Drogenprozess: Der Friseur als Dealer

8. Februar 2017, 07:00
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Ein 35-Jähriger soll versucht haben, auf der Straße Drogen zu verkaufen. Er leugnet das und bietet erstaunliche Begründungen

Wien – Als Angeklagter hat man vor Gericht deutlich mehr Möglichkeiten als ein Zeuge: Man darf auch schweigen oder lügen. Ein Geständnis – darauf weisen Richterinnen und Vorsitzende aber stets hin – ist ein wesentlicher Milderungsgrund. Mark A. entscheidet sich relativ offensichtlich dennoch für Variante zwei. Trotz erdrückender Beweislage.

Der 35-Jährige wurde von einer Polizeistreife im Bereich des Westbahnhofs festgehalten, weil er mit Kokain gedealt haben soll. Einen Vorwurf, den er gegenüber Richterin Sylvia Primer bestreitet.

Die beiden Polizisten erzählen die Geschichte so: Sie seien am 6. Dezember über den Christian-Broda-Platz gegangen und hätten den Angeklagten beobachtet, wie dieser mit jemandem sprach. Als er die Beamten erblickte, habe er das Gespräch abgebrochen, sei in Richtung der Polizisten gegangen und habe dabei Blickkontakt gehalten.

Verdächtige Schluckbewegungen

"Er hat sehr nervös gewirkt", sagt einer der Inspektoren. "Als wir dann eine Identitätsfeststellung machen wollten, hat er den Kopf zur Seite gedreht und Schluckbewegungen gemacht." Einer behauptet, sogar noch Kugeln im Mundraum von A. gesehen zu haben.

Der Angeklagte beteuert, weder mit jemandem gesprochen noch etwas geschluckt zu haben. "Ich bin Friseur und wollte zu einem Kunden fahren", sagt er. "Am Westbahnhof wollte ich in eine Straßenbahn steigen, da ist aber die Tür nicht aufgegangen." Er stieg in die nächste ein, ohne auf die Liniennummer zu achten. "Als die plötzlich in die falsche Richtung fuhr, bin ich ausgestiegen und wollte zurückgehen."

Das könnte theoretisch eine Erklärung sein. Die sich halt mit den späteren Ereignissen ein wenig schlägt. Die Polizisten brachten A. nämlich ins Spital, wo er geröntgt wurde. Die Ärzte stellten mehrere bis zu neun Millimeter große Fremdkörper fest, die vor kurzem verschluckt worden sein müssen.

Fünfmal "Verpackungsmaterial"

In der Justizanstalt Josefstadt wurde er in die spezielle Body-Packer-Zelle gebracht. Über mehrere Tage hinweg wurde in seinem Kot nicht näher beschriebenes "Verpackungsmaterial" gefunden. Nach dem ersten Fund wurde sein Harn getestet und in diesem Kokain festgestellt.

A. kann sich das nur damit erklären, dass er selbst Kokain konsumiert. Für den gefundenen Kunststoff hat er eine originellere Erklärung. Er habe Moi Moi gegessen, eine nigerianische Bohnenpastete, dabei müsse er deren Verpackungsmaterial verschluckt haben.

Es hilft auch nur bedingt, dass er offiziell zwar ohne Beschäftigung und Einkommen ist, dafür im Februar 2016 schon einmal wegen Drogenhandels verurteilt worden ist. Für Richterin Primer spricht das Gesamtbild zweifelsfrei gegen ihn. Er erhält zehn Monate Haft, die Vorstrafe wird nicht widerrufen. A. nimmt das Urteil auf Anraten seiner Verteidigerin an; da die Staatsanwältin keine Erklärung abgibt, ist es nicht rechtskräftig. (Michael Möseneder, 8.2.2017)

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