Der Spiegel an der Leine: Neurotische Halter haben meist gestresste Hunde

9. Februar 2017, 19:14
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Was sich im Alltag oft beobachten lässt, haben nun Wiener Biologen bestätigt: Entspannte Besitzer haben in der Regel auch unbekümmerte Hunde

Wien – Hunde und ihre Besitzer, so heißt es, werden einander mit den Jahren immer ähnlicher. Rein optisch mag das bisweilen sogar stimmen, doch wie sieht es mit der Persönlichkeit von Frauchen oder Herrchen und ihren tierischen Begleitern aus? Die Alltagserfahrung und einige vorangegangene Studien scheinen zumindest darauf hinzudeuten, dass an dem Sprichwort "Wie der Herr, so's G'scherr" etwas Wahres dran sein dürfte. Nun haben Wiener Forscher die Redensart mit einer wissenschaftlichen Untersuchung untermauert: Ist der Halter ein eher neurotischer Charakter, zählt auch sein Hund meist zu der reizbaren und ängstlichen Sorte.

Konkret ging es dem Team um Iris Schöberl und Kurt Kotrschal vom Department für Verhaltensbiologie der Universität Wien darum, den Zusammenhang von biopsychologischen Parametern und Stressmanagement von Haltern und ihren Hunden genauer unter die Lupe zu nehmen. Im Zentrum der im Fachjournal "Plos One" veröffentlichten Studie stand die Frage, welche Charaktereigenschaften von Hundebesitzern und ihren Tieren die Ausschüttung des Stresshormons Kortisol bei beiden in unterschiedlichen Situationen beeinflussen.

Hunde und Halter im Stresstest

Die Forscher baten dazu 132 Familienhunde und deren Hauptbezugspersonen zum Test und setzten sie einigen herausfordernden Situationen aus. So wurden die Hunde etwa kurzzeitig von ihren Besitzern getrennt und in einen den Tieren unbekannten Raum geführt. In anderen Versuchsanordnungen mussten die Hunde über eine Brücke aus Drahtgeflecht gehen, auf einer beweglichen Unterlage sitzen oder sie wurden mit einer fremden, maskierten Person konfrontiert – insgesamt also mehr oder wenige unangenehme Erfahrungen für die Tiere.

Um zu sehen, wie gestresst die Hunde und ihre Besitzer tatsächlich reagierten, wurden beiden Speichelproben entnommen und die jeweiligen Kortisolwerte bestimmt. Die Persönlichkeit der Halter und der Hunde sowie die Beziehung zwischen den beiden im Alltag ermittelten die Forscher mithilfe von Fragebögen.

Neurotischer Besitzer, nervöser Hund

Dabei kamen schließlich eindeutige Zusammenhänge ans Licht: Bei Besitzern, deren Tests hohe neurotische Werte ergaben und die in der Beziehung zu anderen Menschen eher unsicher sind, zeigten die Hunde geringere Variationen im Kortisolniveau, was darauf schließen lässt, dass sie schlechter mit stressigen Situationen zurechtkamen. Umgekehrt besaßen Hunde vor allem dann ein effizienteres Stressmanagement, wenn ihre Halter hohe Werte bei der Persönlichkeitsdimension "Verträglichkeit" und niedrige bei "Neurotizismus" aufwiesen. Mit anderen Worten: Die Hunde von entspannten Besitzern gehen besser mit Bedrohungssituationen um und sind insgesamt belastbarer.

Auch in die andere Richtung fanden die Forscher eine Relation: Aufseiten der Halter beeinflusste vor allem die Geschlechterkombination das Stressmanagement. Bei Frauen mit Hündinnen und Männern mit Rüden sank der Kortisolspiegel demnach im Schnitt am stärksten. Bei Frauen mit Rüden änderte sich hingegen am wenigsten, was eher auf einen schlechteren Umgang mit Stress hindeutet.

Gemeinsame Geschichte

Die Ursache für die gegenseitige Beeinflussung liegt nach Ansicht der Biologen in der Ähnlichkeit der Persönlichkeitsstrukturen: Mensch und Hund seien beide soziale Wesen, deren jahrtausendelange gemeinsame Geschichte Spuren hinterlassen habe. "Das ist auch der Grund, warum uns Hunde besonders gut lesen können", so Schöberl.

Für die Forscherin lässt sich aus der Studie vor allem schließen, dass man Mensch-Hund-Teams als Einheit betrachten sollte: "Die Eigenschaften des Halters spielen eine wichtige Rolle dabei, wie die Beziehung zum Hund gelebt wird und wie der Hund mit stressvollen Situationen umgeht." (Thomas Bergmayr, 9.2.2017)

  • "Wie der Herr (oder, wie in diesem Fall, das Frauchen), so's G'scherr": Das Sprichwort gilt bei Hunden und ihren Besitzern nicht nur fürs Äußere.
    foto: reuters / jeff haynes

    "Wie der Herr (oder, wie in diesem Fall, das Frauchen), so's G'scherr": Das Sprichwort gilt bei Hunden und ihren Besitzern nicht nur fürs Äußere.

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