Ägyptens Präsident will mündliche Scheidung abschaffen

9. Februar 2017, 07:00
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Trotz Kritik konservativer Islamgelehrter arbeitet ein Parlamentskomitee einen Gesetzesvorschlag aus

Etwa 40 Prozent der jährlich 900.000 in Ägypten geschlossenen Ehen werden wieder geschieden, noch bevor der fünfte Hochzeitstag gefeiert werden kann. Diese hohe Scheidungsrate gefährde die gesellschaftliche Stabilität, befand kürzlich Präsident Abdelfattah al-Sisi – ein energischer Verfechter konservativer Werte – in einer im Fernsehen übertragenen Rede. Er verlangte, dass künftig die mündliche Scheidung verboten wird; dass Mann und Frau vor einem Maazoun, einem Ehenotar, erscheinen müssen. Damit sei auch die Möglichkeit einer Versöhnung als Ergebnis von Gesprächen gegeben und Scheidungen könnten verhindert werden, begründete der Präsident seine Forderung.

Heute genügt es, wenn der Ehemann die Scheidung mündlich ausspricht. Er kann das ganze Prozedere allein durchführen und im Nachhinein die Frau und die Behörden informieren. So sieht es das islamische Recht vor. Seit mehr als tausend Jahren genügt ein Satz wie "Hiermit scheide ich mich von dir". Mit seiner Forderung, künftig eine Scheidung ebenso wie die Heirat schriftlich zu vereinbaren, hat Sisi die religiösen Institutionen, vor allem die Gelehrten der Al-Azhar-Universität, herausgefordert.

Al-Azhar hat vor einigen Monaten in einem Buch zu diesem Thema bekräftigt, dass die mündliche Scheidung von allen sunnitischen Schulen anerkannt sei. Sie sei Teil des Korans und der Lehre des Propheten, etwas anderes zu verlangen sei inakzeptabel, weil dadurch Gottes Gesetz säkularisiert würde, erklärte Azhar-Professor Ahmed Karima auf Sisis Vorstoß in einer Fernsehsendung.

Vereinfachte Scheidung

Der Präsident hat aber Unterstützung von einigen fortschrittlichen Islamgelehrten erhalten, und eine Parlamentskommission wird einen entsprechenden Gesetzesvorschlag ausarbeiten. Die Scheidungsrate in Ägypten ist in den vergangenen Jahren tatsächlich stark angestiegen. Die Gründe sind vielfältig, angefangen von wirtschaftlichen Schwierigkeiten bis hin zu gesellschaftlichen Zwängen.

Ein wichtiger Grund liegt auch darin, dass im Jahr 2000 die Möglichkeit der vereinfachten Scheidung für Frauen ins Familienrecht aufgenommen wurde. Damals griff der Gesetzgeber ausgerechnet auf islamische Rechtsauslegung zurück. Diese kennt das Prinzip der "Khoula", das der Frau die Scheidung gewährt, wenn sie auf die Brautgabe, die sie von ihrem Mann erhalten hat, und auf Alimente verzichtet. Die Mehrheit der Ehen in Ägypten werden heute so geschieden. (Astrid Frefel aus Kairo, 9.2.2017)

  • Al-Sisi will, dass sich weniger Ägypter scheiden lassen.
    foto: reuters/tiksa negeri

    Al-Sisi will, dass sich weniger Ägypter scheiden lassen.

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