Hugo Portisch, 90, über die Zukunft mit Trump

Kolumne10. Februar 2017, 16:05
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Mit Trump wird höchstwahrscheinlich die gesamte Weltordnung aus den Angeln gehoben

Leser Michael S., ein Wiener Rechtsanwalt, schreibt uns: "der STANDARD hat in Bezug auf Trump jedwede Sachlichkeit verloren. Machen wir uns nichts vor: Niemand von uns hätte diesen Präsidenten gewollt – geschweige denn gewählt. Aber Donald Trump wurde ... gewählt – und das haben wir zu akzeptieren."

Einspruch, Euer Ehren. Haben wir jede Wahnsinnigkeit und kriminelle Machenschaft zu akzeptieren? Jeder Tag bringt Neues: Zuletzt hat sich dieser Präsident der USA auf Twitter beschwert, dass eine Modekette die Produkte seiner Tochter aus dem Sortiment genommen hat (!). Gleichzeitig wurde ein Südstaatler zum Justizminister (!) gemacht, der vor Jahrzehnten aktiv und mit Strafverfolgung (!) daran gearbeitet hat, schwarzen Bürgerrechtlern das Wahlrecht wegzunehmen. Das ist zugleich das Verhalten eines Drittweltpotentaten und Trumps heimlicher Staatsstreich.

Ein Tipp: das neue Büch-lein von Hugo Portisch über Leben mit Trump – ein Weckruf (Ecowin-Verlag). Dieser Großmeister der journalistischen Sachlichkeit, der jetzt seinen 90. Geburtstag feiert, hat einen Essay abgeliefert, der das Kernproblem mit Donald Trump sehr kühl auf den Punkt bringt: die Gefahr für Europa. Portisch beschreibt zunächst den Jubelschrei, den Trumps Wahl bei all den nationalpopulistischen, europafeindlichen Bewegungen von Marine Le Pen bis H.-C. Strache ausgelöst hat, und spricht dann eine Warnung aus: "Was ihnen allen noch nicht ganz zu Bewusstsein gekommen zu sein scheint, ist, dass mit Trump höchstwahrscheinlich die gesamte Weltordnung, so wie sie sich in den letzten 70 Jahren entwickelt hat, aus den Angeln gehoben wird. In den Jahren, in denen der Kommunismus unter Führung der Sowjetunion eine echte Bedrohung darstellte, konnte sich Europa stets auf Schutz und Schirm durch die USA verlassen, denn die parierten alles mit dem Marshallplan und ihrem eigenen atomaren Potenzial."

Dies drohe jetzt alles wegzufallen, und es sei zu erwarten, dass Trump versuchen wird, mit dem von ihm so seltsam geschätzten Wladimir Putin über die Köpfe der Europäer einen "Deal" abzuschließen. Portisch rät den Europäern im Fall der Ukraine, die Putin destabilisieren und wieder "zurückholen" will, einen Vorschlag zu machen: Die Ukraine solle "neutralisiert" werden, nach dem Vorbild Österreichs und Finnlands in den Nachkriegsjahren – kein EU-Vollbeitritt, sondern ein Handelsvertrag, kein Beitritt zur Nato, eine gewisse Autonomie für den mehrheitlich von Russen bewohnten Donbass.

Die EU solle ein solches Konzept mit der Trump-Administration koordinieren – und vor allem selbst tätig werden: "Donald Trumps ,America first' kann und darf daher nur sein, dass die Europäer aus ihren nationalistischen Albträumen erwachen und endlich zu der Solidarität finden, die sie als Einheit handlungsfähig macht. Trumps Wahl ist ein Weckruf für Europa." So schließt Portisch und zeigt, dass man sachlich und zugleich illusionslos argumentieren kann, wenn es um eine strategische Politik in der "neuen Trump-Welt" geht.(Hans Rauscher, 10.2.2017)

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