Britische Gefängnisse: Überfüllt und im Drogenrausch

13. Februar 2017, 17:33
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Ein Bericht enthüllt Missstände in Haftanstalten. Die Justizministerin bleibt jedoch bei ihrer Linie

London – Gewalttätige Unruhen, eine steigende Zahl von Suiziden sowie dramatische Bilder eines Undercover-Reporters haben Missstände in den völlig überfüllten Gefängnissen in die Aufmerksamkeit der britischen Öffentlichkeit gerückt. Während Experten und eine parteiübergreifende Initiative im Parlament eine rasche Reduzierung der Gefangenenzahlen befürworten, gibt sich Justizministerin Elizabeth Truss ungerührt. Statt auf Kürzungen der drakonischen Mindeststrafen für geringfügige Vergehen setzt die Konservative auf bessere Rehabilitation und die Bekämpfung des Drogenkonsums hinter Gittern.

Für die Allgegenwart verbotener Substanzen in Gefängnissen lieferte am Montag das BBC-Panoramamagazin eindrucksvolle Belege. Ein Reporter hatte sich undercover beworben und diente nach zweimonatigem Training weitere zwei Monate lang in der Anstalt HMP Northumberland. Seine Bilder zeigen vollkommen überforderte Aufseher, Gefangene im Drogenrausch sowie einen kollabierten Justizangestellten, der versehentlich Spice inhaliert hatte. Spice ist eine synthetische und deutlich stärkere Alternative zu Cannabis. Bei einer Zellinspektion wurden in Gegenwart des Reporters eineinhalb Kilo Drogen sichergestellt. "Und sie waren noch nicht einmal versteckt, sondern lagen offen im Regal."

200 Mitarbeiter entlassen

Die Anstalt nahe der nordenglischen Stadt Morpeth beherbergt bis zu 1348 Gefangene der C-Kategorie; sie sind zu längeren Haftstrafen bis hin zu lebenslänglich verurteilt, aber als "nicht gewalttätig" eingestuft. Das Gefängnis gehört zu den größten des Landes und wird seit 2013 von der Privatfirma Sodexo betrieben. Um den Auftrag zu erhalten, stellte das Unternehmen Einsparungen von jährlich umgerechnet zehn Millionen Euro in Aussicht und entließ dann 200 Mitarbeiter.

Unter dem Druck des hohen Defizits hat die Regierung seit 2010 alle Ressorts zu harten Einsparungen gezwungen. Die erst seit Juli amtierende Justizministerin kündigte jedoch im November eine Trendumkehr an. Über die kommenden Jahre will sie 1,2 Milliarden Euro ins Gefängniswesen investieren, darunter auch Gehälter für 2500 zusätzliche Angestellte.

Längere Haftstrafen

Truss reagierte damals auf blutige Unruhen in mehreren Gefängnissen des Landes, die der Aufsichtsbehörde zufolge gefährlich überfüllt sind. Im vergangenen Jahr registrierte das Ministerium 119 Suizide, mehr als doppelt so viele wie 2012. Großbritannien hat unter den westlichen Industrienationen nach den USA pro Kopf der Bevölkerung die höchste Zahl von Strafgefangenen – eine Folge immer neuer Straftaten und längerer Haftstrafen.

Als die "eiserne Lady" Margaret Thatcher 1990 aus dem Amt schied, lag die Zahl der Häftlinge bei 41.000 und damit vergleichbar hoch wie in anderen europäischen Staaten. Drei Jahre später begann eine Strafrechtsverschärfung, die zu immer höheren Zahlen führte. "Prison works! – Gefängnis funktioniert!", lautete der Slogan des damals noch für Strafvollzug zuständigen Innenministers Michael Howard, seine Labour-Nachfolger im Innen- und ab 2005 Justizressort behielten diese Linie bei. Unter der konservativen Ägide seit 2010 wechselten sich liberalere Minister mit Hardlinern ab. Truss will offenbar zu letzterer Kategorie gehören. (Sebastian Borger aus London, 13.2.2017)

  • Dass es in Großbritannien hinter Gittern gefährlich überfüllt zugehen kann, beeindruckt Justizministerin Elizabeth Truss vor den Gittern herzlich wenig.
    foto: afp / ben stansall

    Dass es in Großbritannien hinter Gittern gefährlich überfüllt zugehen kann, beeindruckt Justizministerin Elizabeth Truss vor den Gittern herzlich wenig.

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