Goodbye, Datenkrake Apple

Blog6. Februar 2017, 18:00
289 Postings

Die Stunde der Wahrheit: Wenn künstliche Intelligenz in das Leben einer Nutzerin tritt

Es gibt Momente im Leben, die bezeichnet man als "Wahrheitsmomente". Wie aus dem Nichts passiert einem etwas oder man hört etwas in einem Gespräch, und plötzlich geht einem förmlich ein Licht auf. Nach so einem Moment betrachtet man plötzlich das Leben rückwirkend anders. Man sieht die Dinge in einem anderen Licht. Und man verhält sich anders, was die Zukunft betrifft. Solche Wahrheitsmomente können positiv oder negativ sein, sich auf kleinere oder größere Dinge im Leben beziehen. Aber egal wie klein oder groß sie sind, sie sind bedeutsam für unser Leben. So einen Moment hatte ich vergangene Woche, was das Thema künstliche Intelligenz betrifft.

Was Apple alles weiß

Aus dem Fitnessstudio kommend, fahre ich oft direkt am Abend nach Hause ins Burgenland. Derselbe Rhythmus, immer und immer wieder. Dasselbe Studio, derselbe Parkplatz, dieselbe Autobahn und dann mein Heimatort, Breitenbrunn. Ein Muster also (Englisch: "Pattern"), das Informationssysteme heute mit Leichtigkeit erkennen können, wenn sie nur genügend Daten einsammeln, verarbeiten und mit dem Ziel der Mustererkennung analysieren.

Ich habe kein Problem damit, dieses Muster hier über mich zu beschreiben. Vielleicht lesen heute mehr als 10.000 Leser diesen Blog. Dieser Teil meines Lebens ist also kein Geheimnis oder superprivat. Ich entscheide selbst, was ich über mich preisgebe. Aber als ich vergangene Woche ins Auto gestiegen war und wie immer kurz noch einen Blick auf mein Smartphone geworfen hatte, da erschien plötzlich ein kleines Fenster. Eine Message. Unaufgefordert. Sie sagte mir: "Guten Abend! Es sind 45 Minuten nach Breitenbrunn." Diese Nachricht hat mich wahnsinnig überrascht und gleichzeitig sehr wütend gemacht.

Privatsphäre in Theorie und Praxis

Seit 15 Jahren forsche ich im Bereich Datenschutz und lehre auch in dem Fach. Ich weiß, dass Firmen eigentlich alle unsere Informationen permanent loggen und so lange aufbewahren, wie sie nur können. Ich weiß, dass sie Daten aus verschiedenen Quellen miteinander verbinden und gern auch in Länder verschieben, in denen die Datenschutzgesetze schwächer sind als in Österreich. Ich weiß, dass sie mithilfe unserer Daten sehr viel persönlichere Rückschlüsse über uns ziehen können, als dass man auf dem Heimweg ist. Ich weiß, dass da draußen sicherlich mehrere aussagefähige Persönlichkeitsprofile von mir vorgehalten werden. Und ich könnte mir sogar vorstellen, dass meine Bank oder meine Versicherung meine Kreditwürdigkeit oder meine Konditionen mit diesen Informationen indirekt errechnet haben.

Aber all das weiß ich nur in der Theorie; weil ich darüber geschrieben und geforscht habe. Physisch begegnet ist mir diese Überwachung und die künstliche Intelligenz, die sie mit Daten füttert, noch nie. Noch nie habe ich eine Nachricht bekommen, die mir unaufgefordert sagt: "Hi, ich weiß jetzt genau was du vorhast." Und noch nie ist mir die Firma Apple, die mir diese Nachricht mit großer Wahrscheinlichkeit zugesendet hat, so dreist und unverschämt erschienen.

Von Apple verraten

Apple ist eine Firma, die sich seit geraumer Zeit mit dem Thema Sicherheit und Datenschutz brüstet. Überall tritt ihr Chef Tim Cook auf und hält Reden, wie wichtig das Thema "Privacy" für die Firma sei. Es werden demonstrativ Säbel gerasselt, wenn das FBI auf die Telefondaten eines Kriminellen zugreifen möchte. Die Daten seien geheim. Sie würden nicht herausgegeben werden. Die Privatsphäre der Nutzer müsse geschützt werden. Solche großen Taten der Firma, die eigenen Kunden vor dem Staat zu schützen, sind natürlich sehr lobenswert. Sie stärken das Vertrauen in die Marke. In Zeiten von Trump und Co sowieso. Das ist der Grund, weshalb ich Apple immer vertraut habe. Entscheidend ist auch, dass es Apple nicht nötig hat, mit den persönlichen Daten der Kunden Geld zu verdienen. Während die Geschäftsmodelle von Facebook und Google etwa am Tropf der Kundendaten hängen, ist Apple davon nicht abhängig. Die Firma verdient genug Geld mit der Hardware, die sie verkauft.

Aber offensichtlich hat Apple nicht verstanden, dass man die Daten der Kunden nicht einfach beliebig sammeln, auswerten, analysieren und mit Mustern versehen darf; dass die beliebige Nutzung der Kundendaten für das Trainieren der hausinternen künstlichen Intelligenz (zum Beispiel Siri) nicht einfach ohne explizite, freie und separate Zustimmung der Kunden erfolgen darf. Rechtlich ist das zwar erlaubt, aber diese rechtliche Sachlage nützt Apple in meinem Fall wenig. Ich habe Apple zwar die seitenlangen AGBs unterschrieben, die – das weiß Apple sehr genau – niemand liest. Aber ich habe diese Unterschrift im Vertrauen gegeben; im Vertrauen, dass Apple meine Zustimmung nicht missbraucht. Ich bin davon ausgegangen, dass Apple die Leistungsfähigkeit derjenigen Dienste verbessert, die ich nutze. Aber ich bin nicht davon ausgegangen, dass die Firma stattdessen analysiert, wer ich bin, was ich mache oder wohin ich mich bewege, und dann noch die Frechheit besitzt, mir so eine sinnlose Nachricht zu senden, nach der ich nicht gefragt habe, die ich nicht kontrollieren kann, die ich nicht unterbinden kann und die ich nicht will.

Unterschiedliche Wahrheitsmomente

So ein Wahrheitsmoment hat in letzter Zeit nicht nur mich erreicht. Eine Kollegin wurde darüber informiert, dass ihre Fahrradtour zur Universität 20 Minuten beträgt. Sie hat daraufhin ihr Smartphone abgeschafft und sich wieder ein uraltes reines Mobiltelefon zugelegt. Viele Nutzer unserer Facebook-Visualisierungs-App vor zwei Jahren haben damals das erste Mal visuell aufbereitet sehen können, wie genau das soziale Netzwerk die Dynamik des eigenen Freundesnetzwerks kennt. Andere sind überrascht, wenn sie aufbereitet sehen, wie genau eine Firma wie Google alle privaten Standorte im Leben nachvollzieht, wenn sie spontan gefragt werden, ob sie ein gerade aufgenommenes Foto veröffentlichen wollen oder entdecken, dass Google ohne ihr Wissen die favorisierten Youtube-Videos auf dem eigenen Google+-Profil verlinkt hat.

Goodbye, Apple

Ich habe mich gefragt, wie es jetzt weitergehen soll. Bin ich bereit, mich von der Firma Apple in dieser Form weiterhin überwachen zu lassen? Leider gibt es ja auch niemanden, an den ich mich wenden könnte, um mich zu beschweren. Ich kann auch nicht auf das Betriebssystem des Telefons zugreifen, um derartige Messages auszuschalten, geschweige denn Analysen zu unterbinden. Ich habe auch weder Zeit noch Geld, Apple zu verklagen. Und wenn ich so verrückt wäre, das zu tun, würde mich jeder Anwalt lächelnd fragen, wie groß denn hier der Schaden in Geldeinheiten zu bewerten sei. Der Rechtsweg ist also eine Farce. Vielleicht ändert sich das mit der neuen Datenschutzgrundverordnung aus Brüssel, die im Mai 2018 in Kraft tritt.

Aber mir wird zunächst einmal nichts anderes übrig bleiben, als mein iPhone zu ersetzen. Ich könnte mir ein datenschutzfreundliches Blackphone von Styx kaufen. Eine andere Möglichkeit ist, ein Telefon mit dem Betriebssystem Android zu besorgen, wo man Root-Access besitzt. Die dort vorinstallierte Android-Version ist genauso fies wie die von Apple, was die Datensammlung betrifft. Aber immerhin kann man diese Vorinstallation entfernen und sich eine Privacy-freundliche Version im Netz besorgen und aufs Telefon spielen (wenn auch zum Preis des Garantieverlusts). Dann holt man sich noch ein paar gute datenschutzfreundliche Apps wie etwa Signal für den Nachrichtenversand (ein Ersatz für Whatsapp) und OsmAnd als Ersatz für für Google Maps. Man vermeidet möglichst Facebook auf dem Smartphone und installiert auch keine weiteren Apps, die man nicht unbedingt braucht.

Die Kunst des Weglassens ist also gefragt! Und voilà: Man ist schon deutlich weniger verletzbar. Das ist also, was ich jetzt machen werde. Damit geht eine iPhone-Ära für mich vorüber. Und mein Rat an Apple ist nur einer: Wenn ihr schon öffentlich auf Datenschutz und ethische Technik setzt, dann tut es bitte richtig, ehrlich und auf vertrauenswürdige, professionelle, durchdachte Art und Weise. Ansonsten wird es noch viele User geben in Zukunft, die in Anbetracht eurer mächtigen unberechenbaren künstlichen Intelligenz nur eine Wahl haben: "Goodbye, Apple"! (Sarah Spiekermann, 6.2.2017)

Sarah Spiekermann ist Professorin an der Wirtschaftsuniversität Wien, wo sie dem Institut für BWL und Wirtschaftsinformatik vorsteht. Seit mehr als zehn Jahren lehrt und forscht sie zu sozialen Fragen der Internetökonomie und Technikgestaltung.

Sollte so ein Überraschungsmoment auch Ihnen einmal widerfahren sein und ein Umdenken, ein Fragezeichen oder ein Unwohlsein bewirkt haben, dann würden wir uns freuen, wenn Sie mit uns Kontakt aufnehmen. Bitte schreiben Sie an Esther Görnemann, um Ihre Erfahrung zu teilen und gegebenenfalls an einem Forschungsinterview teilzunehmen (esther.goernemann@wu.ac.at). Wir wollen solche "KI-Wahrheitsmomente" näher erforschen und verstehen lernen, was es ist, das uns so sehr ärgert und so wütend macht.

Links

  • Apple sammelt sukzessive die Daten seiner Kunden und schließt daraus Bewegungsprofile und andere Muster.
    foto: reuters/kai pfaffenbach

    Apple sammelt sukzessive die Daten seiner Kunden und schließt daraus Bewegungsprofile und andere Muster.

Share if you care.