Australien: Katholische Geistliche missbrauchten tausende Kinder

6. Februar 2017, 16:26
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Sieben Prozent der katholischen Geistlichen in Australien haben in den letzten 60 Jahren Kinder missbraucht, wie eine Untersuchung zeigt

"Als Katholiken müssen wir beschämt unsere Köpfe senken." So reagierte Francis Sullivan, ein Vertreter der Kirche, auf die Zahlen der australischen Untersuchungskommission. Zwischen 1950 und 2015 hätten durchschnittlich sieben Prozent aller katholischen Priester des Landes Kinder sexuell missbraucht, bestätigen detaillierte Daten. In einigen Diözesen seien es 15 Prozent gewesen. In einzelnen Orden wie dem bekannten St. John of God Brothers hätten sich gar bis zu 40 Prozent der Glaubensbrüder des Missbrauchs schuldig gemacht.

Die seit vier Jahren laufende Untersuchung ist einer von mehreren Versuchen, den in der katholischen Kirche Australiens offenbar endemischen Missbrauch von Jungen und Mädchen aufzuarbeiten. Die katholische Kirche hatte in den vergangenen Wochen Gläubige vor "düsteren Momenten" gewarnt, mit denen sie in den Medien konfrontiert würden.

1900 Verdächtige identifiziert

Die Kommission hatte Hunderte von Überlebenden interviewt. Dabei wurden fast 4500 Fälle des sexuellen Missbrauchs von Kindern in mehr als 1000 kirchlichen Institutionen dokumentiert – seien dies Kirchen, Heime, Internate oder andere katholische Einrichtungen.

Laut Kommissionspräsident Peter McClellan handelt es sich bei der Mehrheit der Opfer um Jungen. Das durchschnittliche Alter zur Zeit des Missbrauchs war 11,6 Jahre für Jungen und 10,5 Jahre für Mädchen, so die Kommission. Fast 1900 mutmaßliche Täter wurden im Verlauf der Untersuchung identifiziert, 500 weitere blieben namenlos. Bei 32 Prozent der Täter habe es sich um religiöse Brüder gehandelt, die in Schulen, Internaten und Heimen tätig waren. Bei 30 Prozent handle es sich um Priester, 29 Prozent seien Laien gewesen und fünf Prozent religiöse Schwestern.

Dokumente unter Verschluss

Wie die führende Fahnderin meinte, habe sich der Vatikan geweigert, auf Anfrage der Kommission Dokumente auszuhändigen, die den Ermittlungen hätten dienen können. "Der Heilige Stuhl hat geantwortet, es sei 'weder möglich noch angebracht, die geforderte Information zu liefern'", so Gail Furness.

Opfer und deren Angehörige fragen sich seit Jahren, wie es möglich war, dass Kinder in einer so großen Zahl von katholischen Einrichtungen über Jahrzehnte praktisch ungestört missbraucht werden konnten. Laut Gail Furness hätten sich Diözesen nach einem Vorwurf des Kindsmissbrauchs "deprimierend gleich" verhalten. Kinder seien von den Verantwortlichen "ignoriert – oder noch schlimmer: bestraft worden", so die Juristin. Statt die Vorwürfe untersuchen zu lassen, hätten Bischöfe potenzielle Täter in die "nächste Kirchengemeinde versetzt, wo niemand eine Ahnung hatte". Belastende Dokumente seien nicht aufgehoben, sondern vernichtet worden. "Verschwiegenheit und Vertuschung dominierten", so Furness.

Mehrere Anklagen

Als Folge dieser und anderer Untersuchungen sind in den letzten Jahren mehrere ehemalige Geistliche angeklagt und zu zum Teil langjährigen Haftstrafen verurteilt worden. Trotzdem werfen Kritiker der Kirche vor, weiterhin Opfer zu negieren und in gewissen Fällen die Untersuchung von Vorwürfen aktiv oder passiv zu verhindern.

Francis Sullivan meinte als einer der Vertreter der katholischen Kirche mit stockender Stimme, die von der Kommission genannten Zahlen seien "schockierend, tragisch und unhaltbar". Die Kirche habe "massiv versagt" im Umgang mit jenen, für deren Schutz sie verantwortlich sei. Sie sei nun daran, mithilfe von professionellen Verhaltensprogrammen und Protokollen solche Situationen zu verhindern.

Die Kommission wird in ein paar Wochen ihre Arbeit beenden. Bis dann soll die Verhaltenskultur in der Kirche untersucht werden – und wie sie die Verbrechen ermöglicht haben könnte. Sechs Erzbischöfe sind vorgeladen. (Urs Wälterlin aus Canberra, 6.2.2017)

  • Ein Angehöriger trägt eine Brosche mit dem Bild zweier Missbrauchsopfer der katholischen Kirche in Australien. Seit Jahren kämpfen Betroffene und ihre Familien für Gerechtigkeit.
    foto: reuters/david gray

    Ein Angehöriger trägt eine Brosche mit dem Bild zweier Missbrauchsopfer der katholischen Kirche in Australien. Seit Jahren kämpfen Betroffene und ihre Familien für Gerechtigkeit.

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