Trump und Wissenschaft: Ein Marsch gegen "alternative Fakten"

11. Februar 2017, 08:00
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Die ersten Tage des Präsidenten haben eine Politisierung unter Forschern ausgelöst

Washington/Wien – Als sich am 21. Jänner tausende Frauen in Washington zum Women's March einfanden, dauerte es nicht lange, bis Passanten die Kundgebung mit "We love science!"-Rufen anfeuerten. Schilder mit Aufschriften wie "Stand up 4 Science" und Ausrufe wie "When I say peer, you say review! Peer! Review! Peer! Review!" begleiteten den Demonstrationszug, denn eine Vielzahl von Forschern nahm den Event zum Anlass, auch ihre Bedenken gegenüber Donald Trumps Regierung zum Ausdruck zu bringen. Es war der Tag der Amtseinführung des neuen US-Präsidenten.

Noch sind die konkreten Auswirkungen der Trump-Administration auf die Wissenschaft unklar, doch die ersten Amtshandlungen – zum Beispiel der mittlerweile von der Justiz wieder aufgehobene Travel-Ban gegen sieben muslimisch geprägte Staaten – haben zu einer Welle der Politisierung unter Wissenschaftern geführt: Nach dem Vorbild des Women's March sind für den 22. April, den internationalen Tag der Erde, Demonstrationen von Wissenschaftern weltweit geplant – auch in Wien, wo die Organisatoren gegen Halbwahrheiten und "alternative Fakten" auftreten.

Im Namen der Zahl Pi

Es war nicht zu erwarten, dass ein US-Präsident, der im Wahlkampf an dem vom Menschen verursachten Kimawandel zweifelte, im Amt plötzlich zum großen Fürsprecher der Wissenschaften wird. Trump hält den Klimawandel für ein Gerücht, das gezielt von China erdacht worden sei, und meint, dass Impfungen zu Autismus führen. Schon vor dem Tag der Amtseinführung war deshalb von einem "War on Science" die Rede – in Anspiel auf George W. Bushs "War on Terror".

Obwohl Trumps wissenschaftsfeindliche Ansichten nicht überrascht haben dürften – die Geschwindigkeit, mit der er bereits in den ersten Tagen als US-Präsident Maßnahmen setzte, die der Forschung schaden, motivierte eine Vielzahl von Wissenschaftern zu Tätigkeiten, die nicht zum Kerngeschäft ihrer Profession gehören: demonstrieren, tweeten, politisieren. Zahlreiche Wissenschafter und Unterstützer haben sich etwa in einem politischen Aktionskomitee zusammengeschlossen, das den Namen 314 Action trägt – es handelt sich dabei um die ersten Stellen der Kreiszahl Pi.

Missachtung von Fakten

314 Action geht es darum, neue politische Köpfe aus den Reihen der Wissenschaft zu rekrutieren, "die verstehen, dass der Klimawandel real ist, und die motiviert sind, Lösungen zu finden". Michael Eisen, Genetikprofessor an der University of California in Berkeley, kündigte bereits an, als Reaktion auf Trumps Politik 2018 für den Senat zu kandidieren. Gegenüber dem Fachblatt Nature begründete Eisen seine Entscheidung: "Auf Twitter Reden zu schwingen fühlt sich einfach unangebracht an. Die Leute fragen: Wo sind die etablierten Wissenschafter, um sich zu erheben und die Forschung zu verteidigen? Ich hatte das Gefühl, sie haben recht."

Frances Colon, ehemalige Wissenschaftsberaterin des US-Außenministers, beschreibt die Situation im Gespräch mit dem STANDARD: "Wissenschafter sind beunruhigt über die Signale, die von der neuen Regierung kommen. Bestellungen von wichtigen Positionen brachten zum Ausdruck, wie sehr Trump Fakten missachtet." So wurde der Klimawandelleugner Rick Perry zum Beispiel Energieminister.

Dazu kam die Entscheidung, Förderungen und Stipendien der Umweltschutzagentur Environmental Protection Agency (Epa) einzufrieren – ein Kahlschlag für die Klimaforschung.

Maulkörbe und Twitter-Verbot

Trump hat sich unter Wissenschaftern auch damit unbeliebt gemacht, indem er mehreren Wissenschaftsorganisationen Maulkörbe verhängt hat: Neben der Epa darf auch das Umweltministerium keine Presseerklärungen mehr herausgeben und seine Websites nicht mehr aktualisieren. Der Nationalparkverwaltung hat Trump ein kurzfristiges Twitter-Verbot erteilt, nachdem auf dem Profil zwei kritische Retweets über die Zahl der Inauguration-Besucher erschienen waren.

Dass offenkundig weniger Menschen bei Trumps Angelobung waren als Jahre zuvor bei der Amtseinführung Barack Obamas, wurde von der neuen Regierung so nicht gesehen. Man sprach von "alternative facts".

Als Antwort auf das Twitter-Verbot haben Wissenschafter Protest-Accounts auf Twitter gegründet, etwa den Account AltNatParkSer, eine Anspielung auf den offiziellen Account des National Park Service NatlParkService.

Aus für Klimavideo-Kanal

Auch die Entscheidung der Videoplattform Youtube, hunderte Videos von Klimaforschern zumindest zeitweise vom Netz zu nehmen, sorgte für Unmut. Sie soll unter Einflussnahme der Regierung zustande gekommen sein. Der Youtube-Kanal Climate State, der 12.000 Follower hatte, wurde vorübergehend eingestellt mit der Begründung: "Dieser Account wurde aufgrund von Verletzungen der Nutzungsrechte von Youtube gegen Spam, trügerische Praktiken, irreführenden Content oder von Verletzungen gegen andere Nutzungsbedingungen beendet." Auch die Macher des Kanals hatten keinen Zugriff mehr auf ihre rund 280 Videos, die sie in vierjähriger Arbeit produziert haben, wie sie auf ihrer Website climatestate.com schreiben.

"Die Antwort auf Trump kann nur ziviler Ungehorsam sein", sagt Nancy Scheper-Hughes. Die Anthropologin von der University of California in Berkeley sagte dem STANDARD, als Wissenschafter müsse man nun an die mexikanische Grenze gehen und dort gegen den geplanten Mauerbau demonstrieren. Auch die Wiederaufnahme der Keystone-Pipelines dürfe man nicht hinnehmen. Die Obama-Administration hatte diese Erdölzulieferungskanäle zwischen Kanada und den USA noch als umweltschädigend bezeichnet und deshalb gestoppt.

Bei der Weltraumagentur Nasa zeigt man sich einstweilen abwartend. Mit Trumps Ansage in seiner Angelobungsrede "We stand ready to unlock the mysteries of space" darf sich die Nasa durchaus Hoffnungen auf Investitionen machen.

Geisteswissenschaft in Gefahr

Skeptischer stehen dagegen Geisteswissenschafter den Plänen der neuen US-Regierung gegenüber. Ende Jänner kam das Gerücht im Umlauf, Trump beabsichtige, die staatliche Förderung für die Geisteswissenschaften einzustellen, indem er die National Endowment for the Humanities (NEH) auflöse. Der Bericht wurde bisher aus dem Weißen Haus weder bestätigt noch dementiert.

Zuletzt hat die NEH jährlich 148 Millionen Dollar (rund 140 Millionen Euro) an geisteswissenschaftliche Forschungsprojekte vergeben. Laut "Washington Post" würde diese Kürzung nur 0,003 Prozent des amerikanischen Bundeshaushalts ausmachen, Beobachter schließen daher fiskale Gründe für die Entscheidung aus.

Einfache Umsetzung

Dass Trump den NEH dennoch auflösen könnte, kann den schlichten Grund haben, dass er diese Maßnahme problemlos umsetzen kann: Die NEH ist seit ihrer Gründung 1965 direkt dem Weißen Haus unterstellt, wodurch einst die Bedeutung der Einrichtung betont werden sollte. Das könnte ihr nun zum Verhängnis werden.

Die NEH musste 2014 ihre Räumlichkeiten im alten Postamt in Washington räumen, um für ein anderes Projekt Platz zu machen: Dort hat vergangenen September das Trump International Hotel eröffnet – nach einer Renovierung, die mehr als 200 Millionen Dollar (rund 187 Millionen Euro) gekostet hat. Das ist deutlich mehr als das jährliche Budget der NEH für die Geisteswissenschaften. (Tanja Traxler, Peter Illetschko, 11.2.2017)

  • Am 30. Jänner protestierten Studierende der Columbia University in New York City unter anderem gegen Trumps Travel-Ban – eine Maßnahme, die mittlerweile aufgehoben wurde.
    foto: ap / frank franklin

    Am 30. Jänner protestierten Studierende der Columbia University in New York City unter anderem gegen Trumps Travel-Ban – eine Maßnahme, die mittlerweile aufgehoben wurde.

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