Aggressive Kinder: Wie Eltern damit umgehen müssen

Blog10. Februar 2017, 08:00
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Wenn Kinder wütend sind, macht das Eltern oft hilflos

Marie (2) sitzt in der Sandkiste und spielt mit ihrer blauen Schaufel. Frederik (3) reißt Marie das Spielzeug aus der Hand. Noch bevor Sonja, die Mama von Frederik, etwas sagen kann, hat das kleine Mädchen dem Buben schon in die Hand gebissen.

Lia (7) wird bei der Deutschaufgabe regelmäßig wütend. Sie versucht die Sätze schnell zu schreiben und achtet dabei aber nicht darauf, dass diese auch ordentlich gemacht sind. Regelmäßig wirft Lia dann das Heft auf den Boden, beginnt zu schreien und zu jammern. Lias Mutter macht die Reaktion ihrer Tochter ebenfalls wütend, da sie vom Arbeitstag erschöpft ist und erwartet, dass Lia die Hausübung bereits in der Nachmittagsbetreuung erledigt hat. Sie probiert, mit Lia darüber zu reden, dass es doch viel vernünftiger wäre, gleich ordentlich zu schreiben, um schneller damit fertig zu sein. Lia lässt die Mama einfach reden und raunzt weiter.

Oft, wenn Robert (12) und sein Bruder Martin (9) sich gegenseitig anschreien und aufgebracht sind, wird aus dem lauten Streit eine ordentliche Rauferei. Meist geht Robert als Sieger hervor, aber sein jüngerer Bruder kann ihn trotzdem mit seinen Faustschlägen ganz schön verletzen. Die Mutter trennt die Buben dann regelmäßig und schickt sie mit den Worten "Wenn ihr euch beruhigt habt, dann könnt ihr wieder rauskommen!" in ihre Zimmer. Robert und Martin fügen sich, aber der Ärger über den anderen ist nicht weg, da sie den Streit nicht zu Ende bringen konnten.

Aggressionspotenzial vorhanden

Menschen haben unterschiedliche Gefühle und zeigen daher auch unterschiedliche Verhaltensweisen. Aggression per se ist der Motor für das menschliche Handeln. Jeder Mensch hat Aggressionen und braucht diese, um sich den Herausforderungen des täglichen Lebens zu stellen.

Das Potenzial der Aggression kann unterschiedlich genutzt werden. Jeder erwachsene Mensch kann entscheiden, ob er seine Hilflosigkeit, seine Frustration, seinen Ärger oder seine Wut in aggressives Verhalten umsetzt oder eine andere Form des Ausdrucks dieser Aggression findet und einsetzt.

Kinder erlernen solche alternativen Ausdrucksformen erst durch Erfahrung und Erleben. Abhängig vom Alter zeigen sich Aggressionen in unterschiedlichem Verhalten.

Spucken, beißen, kratzen, zwicken

Kleine Kinder können ihre Gefühle und ihre Gedanken ausdrücken, aber nicht verbalisieren. Sie ärgern sich, dass sie etwas noch nicht schaffen, sie wollen etwas haben, das sie nicht bekommen, sie können dem Spielkameraden nicht erklären, was sie spielen wollen. Daraus resultiert, dass das kleine Kind mitunter grantig, hilflos und überfordert ist und mit dem Verhalten reagiert, das ihm in dieser Situation einfällt, wie zum Beispiel spucken, beißen, hinhauen, schreien, kratzen, treten, zwicken oder stoßen.

Je nachdem wie die Situation ausgeht, in der das kleine Kind aggressives Verhalten zeigt, macht es die Erfahrung, ob sich dieses Verhalten auszahlt oder nicht. Somit erfährt das Kind, dass es Erfolg mit seinem Verhalten hat und bekommt, was es will. – Oder es erfährt, dass sein Verhalten nicht zielführend ist, weil es dadurch nicht die erhoffte Reaktion bekommt. In solch einem Fall bieten Bezugspersonen dem Kind eventuell eine andere Verhaltensweise an, die ebenfalls zum Ziel führen kann. Das setzt voraus, dass Erwachsene das Kind nicht sich selbst überlassen, sondern mit ihm gemeinsam Situationen gewaltfrei zu lösen versuchen.

Aggressives Verhalten erzeugt aggressives Verhalten

Kinder ahmen Vorgelebtes nach. Wenn sie sehen, dass andere Menschen durch Aggression etwas erreichen, dann werden sie probieren, ähnlich zu handeln. Durch immer wieder gemachte Erfahrungen der gewaltfreien Interaktion können Kinder diese Art des Miteinander-Umgehens mit der Zeit in ihr Handeln übernehmen.

Wenn Kinder sich ärgern und wütend sind, macht das Eltern oft hilflos, weil sie nicht wissen, warum ihr Kind sich gerade so benimmt. Sie reagieren auf das aggressiv agierende Kind ebenfalls mit aggressivem Verhalten, indem sie eventuell schreien und schimpfen.

Hier beginnt der Teufelskreis von Hilflosigkeit und Aggressivität. Hilflosigkeit erzeugt Aggression, die sich oft in aggressivem Verhalten zeigt – bei Kinder und Erwachsenen.

Kinder dürfen durchaus wahrnehmen, dass die Bezugsperson ihretwegen verärgert oder wütend und aggressiv ist. Hier müssen Bezugspersonen darauf achtgeben, dass Kinder nicht den manchmal angestauten Ärger über die Partnerin / den Partner oder aus dem Arbeitsalltag ausbaden müssen.

Es stellt sich zusätzlich die Frage, welche Intensität der Aggression das Kind erlebt, ob es Wut und Aggression oder Wut und aggressives Verhalten vonseiten der Eltern erlebt.

Kinder nehmen vor allem das wahr, was in einer Situation mitschwingt. Nicht nur das Verhalten, das die Eltern und Bezugspersonen nach außen sichtbar zeigen, wirkt auf die Kinder, sondern auch die unterschwellig transportierten Informationen im Tonfall, in Mimik und Gestik, in der Haltung dem Kind und anderen Erwachsenen gegenüber. Auch das ist ausschlaggebend dafür, welchen Zugang Kinder zu ihren Gefühlen haben und wie sie damit umgehen.

Ihre Erfahrungen?

Wie gehen Sie mit Aggressionen als erwachsener Mensch um? Wie gehen Sie mit aggressivem Verhalten Ihrer Kinder um? Posten Sie Ihre Erfahrungen, Fragen und Ideen im Forum! (Andrea Leidlmayr, Christine Strableg, 10.2.2017)

Andrea Leidlmayr und Christine Strableg bloggen auf derStandard.at/Familie und geben Eltern Tipps für den täglichen Erziehungsalltag.

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