Englische Geschichtskunde

Blog6. Februar 2017, 10:59
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Wenn in einem Land die Thronfolge mehr als der technische Fortschritt oder Entdeckermut zählt

Wann endete das Mittelalter, wann begann die Neuzeit? Bitte, es gibt natürlich wichtigere Probleme. Aber wenn mein Freund David und ich abends im Pub zusammensitzen, beschäftigen uns manchmal solche Fragen. Unsere Brexit-Streitereien kommen selten zu einem Ergebnis, und das Wetter bietet auch nicht für mehr als ein Pint Gesprächsstoff.

Hingegen Geschichte und ihre Umbrüche, das lohnt den erneuten Gang zur Bar. Mit dem Mittelalter und seinem Ende sei das so, stammelte ich: Gutenberg und der Buchdruck, Kolumbus und die "Entdeckung" Amerikas, die Krise des Christentums, Luthers Thesen, das ist schließlich im Jahr der 500. Reformationswiederkehr hochaktuell. Wann also begann die Neuzeit? Irgendwann zwischen 1450 und 1520.

Das Jahr

Meinen nicht sonderlich geordneten Ausführungen hatte David noch milde zugehört. Nun aber kam das Urteil: So ein langer Zeitkorridor, das sei doch sehr vage, urteilte er ungewöhnlich streng nach einem langen Zug aus dem Bierglas. Der Fall liege doch ganz klar: 1485. 1485?

Ebenso verzweifelt wie vergeblich stöberte ich in meinem Jahreszahlgedächtnis. Es ist eigentlich gar nicht schlecht, zumal wenn Hopfen und Malz den Synapsen ein wenig aufhelfen. Diesmal aber musste ich passen. Ganz einfach, sagte David triumphierend: 1485 endete der Rosenkrieg, Richard III. ("mein Königreich für ein Pferd") sank ins Grab, wie von Shakespeare anschaulich geschildert. Auf dem englischen Königsthron lösten die Tudors die Plantagenet-Dynastie ab.

Der Fortschritt der Technik, Entdeckermut, Religionskritik? Papperlapapp. Im englischen Geschichtsbild zählt bis heute nur die Thronfolge. Von Renaissance haben die wenigsten Schulkinder gehört, die Tudor-Zeit bis zum Tod Elisabeths I. 1603 aber wissen alle einzuordnen. Architektur wird nicht nach Epochen wie Barock oder Rokoko benannt, sondern nach Dynastien wie den Georges (1714–1830). Und das 19. Jahrhundert heißt nach der langlebigen Monarchin Viktoria (1837–1901) nur das Viktorianische Zeitalter.

Merke: Auf der Insel befindet man sich nicht im 21. Jahrhundert, sondern im 66. Jahr des zweiten Elisabethanischen Zeitalters. Darauf noch ein Pint. (Sebastian Borger aus London, 6.2.2016)

  • Seit Montag befindet sich Großbritannien im 66. Jahr des zweiten Elisabethanischen Zeitalters. Königin Elisabeth II. feiert ihr 65. Thronjubiläum.
    foto: reuters/arthur edwards/pool

    Seit Montag befindet sich Großbritannien im 66. Jahr des zweiten Elisabethanischen Zeitalters. Königin Elisabeth II. feiert ihr 65. Thronjubiläum.

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