Österreichs Wirtschaft fehlen 278 Aufsichtsrätinnen

12. Februar 2017, 17:25
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Ab 2018 soll die Frauenquote in den Aufsichtsräten auf 30 Prozent steigen. Unternehmen haben zur Erreichung dieses Ziels noch viel zu tun

Wien – Frauen in Führungsetagen sind heute immer noch eine Seltenheit. Nur in Ländern, in denen verpflichtende Quoten samt Strafe bei Nichteinhaltung eingeführt wurden, hat sich die Lage verbessert. Das zeigt der "Frauen Management Report 2017" der Arbeiterkammer Wien, der sich neben der Situation in Aufsichtsräten und der Geschäftsführung heuer erstmals auch die Lage bei der Vergabe der Prokura angesehen hat.

Zusammengefasst lässt sich festhalten: Österreich hinkt in allen Bereichen hinterher. Das liegt auch daran, dass es bisher keine festgeschriebenen Zielvorgaben, sondern nur die freiwillige Selbstverpflichtung gab. Die Regierung will das nun ändern und hat – wie berichtet – in ihrem Arbeitsprogramm eine Frauenquote von 30 Prozent in Aufsichtsräten von Großunternehmen und börsennotierten Firmen festgehalten. Das Vorhaben soll im Juni im Ministerrat beschlossen werden. Ab 2018 sollen Frauen dann sukzessive in die Aufsichtsgremien einziehen – und zwar immer dann, wenn nachbesetzt werden muss.

Teilzeitführungskräfte gefordert

Eine Analyse der Ist-Situation in den heimischen börsennotierten Unternehmen und in den 200 umsatzstärksten Betrieben zeigt: 278 Frauen fehlen derzeit, um die angestrebte Quote von 30 Prozent zu erreichen. Die Besetzung der Managementposten ist für Christina Wieser, Co-Autorin der AK-Studie, auch eine kulturelle Frage: "Geht es um Managerposten, hat man noch immer das Bild eines Mannes im Kopf, der hinter einem edlen Schreibtisch sitzt und 60 Stunden pro Woche arbeitet." Mit diesem Bild gehöre gebrochen. "Man muss mehr Richtung Teilzeitführungskräfte gehen", sagt Wieser dem STANDARD. In den nordischen Ländern sei es kein Tabu mehr, dass ein Führungsjob auf zwei Leute aufgeteilt ist. Das erfordere zwar einen höheren Grad an Organisation und Abstimmung, Diversität werde dadurch aber möglich.

Dabei, so betont Wieser, sei es wichtig, dass die Teilzeitmöglichkeit für beide Geschlechter zu gelten habe. "Unternehmen müssen sich von der Präsenzkultur verabschieden und sich auf die neue, flexible Lebens- und Arbeitsweise einstellen."

Wie sieht es in den einzelnen Bereichen nun genau aus?

Aufsichtsräte In den 200 umsatzstärksten Unternehmen wurden laut AK zuletzt 326 von 1797 Aufsichtsratsmandaten von Frauen ausgeübt. Das entspricht einer Quote von 18,1 Prozent und ist immerhin ein Plus von 7,7 Prozentpunkten im Vergleich zum Jahr 2007. Von den 20 im Wiener Leitindex ATX zusammengefassten Unternehmen erfüllen derzeit nur vier Konzerne die für 2018 geplante Frauenquote von 30 Prozent schon jetzt: Wienerberger, Erste Bank, Post und Vienna Insurance Group. Fünf ATX-Konzerne – Immofinanz, Zumtobel, Do&Co, Conwert und RHI – haben hingegen derzeit keine einzige Frau im Aufsichtsrat (Letztere aber eine Geschäftsführerin). Im Schnitt aller börsennotierten Konzerne ist die Quote heuer auf 16,1 Prozent (von 17,4 im Vorjahr) gesunken.

Geschäftsführung "Sieben aus hundert" lässt sich die Analyse für diesen Bereich zusammenfassen. Nur 7,2 Prozent der umsatzstärksten 200 Unternehmen haben eine Geschäftsführerin. Damit hat sich im Vergleich zum Vorjahr nichts verändert. Die überwiegende Mehrheit bleibt in Männerhand. Nur 44 Geschäftsführerinnen stehen 565 Geschäftsführern gegenüber. Traditionsgemäß ist der Frauenanteil in den Geschäftsführungen des Dienstleistungssektors mit 12,8 Prozent am höchsten – am niedrigsten ist er (wie bereits in den vergangenen Jahren) im Industriesektor mit 4,3 Prozent.

Prokura In den Top-200-Unternehmen gab es per 2. Jänner 183 Firmen, in denen Prokuren vergeben waren. Von den in Summe 3138 Prokuristenjobs waren nur 497 (15,8 Prozent) weiblich besetzt. In 90 der 183 Firmen war keine einzige Frau als Prokuristin tätig.

In Summe zeigt der Report also einmal mehr, dass auf dem Weg nach oben der Anteil der vertretenen Frauen immer geringer wird. Sind es bei den Prokuristinnen noch 15,8 Prozent, so sinkt der weibliche Anteil in der Geschäftsführung bereits auf 7,2 Prozent, und von den Vorstandsvorsitzenden sind nur noch 3,6 Prozent Frauen. "Beim Phänomen der abnehmenden Karriere nach oben muss man ansetzen", fordert Wieser.

Steter Tropfen höhlt den Stein

Dass sich mit einer festgeschriebenen Quote die Anzahl der Aufsichtsrätinnen rasch erhöht, erwartet Wieser nicht. Sie glaubt, dass die Quote erst in rund zehn Jahren erfüllt sein wird. Denn Frauen sollen ja immer nur bei Neubestellungen in das Gremium einziehen. Vorgesehen ist zudem eine Regelung nach deutschem Vorbild. Dort wird die Wahl eines männlichen Aufsichtsratsmitglieds für nichtig erklärt, wenn die Quote nicht eingehalten wird.

Zuletzt waren in Deutschland laut EU-Kommission (siehe Grafik) 27 Prozent der Aufsichtsräte der Dax-Konzerne weiblich. Spitzenreiter sind Island (44), Norwegen (40) und Frankreich (37 Prozent) – sie alle verfügen über eine Quotenregelung, in Island funktioniert es sogar ohne Sanktionen.

Diversitätskonzept

Dass man hierzulande Frauen für den Job als Aufsichtsrätin mit der Lupe suchen müsste, ist nicht der Fall. Eigene Ausbildungsprogramme der Industriellenvereinigung und der Wirtschaftskammer haben in den vergangenen Jahren hunderte Absolventinnen hervorgebracht, die über Aufsichtsrätinnendatenbanken kontaktiert werden können. Mit dem neuen Nachhaltigkeits- und Diversitätsverbesserungsgesetz müssen große Kapitalgesellschaften ab heuer zudem ein Diversitätskonzept erstellen, dessen Nichtoffenlegung begründet werden muss. (Bettina Pfluger, 12.02.2017)

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