Pühringer intervenierte vor "ZiB" zu Beitragstext: Redakteursrat protestiert

9. Februar 2017, 14:15
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Redakteursrat fragte Landesdirektor zu Zugriffen auf "ZiB"-Redaktionssystem aus Linz – Chefredakteur: Rief bei Landeshauptmann an, aber keine Info über Beitrag

Wien – Der Redakteursratsvorsitzende des ORF, Dieter Bornemann, befürchtet einen "eklatanten Bruch des Redaktionsgeheimnisses" durch Mitarbeiter des Landesstudios Oberösterreich. Anlass: Oberösterreichs Landeshauptmann Josef Pühringer rief eine halbe Stunde vor der "Zeit im Bild" gezielt jenen Redakteur an, der an einem Beitrag über ihn arbeitete. O-Ton des Anrufs am 16. Jänner: "Ich höre, Sie arbeiten an einem Bericht, dass ich im Februar 2017 zurücktreten werde. Das stimmt nicht, das ist völliger Blödsinn."

Chefredakteur: Anruf, aber keine Info

Johannes Jetschgo, Chefredakteur des ORF Oberösterreich, erklärt auf STANDARD-Anfrage, dass er Landeshauptmann Pühringer an dem Abend anrief. Er habe ihn aber weder über den Namen des "ZiB"-Redakteurs noch über den Inhalt des Beitrags informiert, sagt Jetschgo.

Hier spricht der Landeshauptmann

Bornemann schrieb Oberösterreichs ORF-Landesdirektor Kurt Rammerstorfer am 17. Jänner einen Brief mit Fragen und seiner Befürchtung zu dem Vorfall. Der Vorwurf: "Offenbar wurde der oberösterreichische Landeshauptmann Dr. Josef Pühringer über die Rohfassung eines "ZiB 1"-Textes vor der Sendung informiert und hat daraufhin beim verantwortlichen Redakteur aus der "ZiB"-Innenpolitik interveniert.

Zugriff auf das "ZiB"-Redaktionssystem aus Linz

Zugriffe auf das Redaktionssystem der "ZiB" ließen sich dort nachvollziehen, schreibt Bornemann in der Mail an Rammerstorfer, die dem STANDARD am Donnerstag zugespielt wurde: Um 18.32 speicherte der Redakteur eine Version seines Textes im Redaktionssystem. Um 18.48 griff ein Redakteur des Landesstudios auf den Text zu. Um 18.49 griff eine Mitarbeiterin des Landesstudios ebenfalls auf den Text zu. Um 18.57 Uhr rief Pühringer laut Bornemanns Aufstellung im "ZiB"-Sekretariat an und verlangte – mit dem richtigen Namen – den Redakteur des Beitrags.

"Welche Konsequenzen?"

"Das führt zu einer Reihe von Fragen", schreibt Bornemann in der Mail an Landesdirektor Rammerstorfer: "Warum schauten sich Mitarbeiter des Landesstudios den Text an, und taten sie das aus eigenem Antrieb oder in – wessen – Auftrag?" "Hat jemand aus dem Landesstudio Oberösterreich den Landeshauptmann Pühringer informiert – wenn ja, wer und warum?" "Gibt es aus Ihrer Sicht sonst eine Erklärung für diesen zeitlichen Ablauf?" Und: "Woher kann der oberösterreichische Landeshauptmann wissen, was in einem Textentwurf für einen 'ZiB'-Beitrag steht?" Schließlich: "Welche Konsequenzen werden aus diesem Vorfall gezogen?"

Bornemann bestätigt die Existenz des Schreibens an Rammerstorfer auf STANDARD-Anfrage, er will es aber nicht weiter kommentieren.

Nachfrage beim Betroffenen

Jetschgo verneint auf Anfrage einen Bruch des Redaktionsgeheimnisses: Der Chef vom Dienst im Landesstudio Oberösterreich habe sich den "ZiB"-Beitragstext angesehen und mit ihm gesprochen.

"Im Zuge einer Recherche ist es sinnvoll, den Betroffenen zu fragen", erklärt der Chefredakteur, und also habe er Pühringer angerufen und ihn zu Rücktrittsgerüchten gefragt. Schließlich hätte man dann den vom Studio Steiermark zugelieferten Bericht über eine Ordensverleihung ändern müssen, erklärt Jetschgo. Er habe Pühringer in dem Telefonat zweimal gefragt, ob er zurücktrete, zweimal habe er verneint und die Information wörtlich als "Ente" bezeichnet.

Er habe Pühringer weder den Autor des "ZiB"-Beitrags genannt noch den Beitragstext. Er verstehe das Befremden über den direkten Anruf. (fid, 9.2.2017)

  • Josef Pühringer, hier mit Mikros von Servus TV und Ö3.
    foto: apa/herbert neubauer

    Josef Pühringer, hier mit Mikros von Servus TV und Ö3.

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