AfD-Vizechef: "Sicherheit wiegt schwerer als Bequemlichkeit"

Interview9. Februar 2017, 09:00
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Grenzen dicht, fordert AfD-Vizechef Gauland. Dass seine Partei zu einem schärferen Klima beiträgt, will er so nicht sehen

STANDARD: Es kommen nur noch wenige Flüchtlinge, die große Koalition verschärft die Sicherheitspolitik. Wird die AfD überflüssig?

Gauland: Das Problem ist nicht mehr so sichtbar. Aber es gibt 400.000 Personen, die in Deutschland noch nicht registriert sind, und es wird nicht konsequent abgeschoben. Um die AfD mache ich mir keine Sorgen. Die Leute wissen: Angela Merkel würde ohne unseren Druck nichts ändern, wir wirken in Opposition.

STANDARD: Sie ziehen also mit dem Thema in den Wahlkampf?

Gauland: Man weiß ein Dreivierteljahr vorher noch nicht, welches Thema den Wahlkampf beherrschen wird. Wenn jetzt Wahlen wären, dann wären wir sehr viel stärker als noch vor ein paar Wochen vor dem Anschlag auf den Weihnachtsmarkt in Berlin.

STANDARD: Ist es in Ordnung, von einem Anschlag zu profitieren?

Gauland: Natürlich nicht. Keiner will, dass Menschen getötet oder verletzt werden. Aber wir können nichts dafür, dass wir vorausgesagt haben, dass sich auf den Flüchtlingsrouten auch Terroristen bewegen. Man hat uns ausgelacht. Dann kam der Anschlag.

STANDARD: Wenn Sie Innenminister wären, wären die Grenzen dicht?

Gauland: Ja, das wäre die einzige Möglichkeit. Wir brauchen eine klare Kontrolle jedes Menschen, der zu uns kommt. Nur wer politisch verfolgt wird, hat Asylrecht.

STANDARD: Kann man Deutschland völlig abschotten?

Gauland: Mir ist klar, dass man ein Land nicht völlig abdichten kann. Aber wenn man an Flughäfen und Grenzübergängen kontrolliert, zudem an der grünen Grenze mehr Polizei und Bundeswehr einsetzt, ist viel erreicht. Natürlich können immer ein paar durchrutschen, aber es gäbe weniger Unruhe in Deutschland, wenn die Menschen kontrolliert werden und nicht eine Million reingelassen wird.

STANDARD: Grenzen dicht – das bedeutet langes Warten an selbigen?

Gauland: Ich möchte auch nicht stundenlang in der Schlange stehen. Aber die Sicherheit wiegt schwerer als die Bequemlichkeit. Die Relation ist immer in Ordnung, wenn ich Sorge haben muss, dass auf der anderen Seite Menschen sterben. Früher gab es ja auch Grenzkontrollen.

STANDARD: Ihr Parteikollege Marcus Pretzell meint, die Toten vom Berliner Weihnachtsmarkt seien "Merkels Tote". Hat er recht?

Gauland: Ich fand das falsch. Wir finden Merkels Politik falsch, aber es ist schon ein Unterschied, ob jemand einen Menschen persönlich umbringt. Ich will eine politische Auseinandersetzung führen und keine strafrechtliche.

STANDARD: Gibt es in der AfD keinen klammheimlichen Beifall, wenn jemand so etwas ausspricht?

Gauland: Ich habe keinen getroffen, der es toll fand. Es gibt ja den Vorwurf, dass wir Provokationen starten und dann zurücknehmen. Erstens sehe ich nicht, dass Herr Pretzell das zurückgenommen hat, zweitens stimmt es nicht.

STANDARD: Trägt die AfD zu einer schärferen Sprache bei?

Gauland: Dass die Sprache rauer geworden ist, hat damit zu tun, dass viele Menschen das Gefühl haben, nicht mehr ernst genommen zu werden. Das macht unzufrieden, der Protest wird schärfer. Aber die AfD, die diesen Menschen eine Stimme geben will, ist nur der zweite Schritt. Der erste ist die Politik, die gemacht wurde.

STANDARD: Wird Parteichefin Frauke Petry Spitzenkandidatin?

Gauland: Ich höre, sie möchte es werden. Der Bundesvorstand will ein Spitzenteam, aber das entscheidet ein Parteitag im April.

STANDARD: Warum lehnen Sie eine Führungsfigur ab?

Gauland: Ein Team kann Spannbreiten und Flügel besser abbilden als nur ein Gesicht. Wir können Menschen, die Björn Höcke (Fraktionschef in Thüringen, Anm.) anspricht, nicht rechts liegen lassen. Den Fehler hat Merkel schon mit den Nationalkonservativen in der CDU gemacht.

STANDARD: Wer will Höcke hören?

Gauland: Menschen mit starkem Nationalgefühl, die das Gefühl haben, dass in den letzten Jahren zu sehr Fehler und historisches Versagen der Deutschen in den Mittelpunkt gestellt wurden, die aber auf ihr Land stolz sein wollen.

STANDARD: Verstehen Sie, dass Höckes Bezeichnung des Holocaust-Mahnmals als "Mahnmal der Schande" viele entsetzt?

Gauland: Die Frage, ob man das mitten in die deutsche Hauptstadt stellen muss, wurde auch schon vor der Errichtung von Rudolf Augstein und Martin Walser diskutiert. Und Höcke hat nicht die Erinnerung Schande genannt.

STANDARD: Man kann es auch anders sehen.

Gauland: Sein Fehler ist, dass er an solche Assoziationen gar nicht denkt, weil ihm Nazis zuwider sind. Er ist eigentlich ein deutscher Romantiker. (Birgit Baumann aus Berlin, 9.2.2017)

Alexander Gauland (75) war 40 Jahre CDU-Mitglied. Von 1987 bis 1991 leitete er die Hessische Staatskanzlei. Seit 2013 ist er AfD-Vizechef, seit 2014 AfD-Fraktionschef in Brandenburg.

  • Alexander Gauland ist Vize von AfD-Chefin Frauke Petry. Er bremst ihre Ambitionen auf eine alleinige Spitzenkandidatur für die Bundestagswahl und tritt selbst in Brandenburg auf Listenplatz eins an.
    foto: foto: apa / philipp guelland

    Alexander Gauland ist Vize von AfD-Chefin Frauke Petry. Er bremst ihre Ambitionen auf eine alleinige Spitzenkandidatur für die Bundestagswahl und tritt selbst in Brandenburg auf Listenplatz eins an.

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