Krankenhaus Schladming: Ermittlungen in fünf Fällen

6. Februar 2017, 14:33
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Drei von acht strafrechtlichen Verfahren wurden eingestellt

Schladming/Leoben – Im Rechtsstreit um die Missstände auf der Geburtenstation des Diakonissenkrankenhauses Schladming in den Jahren 2010 bis 2014 lenkt die Spitalsleitung jetzt ein und ist zu Entschädigungszahlungen bereit. Voraussetzung ist eine strafrechtliche Verurteilung.

Es habe laut einem Gutachten Fehler gegeben, erklärte der ärztliche Leiter des Spitals, Georg Fritsch, am Montag vor Journalisten in Schladming. Man sei grundsätzlich bereit, Entschädigung zu leisten, hieß es bei dem Pressegespräch. Für die Höhe der Entschädigungssumme warte man auf ein weiteres, vom Zivilgericht angefordertes Gutachten.

ORF-Bericht rollte Fall auf

Die Krankenhausleitung sah sich gezwungen in die Offensive zu gehen, nachdem ein ORF-Bericht in der Vorwoche einen konkreten Fall aufrollte und der Leiter der Staatsanwaltschaft Leoben Ermittlungen gegen das Krankenhaus bestätigte.

Anlass für die strafrechtlichen Ermittlungen sind Vorwürfe, dass bei Geburten in den Jahren 2010 bis 2014 Neugeborene oder deren Mütter gesundheitliche Beeinträchtigungen erlitten haben sollen. Bei Geburten soll es zu Komplikationen mit unterschiedlich schweren Folgeschäden von anhaltenden Behinderungen bis zum späteren Tod eines Neugeborenen gekommen sein.

Konkret wird in vier Fällen wegen fahrlässiger Körperverletzung gegen verantwortliche Ärzte, eine Hebamme und das Krankenhaus ermittelt, erklärte das Spital. Die Staatsanwaltschaft Leoben prüft die Vorwürfe, Anklagen wurden vom Straflandesgericht aber bisher nicht erhoben. Aufgrund eines Gutachtens wurden die Ermittlungen bei vier von insgesamt acht Fällen eingestellt, schilderte die Krankenhausleitung. Bei den verbliebenen vier strafrechtlichen Ermittlungen seien derzeit zusätzlich zwei zivilrechtliche Klagen anhängig.

Die Staatsanwaltschaft Leoben bestätigte Montagnachmittag, dass ursprünglich in acht Fällen mit bedenklicher Geburt gegen das Spital, Ärzte und Hebammen ermittelt wurde. Drei der strafrechtlichen Verfahren wurden zur Gänze eingestellt und in einem Fall wird nur noch gegen einen Arzt ermittelt. In vier Fällen stehen nach wie vor das Krankenhaus Schladming sowie Ärzte und Hebammen unter Verdacht.

Gutachten: Geburt hätte früher beendet werden müssen

In einem der Fälle, der seit 2015 vor einem Zivilgericht verhandelt wird, soll der Facharzt vor rund sieben Jahren zu spät zur Geburt eines Mädchens geholt worden sein. Einem am vergangenen Donnerstag beim Zivilverfahren vorgelegten Gutachten zufolge hätte die Geburt mindestens 14 Minuten früher beendet werden müssen.

Infolgedessen kam es zu einer längeren Sauerstoffunterversorgung und zu Folgeschäden des Kindes, erläuterte die Grazer Anwältin Karin Prutsch im Gespräch mit der APA. Auf Anordnung des Zivilgerichts Leoben soll jetzt zusätzlich ein neonatales Gutachten erstellt werden.

Prutsch vertritt mehrere Frauen, die in Schladming entbunden haben. Sie hat auch die Ermittlungen ins Rollen gebracht. Die Anwältin spricht von fünf strafrechtlich zu prüfenden Fällen und einem möglichen weiteren Fall, der sich 2016 ereignet haben soll.

Von einem aktuellen Fall aus dem Jahr 2016 wisse man nichts, sagte der Sprecher des Krankenhauses, Hannes Stickler. Von den beiden laufenden Zivilklagen habe das Krankenhaus über die Anwaltskanzlei erfahren. Eine Kontaktaufnahme der Betroffenen über die Schlichtungsstelle habe nicht stattgefunden.

Risikogeburten werden weiterverwiesen

Das Diakonissenkrankenhaus in Schladming besitzt eine Geburtenstation mit reduzierter gynäkologischer Grundversorgung, mögliche Risikogeburten werden an andere Spitäler weiterverwiesen, sagte der stellvertretende ärztliche Leiter Rainer Wawrik. Im Herbst des Vorjahres seien die Regelungen hinsichtlich Rufbereitschaft und Anwesenheitspflicht eines Arztes auf der Geburtenstation verschärft worden.

Seit 2010 sind in Schladming rund 1.600 Kinder entbunden worden. Nach einer aktuellen Evaluierung des Krankenhauses liegt die Mortalitätsrate auf der hauseigenen Geburtenstation niedriger als die von der steiermärkischen Krankenanstaltengesellschaft KAGes vorgelegten Mittelwerte.

Die Säuglingssterblichkeit bei Geburten bewegt sich der KAGes-Statistik zufolge insgesamt seit Jahren im Promillebereich. Der Sprecher der KAGes, Reinhard Marczik, erklärte, Todesfälle bei Geburten seien mittlerweile "tragische Einzelfälle". Aber die Klagebereitschaft habe zugenommen. Im Schnitt würden im Jahr "zwei, drei, vier Fälle" verhandelt. Eine Schließung der Schladminger Geburtenstation hält er – schuldhaft oder nicht – für unverhältnismäßig. (APA, 6.2.2017)

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