Josef Hader: Ein Rebell mit Risikobewusstsein

9. Februar 2017, 07:00
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Ein "asiatisch eleganter" Rachefilm aus der Perspektive des Stadthedonisten: Josef Hader über sein Regiedebüt "Wilde Maus", das am Samstag auf der Berlinale seine Weltpremiere feiert

Wien – Einer der Vorteile beim Schreiben ist, dass die Fantasie hemmungslos sein darf. Also einmal angenommen, man ist wütend, richtig stinksauer, und würde überlegen, den Ärger physisch auszuagieren: Wie weit würde man gehen? Würde man die Grenze zur Kriminalität überschreiten? Und mit welcher Aktion?

foto: domenigg / filmstills.at / wega film
Ein geschasster Printjournalist (Josef Hader, re., mit Jörg Hartmann) holt zum Gegenschlag aus: ein Versuch über die Armseligkeit in politisch schwer überschaubaren Zeiten.

Sich diese Vorstellung auszumalen sei einer der Anreize beim Drehbuchschreiben gewesen, erzählt Josef Hader über seinen Film Wilde Maus, für den er erstmals in den Regiestuhl gewechselt ist. Ein Mann sinnt auf Rache, holt zum Gegenschlag aus, allerdings "mit dem Risikobewusstsein von einem, der etwas zu verlieren hat". Ist das eine österreichische Form der Auflehnung? Hader lacht. Es sei jedenfalls schön zu beobachten gewesen, "was für armselige Dinge dabei herauskommen".

Gewalt ist seiner Figur eigentlich fremd. Georg, vom Kabarettisten verkörpert, ist Zeitungsredakteur, sein Fach die klassische Musik. So lange ist er schon dabei, dass er sich für unkündbar hält.

Umso härter trifft es ihn, als genau das passiert. Er findet zwar keinen Weg, die neue Situation seiner Frau Johanna (Pia Hierzegger) zu beichten, dafür jedoch Mittel, Ärger und Schmach abzureagieren. Kleine Sachbeschädigungen beim Chefredakteur aus Deutschland machen den Anfang.

Von der Misere der Printjournalisten habe Hader immer wieder von den Betroffenen selbst gehört. Die kriselnde Branche habe zum weltanschaulichen Profil seiner Figur gepasst. "Journalismus, Kritiker zu sein, das ist ein Beruf, der eine ähnliche Selbstidentifikation wie bei einem Künstler zulässt", sagt Hader, "weil er eng mit der Persönlichkeit verknüpft ist. Eine Entlassung ist deshalb eine richtige Katastrophe." Als Künstler könne man anders als ein Journalist selbst aus seinem Scheitern noch Gewinn ziehen, man sei zudem unabhängiger. Die erstaunlich einfühlende Haltung Haders resultiert vielleicht aus dem Umstand, dass er selbst einmal für die Presse tätig war: Nach der Reifeprüfung hat er für Kathpress ein halbes Jahr lang Kurzmitteilungen verfasst.

Projekt der Erweiterung

Wilde Maus ist Teil des Projekts "Josef Hader erweitert seine Arbeitsmöglichkeiten". Im Jahr 2016 hat er kaum Kabarett gespielt, erzählt er, sondern sich stattdessen auf zwei filmische Herausforderungen eingelassen, um aus dem Käfig der Berechenbarkeit auszubrechen. Der eine Film war Maria Schraders vielgelobtes Drama um Stefan Zweig im brasilianischen Exil, Vor der Morgenröte, in dem Hader in einer für ihn ungewohnten Rolle berührte.

Auch mit Wilde Maus habe er sich vorgenommen zu überraschen: "Ich dachte, wenn man eine Ausgewogenheit zwischen dem Tragischen und dem Komischen erreicht, könnte daraus etwas Besonderes entstehen. Probleme sind, wenn zu viel Komödie ist, nichts wert." Anders als bei den im österreichischen Kino vorherrschenden extremen Ausformungen sucht Wilde Maus eine Art Versöhnung von Gegensätzen. "Das ist etwas, was ich auch beim Kabarett immer versucht habe: Ich wollte Programme machen, die in den Kammerspielen München, also vor kunstaffinem Publikum funktionieren, aber auch in der Mehrzweckhalle Amstetten."

kinocheck

Als Regisseur ist es Haders Bestreben, beim Publikum das Gefühl zu erzeugen, dass der Film dem eigenen Leben nahekommt. Das Milieu bleibt die liberale bürgerliche Mitte.

Die Arbeitskrise von Georg weitet sich immer mehr ins Private aus, frisst sich hinein in die Beziehung zu Johanna, weil der Geschasste heimlich viel Zeit im Prater verbringt, "der fernen Insel" des Films. Dort trifft er in Erich (Georg Friedrich) auf einen ähnlich gepolten Verdrussmenschen.

"Ich hatte durchaus eine Satire im Sinn. Ich wollte zeigen, dass diese Bürger, zu denen ich ja selbst auch gehöre, genauso behäbig wie ihre Elterngeneration sind. Nur dass sie sich viel hipper vorkommen." Aus Überforderung hätten sich diese Stadthedonisten politisch zurückgezogen. "Es ist eben einfacher, darüber zu diskutieren, welchen Fisch man essen soll, als darüber, wer im Irak die Guten oder die Schlechten sind. Keiner liest sich durch, was Ceta wirklich bedeutet."

Wie beim Jazz

Regieerfahrungen hat Hader bei den Wolf-Haas-Adaptionen gesammelt, bei denen er an vielen Stellen in die Umsetzung involviert war. Ein besonderes Anliegen waren ihm die Arbeitsbedingungen der Schauspieler. "Oft ist es wegen des Zeitdrucks ja so, dass die Schauspieler neben dem Set wie Oberkellner stehen, die auf Knopfdruck etwas servieren müssen." Das wollte er ändern, sich als Regisseur einbringen und die Zusammenarbeit suchen, ein bisschen "wie beim Jazz – dass also nicht einfach die Takes wiederholt werden, sondern dass man aufeinander reagiert. Dass nicht nur Ich-Kraftwerke am Werk sind."

Auch ästhetisch hat der Regiedebütant Hader, gemeinsam mit zwei Kameraleuten, Xiaosu Han und Andreas Thalhammer, nach originellen Bildauflösungen gesucht und in Cinemascope gedreht. "Wir waren uns einig darüber, dass ein Film, in dem es um klassische Musik und Rache geht, auch eine Art asiatische Eleganz haben darf." Nachsatz Hader: "Die wir dann eh nicht erreichen." (Dominik Kamalzadeh, 9.2.2017)

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