Bei der Islamdebatte geht es nicht hauptsächlich um Religion

Blog9. Februar 2017, 10:26
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Wie man zum Islam steht, hat nichts mit eigener Religiosität zu tun, sondern mit der Einstellung zur Zuwanderung

Mit den Plänen der Bundesregierung für ein Vollverschleierungsverbot im öffentlichen Raum und ein (religiöses) Neutralitätsgebot für Teile des öffentlichen Dienstes hat die Debatte über den Islam in Österreich wieder Schub bekommen.

Die rund 600.000 Muslime in Österreich machen zwar nur etwa sieben Prozent der Bevölkerung aus, ihre Präsenz ist aber in den vergangenen Jahren zu einem politischen Thema geworden – verstärkt nicht zuletzt durch die Ankunft zehntausender Asylwerber aus mehrheitlich muslimischen Ländern während der letzten Jahre.

foto: apa/gindl
Der Islam ist seit 1912 in Österreich als Religion anerkannt.

Wiewohl es sich bei der Diskussion um den Islam in Österreich auch um eine Debatte über das Verhältnis von Staat und Religion handelt, ist das nicht die Frage, die die öffentliche Meinung strukturiert.

Die Autnes-Vorwahlstudie 2013 (bis zur nächsten Nationalratswahl sind das die aktuellsten Daten zu dem Thema) erhob die Zustimmung der Befragten zu folgender Aussage: "Der europäische Lebensstil und der von Muslimen sind problemlos vereinbar."

Die erste Grafik zeigt, dass die Zustimmung dazu relativ gering ist. Religiöse Menschen (Muslime wurden aus der Auswertung genommen) haben mit elf bis zwölf Prozent eine etwas geringere Zustimmung als nicht religiöse (15 bis 16 Prozent). Wie man die Integrationsfähigkeit des Islams in Europa bewertet, hängt also kaum von der eigenen Religiosität ab.

Ein ganz anderes Bild ergibt sich, wenn man die Antworten nach der Einstellung zur Zuwanderung aufschlüsselt (gefragt wurde nach der Zustimmung zu einem Zuwanderungsstopp, die Antworten erfolgten auf einer Fünferskala von "Stimme sehr zu" bis "Stimme gar nicht zu").

In der Gruppe, die einen Zuwanderungsstopp am stärksten befürwortet ("Stimme sehr zu"), sind nur acht Prozent der Ansicht, muslimischer und europäischer Lebensstil wären problemlos vereinbar. Je zuwanderungsfreundlicher die Einstellung, desto höher wird die Vereinbarkeit eingeschätzt (dennoch sieht eine Mehrheit in allen Gruppen die Vereinbarkeit skeptisch). Die Korrelation der Lebensstilfrage mit der Zuwanderungsfrage ist also bedeutend stärker als jene mit der Religiosität der Befragten.

Anders gesagt: Wie man die Möglichkeiten des Zusammenlebens von Muslimen und Nichtmuslimen einschätzt, hängt nicht mit der eigenen Religiosität zusammen, wohl aber mit der Einstellung zur Zuwanderung im Allgemeinen.

Vielleicht gelingt es deswegen vielen Politikern so oft, ungestraft mit Säkularismusargumenten zu hantieren, ohne diese Argumentationslinie auch nur im Geringsten konsequent durchhalten zu müssen (etwa bei der Frage, ob Kreuze in Klassenzimmern oder Gerichtssälen vertretbar sind). Solange sich das nicht ändert, bleibt die Islamdebatte wohl eine Stellvertreterdiskussion, bei der es im Grunde um Zuwanderung geht und nicht um Religion und ihr Verhältnis zum Staat. (Laurenz Ennser-Jedenastik, 9.2.2017)

Laurenz Ennser-Jedenastik ist Politikwissenschafter an der Universität Wien.

Zum Thema: Das Kreuz bleibt in Gerichten und Schulen

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