Chinas Fanszene: Unbeugsam und furchtlos

10. Februar 2017, 09:21
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Transparente, Trommeln und Gesänge – die organisierte Fanszene von Chinas Erstligist Chongqing Lifan ist groß und vielfältig. Der Support der Mannschaft steht im Mittelpunkt, doch hin und wieder können auch Flaschen von den vollen Rängen fliegen

Eine Gruppe von älteren Frauen tanzt gemeinsam zu Technohits der 1990er Jahre – ein üblicher Anblick auf öffentlichen Plätzen in China. Sonst ist es an diesem Nachmittag Ende Oktober 2016 auf dem großen Stadionvorplatz des Olympischen Sportzentrums in Chongqing noch relativ ruhig. Vereinzelt sammeln sich Menschen rund um die Stände, an denen Fanartikel und Eintrittskarten verkauft werden. Erst in einigen Stunden wird sich der Platz mit den roten und blauen Farben von Chongqing Lifan füllen.

Der Erstligist trifft am Abend in der letzten Meisterschaftsrunde auf Tianjin Teda. Hinter der Olympiastatue, einem Betonblock in der Mitte des Platzes, erwartet Yuan Meng den ballesterer. Der 22-Jährige ist Capo des größten Fanklubs von Chongqing Lifan, "Tiexue Bayu" – was mit "Eisernes Blut Chongqing" übersetzt werden kann. "Für uns geht es heute nicht mehr um viel. Aber Tianjin Teda spielt gegen den Abstieg, sie müssen gewinnen. Das werden wir verhindern", sagt er. "Außerdem wollen wir unserem Team einen gebührenden Saisonabschluss bieten."

Fanklub ohne Parteikomitee

Seit der Rückkehr von Chongqing Lifan in die erste Liga vor zwei Jahren hat die Fußballbegeisterung auch die 30-Millionen-Metropole Chongqing erfasst. Der Zuschauerschnitt ist von 13.000 auf über 36.000 gestiegen. Und auch die organisierte Fanszene wuchs. "Unser Fanklub ist Anfang 2015 aus der Fusion von zwei kleineren Gruppen entstanden. In den letzten beiden Saisonen sind über 700 Personen dazugekommen, wir haben jetzt mehr als 2.000 registrierte Unterstützer", sagt Yuan Meng. Die zahlenden Mitglieder sind derzeit allerdings auf knapp über 1.600 beschränkt, aus Gründen der Bürokratie, wie der Capo erläutert. "Laut eines ungeschriebenen Gesetzes müssen alle Organisationen ab einer bestimmten Größe über ein Parteikomitee verfügen, um eine gewisse Kontrolle zu gewährleisten. Das haben wir nicht."

li xiaobin/ballesterer

Die Mitglieder von "Tiexue Bayu" sehen sich als Vorreiter der lokalen Fankultur. "Unbeugsam – unser Fußball in Chongqing; Furchtlos – wir Menschen aus Chongqing" steht auf dem Banner, das Yuans Kollegen gerade am Zaun vor dem Sektor 10 anbringen. "Wir wollen noch mehr Leute zum Anfeuern anregen", sagt Yang. "Unser Support ist eine Art Geisteshaltung. Er soll eine Einstellung dieser Stadt ausdrücken." Zu den Vorbildern des Fanklubs zählen heimische Fangruppen wie die "Lan Mo" – die Blauen Teufel – von Shanghai Shenhua, aber auch die organisierten Fanszenen in Japan und Deutschland. Die Mitglieder von "Tiexue Bayu" sind Anfang 20 bis Anfang 30, die meisten studieren, doch auch junge Angestellte und Arbeiter sind dabei.

Kusch, Shijiazhuang

Innerhalb der Gruppe hat sich vor einem Jahr eine kleine Ultrasektion herausgebildet. Während sich die übrigen Fanklubs auf der Längsseite des Stadions formieren, organisiert sich "Assassin" hinter dem Tor. Der 21-jährige Student Xiao Yang ist der Sprecher dieses, wie er es nennt, Kampfkommandos. Er präsentiert die von den Ultras angefertigte Kleidungskollektion: ein T-Shirt und eine Baseballkappe mit "Assassin"-Aufschrift.

Im vergangenen August habe die Gruppe zudem eine 1.024 Quadratmeter große Überrollfahne angefertigt – ein Rekord zum damaligen Zeitpunkt. "Unsere Choreografien und Transparente müssen vom Verein und der Polizei allerdings bewilligt werden. Die für heute vorgesehenen Banner haben wir zum Beispiel nicht mitnehmen dürfen", sagt Xiao Yang. "Aufgrund solcher Beschränkungen laufen wir der Fankultur in anderen Ländern hinterher."

Doch nicht immer respektieren die "Tiexue Bayu" die Vorgaben. "Vergangenen Sommer haben wir 5.000 Yuan Strafe zahlen müssen – für ein großes Transpi mit der Aufschrift ‚Unser Stadion, haltet die Schnauze!‘. Das war im Spiel gegen unsere Erzfeinde aus Shijiazhuang. Bei unserem letzten Auswärtsspiel ist es dort zu einer Massenschlägerei gekommen", erzählt Capo Yuan Meng. Das Stadion ist einer der Räume in der chinesischen Gesellschaft, in denen die staatlich vorgegebenen Grenzen ausgetestet – und hin und wieder überschritten – werden. Dazu gehören auch Auseinandersetzungen um Pyrotechnik.

2015 sorgten Fans in Chongqing für Schlagzeilen, als sie eine Reihe Bengalen zündeten und "Pyrotechnik ist kein Verbrechen" skandierten. "Der dafür Verantwortliche hat damals zwei Tage auf der Polizeistation verbringen müssen", sagt Yuan. "Wir werden heute auch Bengalen zünden – aber erst nach dem Match vor dem Stadion."

Nicht übertrieben jung

Vor Anpfiff des Spiels ertönt die Nationalhymne, gut die Hälfte des 58.000er-Stadions ist besetzt. Unter den offiziell 30.000 Fans sind auch einige hundert Auswärtsfans aus dem 1.400 Kilometer entfernten Tianjin. Hinter einem Meer aus roten Fahnen setzen tausende Chongqing-Fans auf der Längsseite zum Dauersupport an, darunter zahlreiche Frauen und Kinder. In Sektor 10 treibt Yuan Meng die Menge mit mehrheitlich im Dialekt gehaltenen Chants zu bekannten Melodien voran – "Wir sind die Krieger mit eisernem Blut, rot ist unser Glaube. Ole Ole Ole. Für Chongqing kämpfen wir." Das ändert sich auch nicht, als Tianjin nach einem Freistoß in der 17. Minute in Führung geht.

Im angrenzenden Sektor 9 finden sich die Mitglieder der "Chongqing Qiumi Xiehui" ein, der "Fußballfanvereinigung Chongqing". 1986 gegründet, ist sie nicht nur der älteste Fanklub Chongqings, sondern einer der ersten in China. Der 53-jährige Vorsitzende Ma Yancheng war früher Elektriker, inzwischen betreibt er eines der zahlreichen Teehäuser am Ufer des Yangtze. Für ein Gespräch über den Fanklub hat er den ballesterer in sein kleines, gänzlich dem Fanklub gewidmetes Büro geladen.

li xiaobin/ballesterer

Er sitzt am Schreibtisch vor einer großen Fahne mit dem Logo des Fanklubs, zahlreiche Trikots zieren die Wände, rundherum stehen Kisten mit Fanutensilien. "Zwei Vorfälle haben dazu geführt, dass wir den Fanklub gegründet haben", sagt Ma. "Ein Platzsturm bei einem Spiel hier in Chongqing und die Ausschreitungen in Beijing nach der Niederlage des Nationalteams gegen Hongkong 1985. Am Anfang waren wir eine Gruppe von rund 50 Leuten, die alle der Meinung waren, dass sich Fans vernünftig verhalten sollen. Es braucht einen Zusammenhalt, um derartige Unruhen zu verhindern."

Heute zählt der Fanklub mehr als 800 Mitglieder, er hat Untergruppen in Betrieben und Schulen. "Unsere Mitglieder reichen vom Unternehmensboss bis zum einfachen Arbeiter", sagt Ma, der auch im Vorstand einer Gruppe von Nationalteamfans tätig ist. "Man muss aber auch sagen, dass viele von uns schon über 60 sind." Dem fortgeschrittenen Alter zum Trotz bietet auch die "Chongqing Qiumi Xiehui" im Spiel gegen Tianjin 90 Minuten Dauersupport. Ein Markenzeichen sind die dabei eingesetzten dagu, traditionelle Basstrommeln, die entlang den Aufgängen des Sektors aufgestellt sind. Von manchen Formen der Unterstützung grenzt sich Ma jedoch ab. "Pyrotechnik im Stadion oder Feindseligkeiten mit anderen Fangruppen sind nicht sinnvoll", sagt er. "Wir können die junge Generation verstehen, wir waren ja selbst einmal jung. Aber man sollte es nicht übertreiben."

Spenden fürs Land

Im Stadion haben sich die Teams von Chongqing Lifan und Tianjin Teda mittlerweile in die Pause verabschiedet. Für die Zuschauer gibt es im 2004 errichteten Stadion kaum Möglichkeiten, sich zu stärken. Lediglich an zwei mobilen Ständen werden Popcorn und Cola um zehn Yuan angeboten, die meisten Fans stillen ihren Durst an den gratis zur Verfügung gestellten Wasserkanistern. Im Sektor 13 bereitet sich die Fangruppe "Yuzhou Shi Er Wei" – Der zwölfte Mann Yuzhous – auf die zweite Hälfte vor. In der ersten Reihe steht dort die 31-jährige Trommlerin Yang Qian, nicht die einzige Frau in der Gruppe. "Wahrscheinlich liegt es an unserem Charakter, dass in Chongqing mehr Frauen als anderswo in Fanklubs aktiv sind", sagt sie. "Die Frauen hier lassen sich von den Männern nichts sagen und werden auch schnell einmal laut."

Die vor einem Jahr gegründete Gruppe mit ihren etwa 180 Mitgliedern hat ein eher familiäres Selbstverständnis. "Wir wollen nicht nur gemeinsam Fußball schauen, und nach den Spielen geht jeder seines Weges", sagt Yang Qian. "Wir treffen uns auch abseits des Stadions zum Essen und Fußballspielen. Außerdem legen wir viel Wert auf soziale Projekte." Erst vor Kurzem habe die Gruppe Geld und Fußballausrüstung für eine Schule im ländlichen, ärmeren Teil Chongqings gesammelt. Während Qian noch erzählt, läuft das Spiel schon wieder.

li xiaobin/ballesterer

Chongqing liegt immer noch 0:1 zurück. Die Stimmung des Publikums beginnt, sich gegen das eigene Team und den Schiedsrichter zu wenden. Denn die Heimmannschaft wirkt alles andere als entschlossen, die Partie noch zu drehen. Eher durch Zufall gelingt in der 52. Minute der Ausgleich, kurz darauf überschlagen sich die Ereignisse. Ein Verteidiger Chongqings reißt seinen Gegenspieler im Strafraum unnötig zu Boden. Nach dem Elfmeter und der erneuten Führung für Tianjin Teda entscheidet sich Chongqings Trainer Chang Woe-ryong in der 60. Minute, seinen bisher besten Spieler vom Feld zu nehmen. Der Wechsel sowie eine Reihe zweifelhafter Schiedsrichterentscheidungen bringen die Fans zum Kochen.

Gegenseitige Gefallen

"Nein zu Spielmanipulation!", tönt es immer lauter von den Rängen. Geldscheine werden in die Luft gehalten, begleitet von "Der Schiedsrichter wird bestochen!"-Rufen. Weder das Heimteam noch der Schiedsrichter entkräften diese Anschuldigungen, sondern zeigen weiter eine peinlich schlechte Leistung. Zahlreiche Zuschauer verlassen das Stadion, die übrigen Fans werfen Plastikflaschen und Becher in Richtung Spielfeld. Dann reißen sie das offizielle, im zweiten Rang platzierte Banner des Vereins zur Gänze ab.

Die geplante Verabschiedung der Mannschaft nach Schlusspfiff wird einfach abgesagt. Während die meisten Spieler ohnehin direkt in Richtung Kabine flüchten, kniet sich Trainer Chang Woe-ryong im Mittelkreis hin – es wirkt wie eine Geste der Entschuldigung. Trommlerin Yang Qian wischt sich Tränen aus dem Gesicht. Gemeinsam mit ihrer Gruppe geht sie vor das Stadion zur Abfahrt des Mannschaftsbusses, dort sind inmitten von etwa hundert anderen wütenden Fans auch Yuan Meng und Xiao Yang zu sehen. Doch das Vorhaben der Anhänger, den Mannschaftsbus zu blockieren, wird durch die heraneilende Polizei in Kampfmontur unterbunden.

An diesem Tag ist die Chinese Super League offenbar Schauplatz eines abgesprochenen Spiels geworden. Die Wut und die Proteste der Fans zeigen jedoch, dass derartige Vorfälle nur unter Inkaufnahme von Unruhen möglich sind. Unter den Fans ist eine gewisse Resignation zu spüren. "Es tut sehr weh, so etwas zu sehen", sagt Ma Yancheng auf dem Weg zur U-Bahn. "Aber wir älteren Fans wissen: Es gibt bestimmte Anstandsregeln, die Vereine zeigen sich gegenseitig erkenntlich. Sollten wir wieder einmal in den Abstiegskampf geraten, würden wir das doch auch tolerieren." (Daniel Fuchs, 10.2.2017)

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