Schüler von der modernen Welt abgeschnitten

11. Februar 2017, 14:47
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Türkischer Geologe Celal Sengör kritisiert die AKP-Entscheidung, Darwin aus Schulbüchern zu streichen

Istanbul – "Für einen zivilisierten, gebildeten Menschen ist das undenkbar", kritisiert der türkische Geologe Celal Sengör die Pläne des türkischen Bildungsministeriums, die Evolutionstheorie von Charles Darwin aus den Schulbüchern zu entfernen. "Die Evolutionstheorie zu streichen heißt, die moderne Menschheit zu streichen", so Sengör, der der bekannteste Atheist und Erdbebenforscher der Türkei ist.

Für die Schüler seien die Pläne des Bildungsministeriums eine intellektuelle Katastrophe. "Sie werden von der modernen Welt abgeschnitten." Die AKP ziehe eine unwissende und religiöse Generation heran. Ein kritisches und selbstständiges Nachfragen solle so unmöglich gemacht werden. Damit wolle die Regierung das Volk leichter beherrschen können. Denn "kritisches Denken ist immer eine Bedrohung". Die Türkei werde dann demnächst dasselbe Bildungsniveau wie Afghanistan haben, so der 62-jährige Anhänger von Republikgründer Mustafa Kemal Atatürk.

Sengör, geboren 1955 in Istanbul, studierte in New York. Er war unter anderem Gastwissenschafter im britischen Oxford, an der Paris-Lodron-Universität Salzburg und am Collège de France in Paris. Seit 1992 ist er Professor an der Technischen Universität Istanbul. Er ist Mitglied der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW).

Kritik an schleichender Islamisierung der Türkei

Seit Jahren schon schreibt er in unterschiedlichen regierungskritischen Tageszeitungen Kommentare zur Reislamisierung türkischer Lehrpläne unter der AKP-Regierung. Er wirft der AKP vor, eine schleichende Islamisierung der Türkei zu betreiben und die von Atatürk verfügte Trennung von Staat und Religion aufzuweichen. So ist Sengör ein Gegner der Lockerung des Kopftuchverbotes in staatlichen Einrichtungen und für Beamtinnen. Denn das Kopftuch sei ein rückständiges politisches Symbol. Religion solle keinen Platz im öffentlichen Leben haben. "Jeder kann seine eigene Religion ausüben", so Sengör. Doch deren Ausübung solle nicht der Gesellschaft aufgedrängt werden. Deswegen begrüßt Sengör auch das in Österreich geplante Neutralitätsgebot.

Mitte Jänner kündigte das Bildungsministerium an, die Evolutionstheorie aus dem Schulunterricht streichen zu wollen. Statt der Evolutionstheorie sollen demnächst Ersatzkapitel mit dem Titel "Lebewesen und die Umwelt" in den Schulbüchern zu finden sein. Zudem sollen alle Hinweise auf Darwin entfernt werden.

Der Sprecher der AKP-Regierung, Numan Kurtulmus, kritisierte die Evolutionstheorie als "veraltet und verfault". Deswegen gehöre sie aus den türkischen Schulbüchern gestrichen, sagte Kurtulmus Ende Jänner in einer Fernsehsendung. Der Politiker kritisierte, wer an die Evolutionstheorie glaube, werde als "progressiv" hervorgehoben. Wer diese Theorie aber ablehne, gelte als "reaktionär". Dies sei aber eine "veraltete Sicht".

"Dieser Mann hat keine Ahnung, wovon er spricht", kritisiert Sengör den Regierungssprecher. Denn die Evolutionstheorie sei die Basis aller Lebenswissenschaften. Kurtulmus solle bei seinen Aussagen stärker differenzieren, fordert der Wissenschafter. "Das ist ein Mensch, der das Denken aufgegeben hat." (APA, red, 8.2.2017)

  • Celal Sengör befürchtet ein absinkendes Bildungsniveau.
    screenshot: youtube

    Celal Sengör befürchtet ein absinkendes Bildungsniveau.

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