Glosse "Wortkunde": Entrüstungsporno

Glosse12. Februar 2017, 09:00
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Porno, das heißt hier: eine selbstzweckhafte, ohne sachliche Gründe auf die bloße Erregung von Affekten abzielende Kritik

Oder auch: Empörungsporno. Oder auch, in der amerikanischen Variante: Outrage Porn. Was damit gemeint ist? Werfen wir einen Blick in die "Washington Post": Dort hat Joe Scarborough, ehedem republikanischer Kongressabgeordneter aus Florida, jetzt Talkshow-Host für den TV-Sender MSNBC, Präsident Trump attackiert: Trumps Anwürfe gegen die Richterschaft seien ein schauerliches Novum in der US-Geschichte, sich gegen sie zu wehren, sei etwas anderes als der übliche, gegen Trump gerichtete "Outrage Porn".

Scarboroughs Argumentation, etwas abstrakter gefasst: Kritik an Trump ist meist Empörungsporno, aber irgendwo hört sich das Verständnis für dessen Eskapaden auch auf. Dort wo Trump definitiv über die Schnur haut, möge man ihm einschenken. Dort, wo man ihm über Gebühr einschenkt, ist Empörungspornoland.

Porno, das heißt hier: eine selbstzweckhafte, ohne sachliche Gründe auf die bloße Erregung von Affekten abzielende Kritik. Vom Reich der sexuellen Erregung, seinem Ursprungsgebiet, hat sich der Begriff Porno schon lange in viele andere Richtungen hin ausgebreitet. "Food Porn" ist die laszive Berichterstattung über Speisen, also quasi das mit gespreizten Schenkeln angerichtete Brathuhn-Foto. Unter "Sozialporno" versteht man die lüsterne Zuschaustellung menschlichen Elends unter dem Deckmantel von geheuchelter Anteilnahme und vorgetäuschtem Aufklärungswillen. "Ökoporno" ist, wenn industrielle Umweltverschmutzer in ihrer Werbung blitzblaue Himmel und grasgrüne Wiesen herzeigen, um ihre dreckigen Aktivitäten zu bemänteln.

Zu unterscheiden, wo die berechtigte Kritik aufhört und die Entrüstungspornographie anfängt, wird in der Ära Trump eine zentrale Herausforderung sein. Indem der US-Präsident die Medien pausenlos mit obszönen Tweets aufganselt, gängelt er sie auch und nimmt sie thematisch an die Kandare. Der Versuchung zu widerstehen, dass man sich reflexhaft im entrüstungspornographischen Sumpf suhlt, trägt so womöglich durchaus Züge politischen Widerstands. (Christoph Winder, 12.2.2017)

  • Joe Scarborough hat Präsident Trump attackiert: Trumps Anwürfe gegen die Richterschaft seien ein schauerliches Novum in der US-Geschichte, sich gegen sie zu wehren, sei etwas anderes als der übliche, gegen Trump gerichtete "Outrage Porn".
    foto: ap / evan agostini

    Joe Scarborough hat Präsident Trump attackiert: Trumps Anwürfe gegen die Richterschaft seien ein schauerliches Novum in der US-Geschichte, sich gegen sie zu wehren, sei etwas anderes als der übliche, gegen Trump gerichtete "Outrage Porn".

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