Ein Platz, ein Studium – und ein bisserl Geld

Kommentar der anderen8. Februar 2017, 17:21
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Die von der Regierung nun beidseitig ins Auge gefasste Studienplatzfinanzierung bringt einige Vorteile. Deren größter ist: Die Studienqualität wird sich deutlich verbessern, "sozial Schwächere" profitieren überproportional

Im jüngsten Tatort aus Wien hatte das kongeniale Duo Harald Krassnitzer / Adele Neuhauser im Universitätsmilieu zu recherchieren, als Motivhintergrund fungierte der erhebliche Druck, dem heute Studierende ausgesetzt seien.

Zumindest einiges von diesem Druck wird schwinden, wenn nun endlich die Studienplatzfinanzierung an den Universitäten ins Werk gesetzt werden kann. Ihre zentralen Aspekte sind eine treffsichere Finanzierung des Aufwands, der Universitäten aus der Lehre erwächst, und eine Steuerung des Zugangs zu den jeweiligen Studienfächern. Das Einlenken von Bundeskanzler Kern auf die langjährige ÖVP-Forderung, zuerst schon in seiner Welser Rede und dann auch im überarbeiteten Koalitionsabkommen, wird den Universitäten und den dort Tätigen mehrfachen Nutzen bringen.

Man hätte das alles schon früher haben können: Im Herbst 2010 waren die damalige Regierungsspitze Faymann/Pröll und das Präsidium der Universitätenkonferenz übereingekommen, die Universitäten künftig in dieser Form zu finanzieren. In der Folge wurden internationale Beispiele studiert und Rechenmodelle erstellt. Der darauf aufsetzende Umsetzungsversuch blieb Stückwerk.

100 Professuren

In zähen, sich über ein Jahr hinziehenden Verhandlungen gelang es lediglich, dem Koalitionspartner sehr hohe Obergrenzen in ein paar "stark nachgefragten Fächern", so der gewünschte Euphemismus für den üblichen Begriff "Massenfächer", abzuringen, wobei nur Befristungen diverser gesetzlicher Bestimmungen und die Zusicherung, für diese Fächer zusätzlich hundert Professuren zu finanzieren, überhaupt eine Einigung ermöglichten.

Schlagende Argumente von der – insbesondere angesichts wachsender und auch forcierter internationaler Studierendenmobilität – Unverzichtbarkeit eines irgendwie gesteuerten Universitätszugangs prallten am Dogma vom "freien Zugang zur Bildung" ab – doppelt falsch, erstens, weil Bildung auch außerhalb von Universitäten stattfindet, und zweitens, weil auch keine andere Bildungsinstitution ohne Kapazitätsgrenzen funktionieren kann. Solch plausible Analogien von Kindergärten über Schulen bis zu Theatersälen oder Fußballstadien verfingen ebenfalls nicht; die Krone gebührt hier Uniko-Präsident Vitouch für seinen Vergleich mit einem unbegrenzten – und kostenlosen! – Zugang zu den Zügen der ÖBB, wobei dann halt viele in Amstetten schon wieder aussteigen müssten – vielleicht traf er damit wirklich den Kern?

Nun aber zum Nutzen: Als bedeutendsten sehe ich die Verbesserung der Studienqualität, und hierin in erster Linie eine nun flächendeckend leistbare, solide Betreuung und Begleitung der Studierenden. Unerträgliche Folgen ungeregelten Zugangs wie Schikanen beim Anmelden (wer steht am frühesten auf, wer hat das schnellste Netz?), Platznot in den Lehrveranstaltungen, gnadenloses "Hinausprüfen" in den Anfangssemestern und damit ein individuell oft sehr belastender Studienabbruch u. a. fallen weg.

Viele dieser Effekte, insbesondere der zuletzt genannte, werden übrigens gerade sozial Schwächeren zugutekommen, die nicht den "langen Atem" ihrer "reicheren" Studienkollegen haben. Ähnlich positiv sind die Auswirkungen für das Lehrpersonal, das nun endlich von der Abfertigung anonymer Studentenmassen zu persönlicher und individueller Zuwendung übergehen kann – insbesondere bei der Betreuung und Bewertung schriftlicher Arbeiten ein erheblicher Fortschritt.

Für die Universitäten erhöht sich vor allem die Plan- und Steuerbarkeit des Lehrbetriebs. Die dafür nötigen Ressourcen, in erster Linie Personal und Räume sowie deren Ausstattung, können nun zeitgerecht und adäquat bereitgestellt werden. Als bedeutender Nebeneffekt ergibt sich eine Entlastung für das wissenschaftliche Personal, die sich in erhöhter Forschungsleistung niederschlagen kann und im Verein mit flächendeckend besseren Betreuungsverhältnissen auch zu besseren Plätzen bei den so stark wahrgenommenen internationalen Ranglisten führen wird.

Die Wirtschaft, ja, die Gesellschaft insgesamt wird von einer Qualitätssteigerung des Studierens vielfach profitieren, die für die Universitäten eingesetzten und beträchtlichen öffentlichen Mittel können effizienter eingesetzt werden.

Österreich ist Spitze

Österreich zählt hier, entgegen anderslautenden Dauerklagen, bezogen auf das BIP innerhalb der EU und der OECD zu den Spitzenreitern. Vor allem die bei uns extrem schlecht ausgeprägte Verbindlichkeit des Studierens (Beispiele: Mehrfachinskriptionen, zuerst volle, dann halbleere Hörsäle, Nichterscheinen zu angemeldeten Prüfungen) wird sich verbessern.

Unmittelbar nach Bekanntwerden der Pläne erhob sich, von der erwartbaren Kritik der erwähnten Dogmatiker abgesehen, eine Debatte über die brauchbarste Berechnung der Plätze. Von starren Formeln, die über alle Fächer zu legen wären, halte ich wenig. Sinnvoller scheint mir durchaus ein Ausgehen vom Status quo, der ja in einem steten Bemühen um Ausgleich zwischen der studentischen Nachfrage und den dafür notwendigen Ressourcen historisch gewachsen und eben nur bei einigen Massenfächern in den letzten Jahren aus dem Ruder gelaufen ist. Eine gewichtige Rolle dabei wird natürlich der für die jeweiligen Fächer nötige Aufwand spielen: Studienplätze in "Buchfächern" sind eben billiger als solche mit Laborplätzen. Die der Medizin gehören daher weltweit zu den teuersten. Die Notwendigkeit drastischer Reduktionen von Studienplätzen sehe ich daher höchstens in Einzelfällen.

Grundlegender wird die Lösung der Frage nach der Finanzierung sein. Hier muss man darauf hinweisen, dass es letztlich zwei Modelle gibt, ein "Preismodell", bei dem die Kosten jedes Studienplatzes penibel berechnet und finanziert werden, und ein "Verteilungsmodell", bei dem die vorhandenen Mittel auf eine wünschenswerte Zahl an Plätzen aufgeteilt werden. Das erste ist ein Ideal, das deswegen kaum irgendwo erreicht wird. Das zweite trägt den politischen Realitäten Rechnung, ist aber auch angesichts der Schwierigkeit, die Lehrekosten jeweils präzise von denen für Forschung und Verwaltung zu trennen, nicht völlig unangemessen.

Da wartet noch einige Arbeit auf uns. Bei gutem Willen und unter Bedachtnahme auf länger gelebte internationale und auch nationale Praxis (Fachhochschulen!) wird es sicher zu guten Lösungen kommen. Gehen wir's im Doppelsinne der Sentenz "Rationi nulla resistunt" an: Ratio meint natürlich die "Vernunft", der nichts widersteht, aber auch konkret die "Berechnung", die nun anzustellen ist. (Karlheinz Töchterle, 8.2.2017)

Karlheinz Töchterle war Rektor der Universität Innsbruck sowie parteifreier Wissenschafts- und Forschungsminister. Seit 2013 ist er Wissenschaftssprecher der ÖVP im Nationalrat.

  • Die Aufnahmeprüfungen für angehende Mediziner sind für viele eine hohe Einstiegshürde. In Hinkunft soll es auch im laufenden Studium kein Hinausprüfen mehr geben.
    foto: apa/herbert neubauer

    Die Aufnahmeprüfungen für angehende Mediziner sind für viele eine hohe Einstiegshürde. In Hinkunft soll es auch im laufenden Studium kein Hinausprüfen mehr geben.

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