FH-Studienleiterin: "Soziale Exklusion älterer Menschen verhindern"

Interview9. Februar 2017, 17:08
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Ältere Menschen sind eine sehr heterogene Bevölkerungsgruppe. Der Fern-FH-Studiengang Aging Services Management soll helfen, passende Angebote zu machen

STANDARD: Wie verändern sich die Lebenswelten älterer Menschen?

Waldherr: Der Trend zur Individualisierung prägt auch das Alter. Begünstigt durch gestiegene Lebenserwartung, hat sich eine große Heterogenität herausgebildet. Es gibt jüngere Senioren, die gerne reisen und kulturelle Angebote nutzen. Auf der anderen Seite haben wir Hochbetagte mit starken gesundheitlichen Einschränkungen. Allein dadurch gibt es schon viele Abstufungen. Dazu kommen individuelle Interessen und Beziehungen. Typische Biografien, die die Aufeinanderfolge von Arbeitsbeginn, Heirat, Kindererziehung und Ruhestand vorsehen, sind seltener geworden. Die Diversität unter älteren Menschen nimmt zu.

STANDARD: Wie sollte die Gesellschaft auf diese Veränderungen reagieren?

Waldherr: Die Senioren wollen sich am sozialen Leben beteiligen. Die Gesellschaft muss Möglichkeiten und Rahmenbedingungen schaffen, um eine soziale Exklusion zu verhindern. Ein Aspekt, der zu so einem gesellschaftlichen Ausschluss beiträgt, ist mangelnde Mobilität – wenn ich auf dem Land wohne und keine öffentlichen Verkehrsmittel zur Verfügung habe, um ins Theater fahren zu können. Genauso muss es passende Angebote im touristischen oder sportlichen Bereich und in der Bildung geben.

STANDARD: Die Karriere ist vorüber, und auch Familie und Religion fallen zunehmend als sinnstiftende Elemente im Alter weg. Was kann an deren Stelle treten?

Waldherr: Die Politik ist gefragt, Möglichkeiten zu schaffen, damit ältere Menschen länger arbeiten können, wenn sie es gerne möchten. Sehr viele Pensionisten engagieren sich ehrenamtlich im Sozialbereich, etwa als Gesellschafter für andere ältere Menschen, die schon eingeschränkter sind. Und natürlich ist aktive Freizeitgestaltung sinnstiftend – endlich die Möglichkeit zu haben, seinen Interessen nachzugehen.

STANDARD: Ein Thema des Studiengangs Aging Services Management, den Sie leiten, ist Veränderungsmanagement. Welche Aufgaben sind gemeint?

Waldherr: Viele Organisationen wollen auf die gesellschaftlichen Veränderungen adäquat reagieren. Wie gehe ich als Unternehmen mit älteren Kunden um? Gibt es die Möglichkeit, dass Mitarbeiter über das gesetzliche Pensionsalter hinaus im Unternehmen bleiben? Wie kann man – etwa im Pflegebereich – zu einer besseren Gesundheitsförderung und einem selbstbestimmten Leben älterer Menschen beitragen? Da bedarf es vielfach strategischer Neuausrichtungen, die auch durchaus komplex und herausfordernd sein können. Man benötigt Mitarbeiter oder Berater, die den Bedarf erheben, Strategien entwickeln und Veränderungsprozesse systematisch vorantreiben.

STANDARD: Haben Sie ein Beispiel?

Waldherr: Um im Pflegebereich zu bleiben: Wenn man sich in einem Seniorenwohnheim überlegt, mehr für die Gesundheitsförderung zu tun, braucht es jemanden, der überlegt, wo man ansetzt, welche baulichen Maßnahmen oder neue Mitarbeiter vielleicht notwendig sind und wie man den Betreuungsprozess verändern kann. Das kann von Fall zu Fall sehr verschieden sein. Man kann etwa neue Angebote schaffen, indem man mit anderen Organisationen kooperiert. Wir waren etwa in das Projekt "Generationen bewegen" der Wiener Gesundheitsförderung involviert, bei dem Senioreneinrichtungen mit Kindergärten zusammengearbeitet haben, um gemeinsame Bewegungsstunden zu organisieren.

STANDARD: Bei diesem Projekt waren Sie eine der Evaluatorinnen. Wie kann man messen, ob diese Art der Gesundheitsförderung funktioniert?

Waldherr: Die Wirksamkeit ist schwer zu überprüfen. Wichtig bei diesem Projekt war, dass die Kinder nicht da sind, um die Senioren zu unterhalten, sondern dass wirklich beide Gruppen profitieren. Wir haben uns darauf konzentriert, die Interaktionen zu beobachten und das Wohlbefinden einzuschätzen. Lernen kann man nur, wenn man sich wohlfühlt. Kontakte zwischen den Generationen und lächelnde Gesichter wurden im Lauf der 20 Bewegungseinheiten häufiger. Die Kinder sind von sich aus vermehrt auf die Älteren zugegangen. Es waren viele Kinder mit Migrationshintergrund dabei. Obwohl manche von ihnen nicht gut Deutsch konnten, hat es wunderbar funktioniert. Man kann durchaus auch über die gemeinsame Bewegung interagieren.

STANDARD: Der Einsatz neuer Technologien kann den Pflegeaufwand vermindern. Kritiker sagen, dass die Industrie oft an den Betroffenen vorbeientwickelt. Wie sehen Sie diese Anwendungen?

Waldherr: Prinzipiell sehe ich sie positiv. Obwohl die Technik soziale Kontakte nie ersetzen kann, haben diese Hilfsmittel großes Potenzial. Sie können eine körperliche Entlastung für das Pflegepersonal bedeuten, etwa beim Heben der Patienten. Wenn man weiß, dass ein Sturz von Sensoren erkannt wird und dass bei Bedarf jemand nachschauen kommt, kann das ein neues Sicherheitsgefühl vermitteln. Mittlerweile konzentrieren sich die Entwickler solcher Ambient-Assisted-Living-Systeme darauf, die Anwendungen gemeinsam mit ihren Nutzern zu entwickeln. Die Hilfsmittel werden zur Selbstverständlichkeit und im täglichen Gebrauch nicht mehr auffallen.

STANDARD: In einem Forschungsprojekt untersuchen Sie die Angst von Frauen vor dem Älterwerden. Worum geht es da?

Waldherr: Natürlich ist positiv, dass Senioren heute als aktiver und gesünder wahrgenommen werden. Man muss aber aufpassen, dass daraus kein Druck erwächst, was Leistung und Aussehen betrifft. Man muss im Alter nicht an Marathons teilnehmen oder einen jung aussehenden Körper haben. Über Medien wird oft vermittelt, dass Frauen auch im Alter jugendlich schlank, dass Männer muskulös sein müssen. Heute machen mehr ältere Menschen Diäten, die Zahl der Schönheitsoperationen steigt. Die Vermutung ist, dass dieser gesellschaftliche Druck die Angst vor dem Altern verstärkt. In der Untersuchung, die von einem EU-geförderten Forschungsnetzwerk durchgeführt wird, befragen wir dazu Frauen ab 45 Jahren in sechs europäischen Ländern. (Alois Pumhösel, 9.2.2017)

Karin Waldherr (49) leitet seit 2014 den Bachelor-Studiengang Aging Services Management an der Ferdinand-Porsche-Fern-FH. Davor war die promovierte Psychologin stv. Institutsleiterin am Ludwig Boltzmann Institute Health Promotion Research.

  • Damit die Einsamkeit kein Alltagsbild im Alter wird, gab es zum Beispiel Kooperationen zwischen Senioreneinrichtungen und Kindergärten.
    foto: corn

    Damit die Einsamkeit kein Alltagsbild im Alter wird, gab es zum Beispiel Kooperationen zwischen Senioreneinrichtungen und Kindergärten.

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