenstaats. Von der Blumenindustrie hängen mehr als 500.000 Kenianer ab – mehr als zehnmal so viel wie von der Textilherstellung.

Was Kenia außer seinem milden Wetter und seinen fruchtbaren vulkanischen Böden zum perfekten Blumenlieferanten macht, ist sein Flughafen und die täglichen KLM-Linienflüge nach Amsterdam: Zwei Drittel der kenianischen Ernte landen zunächst in Schiphol. Von dort wird die Fracht zum Auktionsmarkt nach Aalsmeer gebracht, in das mit einer halben Million Quadratmeter Fläche zweitgrößte Gebäude der Welt. In einer Durchschnittswoche schlagen die Aalsmeerer Blumenhändler 50 Millionen Schnittpflanzen um, am Valentinstag sind es 100 Millionen.

Die große Kunst der kenianischen Bauern ist es, das Wachstum ihrer Produktion so zu terminieren, dass sie pünktlich zur Hochsaison am 14. Februar kurz vor der Blüte steht – das Zeitfenster für den rechtzeitigen Schnitt beträgt höchstens drei Tage. Die Präzisionsarbeit ist nur möglich, weil in Kenias rund 1.800 Meter über dem Meeresspiegel gelegenem Hochland das ganze Jahr über bestes Rosenklima herrscht: nicht zu heiß und vor allem kein Frost.

Gefahr für die Vogelwelt

Zu Problemen kommt es inzwischen allerdings am Naivasha-See, an dem sich die Hälfte aller 127 großen Blumenbauern des Landes niedergelassen hat. Fachleute klagen, dass die Bewässerung der Gewächshäuser und der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln den See und seine mehr als 400 Arten umfassende Vogelwelt bis zur Grenze der Belastbarkeit strapazieren. Nun soll dies alles mit strikten Auflagen gestoppt werden. "Die stinkende Wahrheit ihrer wunderschönen Valentinstagsrosen", titelte der britische Telegraph dazu. (Johannes Dieterich, 14.2.2017)

  • Ein Arbeiter in einer Rosenfarm im kenianischen Naivasha.
    foto: reuters/noor khamis

    Ein Arbeiter in einer Rosenfarm im kenianischen Naivasha.

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